Wenn man vom Tabakrauchen nicht loskommt, hilft es dann, wenigstens auf E-Zigaretten umzusteigen? Eine groß angelegte Studie aus Südkorea legt nun nahe: Im Vergleich zum kompletten Rauchstopp bleibt die Krebsgefahr beim Umstieg auf das Vaping deutlich erhöht. Experten sind jedoch uneins über die Interpretation der Ergebnisse – und mögliche Konsequenzen daraus.In mehreren Ländern, etwa in Großbritannien, werden E-Zigaretten zur Raucherentwöhnung empfohlen. Seit Langem gibt es jedoch deutliche Hinweise, dass auch E-Zigaretten Krebs auslösen können; wie groß das Risiko genau ist, gerade im Vergleich zu Zigaretten, bleibt aber ungewiss. Erst im März fasste eine große Übersichtsarbeit im Fachblatt Carcinogenesis die bisherigen Befunde zusammen: Demnach zeigen etwa Labor- und Tierstudien, dass der Konsum von E-Zigaretten das Erbgut schädigen sowie oxidativen Stress, Entzündungsreaktionen und epigenetische Veränderungen auslösen kann, alles Dinge, die prinzipiell das Krebsrisiko erhöhen können.Die Autoren kamen zum Schluss, dass die Produkte „wahrscheinlich“ krebserregend sind, konnten das Risiko insbesondere für Lungen- und Mundhöhlenkrebs aber nicht bestimmen. Für epidemiologische Studien, die nachweisen könnten, ob Vaper öfter an Krebs erkranken als andere Bevölkerungsgruppen, sind E-Zigaretten noch nicht lange genug auf dem Markt.Die aktuell in Nature Medicine veröffentlichte Studie eines Teams um Yeon Wook Kim von der Seoul National University versucht nun, diese Wissenslücke zu verkleinern. Für die Arbeit wurde 2018 das Rauchverhalten von 4,5 Millionen Personen erfasst, anschließend wurden die Probanden bis 2023 beobachtet. Dabei war das Risiko für Lungenkrebserkrankungen unter Rauchern, die auf E-Zigaretten umstiegen, etwa eineinhalbmal so hoch wie bei Rauchern, die ganz aufhörten; das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben, war sogar doppelt so hoch.Sechs Jahre sind ein kurzer Beobachtungszeitraum für eine Krankheit wie LungenkrebsBesonders stark erhöhte sich das Lungenkrebsrisiko in der Hochrisikogruppe, also Ex-Rauchern zwischen 50 und 80 Jahren, die auf mindestens 20 „Packungsjahre“ kommen: Dafür multipliziert man die Zahl der täglich gerauchten Packungen mit den Jahren, in denen geraucht wurde. Die Gesamtsterblichkeit war in der Gruppe derer, die umstiegen, dennoch deutlich niedriger als bei aktiven Rauchern.Allerdings bleibt die Unsicherheit groß, zumal sechs Jahre ein sehr kurzer Beobachtungszeitraum sind für eine Krankheit wie Lungenkrebs, die sich über Jahrzehnte entwickeln kann. Auch aus statistischen Gründen sind exakte Ableitungen schwierig: Die Gruppe der langfristigen Ex-Raucher mit E-Zigaretten-Konsum umfasste nur 5050 Personen, bei denen 16 Lungenkrebs-Fälle auftraten.Trotzdem loben Experten die Arbeit. „Die Studie liefert wichtige bevölkerungsbasierte Evidenz zu einer Frage, bei der bislang mechanistische Befunde weit vor der Epidemiologie lagen“, sagte der Onkologe Martin Widschwendter von der University of Sydney dem Science Media Center (SMC). Er verweist auf bisherige Befunde, etwa zu Veränderungen auf Zellebene durch E-Zigaretten, in die sich die koreanische Kohortenstudie konsistent einreihe. Sie zeige, dass der schützende Effekt des Rauchstopps durch den Wechsel zur E-Zigarette epidemiologisch messbar sehr deutlich abgeschwächt werde: „E-Zigaretten sind nicht äquivalent zum Weiterrauchen, heben aber den lungenkrebsspezifischen Schutz des Rauchstopps weitgehend auf.“Für Widschwendter ist die klinische Folgerung klar: „Vollständige Abstinenz von allen Tabak- und Nikotinprodukten bleibt der einzig nachweislich wirksame Weg zur Risikoreduktion.“ E-Zigaretten sollten nicht pauschal als risikofreie Entwöhnungshilfe empfohlen werden.Andere Experten sehen die Ergebnisse jedoch deutlich skeptischer. So verweist der Gesundheitsstatistiker Harry Tattan-Birch vom University College London laut britischem SMC darauf, dass den Schlussfolgerungen diverse Modellierungsannahmen zugrunde liegen. Zudem spiegle Lungenkrebs normalerweise Jahrzehnte der Rauchexposition wider: „Krebsfälle, die in so einer kurzen Zeitspanne auftauchen, kann man viel plausibler mit unerfassten Aspekten des früheren Zigarettenrauchens oder durch eine Rückkehr zum Rauchen erklären als durch ein paar Jahre Vaping.“In Anbetracht aller Einschränkungen seien die Daten konsistent mit ähnlichen Ergebnissen für alle Ex-Raucher, unabhängig vom E-Zigaretten-Konsum, sagte Francesca Pesola, Medizinstatistikerin von der Queen Mary University of London, dem britischen SMC. „Für die vielen Raucher, die ohne Unterstützung nicht aufhören können, bleiben E-Zigaretten ein wertvolles Werkzeug, und der Vorteil des Aufhörens mithilfe von E-Zigaretten sollte nicht übersehen werden.“Allerdings sind E-Zigaretten nicht die einzige Option, wenn Willenskraft allein nicht ausreicht. „Es gibt in Deutschland bewiesen wirksame und sichere Methoden, mit dem Tabakrauchen aufzuhören“, sagte der Suchtforscher Daniel Kotz vom Uniklinikum Düsseldorf dem SMC: etwa zertifizierte Apps, Entwöhnungskurse, Nikotinersatztherapie oder Medikamente, die Entzugserscheinungen lindern. „E-Zigaretten und andere Nikotinprodukte, wie Tabakerhitzer oder Nikotinpouches, gehören nicht dazu.“