Interview«Wenn es geht, sollte man E-Zigaretten meiden»: Forscherin zieht angesichts neuer Erkenntnisse BilanzEine neue Studie zeigt, E-Zigaretten sind womöglich krebserregend. Ute Mons vom Krebsforschungszentrum in Heidelberg erklärt, was Raucher wissen sollten.31.03.2026, 16.52 Uhr4 LeseminutenE-Zigaretten sind nicht harmlos.Tatiana Lavrova / Moment RF / GettyE-Zigaretten erzeugen wohl Krebs – die Hinweise darauf verdichten sich. Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus Australien hat sie nun zusammengetragen. Ute Mons, Leiterin der Abteilung Primäre Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, ordnet die Erkenntnisse des Studienteams ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frau Mons, worüber sollten sich Menschen im Klaren sein, die E-Zigaretten rauchen?E-Zigaretten könnten das Risiko für verschiedene Krebsarten erhöhen, vor allem Mundhöhlenkrebs und Lungenkrebs. Das sind keine harmlosen Produkte.Prof. Ute Mons leitet die Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.PDWie kann das sein? Sie enthalten doch gar keinen Tabak – und es ist ja bei herkömmlichen Zigaretten vor allem der Tabakrauch, der Krebs erzeugt.E-Zigaretten enthalten Trägersubstanzen, die beim Erhitzen für die Bildung des Dampfs verantwortlich sind, und zudem viele verschiedene Aromastoffe. Die sind zwar als Lebensmittelzusatzstoffe zugelassen, aber sie werden in der E-Zigarette sehr stark erhitzt und dadurch zum Teil in schädliche Substanzen umgewandelt. Das nennt man thermische Zersetzung, und das ist das Hauptproblem.Sind E-Zigaretten zumindest etwas harmloser als herkömmliche Zigaretten?Nach allem, was wir bis jetzt wissen, sind sie nicht so schädlich wie herkömmliche Zigaretten. Die stehen nämlich am oberen Ende des Kontinuums, wenn es ums Krebsrisiko geht. Wo genau E-Zigaretten stehen, können wir allerdings nicht genau sagen.Also ist es etwas weniger schlimm, wenn junge Menschen anfangen, E-Zigaretten zu rauchen?Das sollten sie auf keinen Fall tun. Zum einen, weil es ja doch ein Gesundheitsrisiko gibt, zum anderen, weil E-Zigaretten auch süchtig machen. Wer mit dem Konsum anfängt, hat möglicherweise eine lange Abhängigkeitskarriere vor sich. Was man gar nicht machen sollte: beides rauchen, also sowohl E-Zigaretten als auch herkömmliche Zigaretten.Warum?Manche Studien weisen darauf hin, dass die Kombination aus beidem schädlicher ist als jedes Produkt für sich allein. Einen ähnlichen Effekt haben wir, wenn man Alkohol trinkt und raucht. Da erhöht sich zum Beispiel das Risiko für Mundhöhlenkrebs auch viel stärker, als wenn man nur eines von beidem tut.Was man bis jetzt über das Krebsrisiko durch E-Zigaretten weiss, ist noch lückenhaft. Denn die Produkte sind noch gar nicht so lange auf dem Markt. Wie kommt die aktuelle Studie überhaupt zum Schluss, dass E-Zigaretten Krebs verursachen könnten?Die Studie hat systematisch zusammengetragen, was Forscher bisher über dieses Thema herausgefunden haben. Das sind Ergebnisse aus Tierstudien, aus In-vitro-Studien, bei denen man Zellen im Labor untersucht. Ausserdem gab es Untersuchungen an Menschen, bei denen man sich epigenetische Veränderungen angeschaut hat, die mit dem Rauchen von E-Zigaretten zusammenhängen könnten.Epigenetische Veränderungen beeinflussen, welche Gene eines Menschen aktiv sind. So können sie auch an der Entstehung von Krankheiten beteiligt sein.Ja. All diese Studien liefern Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch E-Zigaretten. Diese Hinweise sollte man ernst nehmen.Aber sie beweisen noch nicht, welche Auswirkungen diese Produkte wirklich im menschlichen Körper haben, korrekt?Genau. Man kann zum Beispiel nicht eins zu eins von der Maus auf den Menschen schliessen. Zum einen, weil der Mensch anders funktioniert. Zum anderen, weil die Tiere teilweise mit unrealistisch hohen Mengen vollgequalmt werden. Was uns fehlt, sind die epidemiologischen Studien, die das klarer zeigen können.Dabei betrachtet man Bevölkerungsgruppen über einen langen Zeitraum und vergleicht, welche Krankheiten Nichtraucher, Raucher von Zigaretten beziehungsweise von E-Zigaretten entwickeln.Ja, bis jetzt haben wir viele Hinweise, aber noch keinen sicheren Nachweis, dass E-Zigaretten für den Menschen krebserzeugend sind. Bei herkömmlichen Zigaretten sind alle Zweifel längst ausgeräumt: Sie sind sicher krebserzeugend, und so werden sie von der Internationalen Agentur für Krebsforschung auch klassifiziert. Um bei E-Zigaretten ebenfalls Gewissheit zu haben, müssen wir die Daten aus den erwähnten Langzeituntersuchungen von Bevölkerungsgruppen abwarten. Das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.Kann man nicht andere Wege finden, um schneller zu sicheren Erkenntnissen zu gelangen?Wir wissen, dass Rauchen epigenetische Markierungen im Erbgut verändert. Womöglich gelingt es uns in den nächsten Jahren, darin Marker zu finden, die tatsächlich ein erhöhtes Krebsrisiko signalisieren und uns weitere wichtige Hinweise liefern. Aber so weit sind wir noch nicht.Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit, die ebenfalls vor wenigen Tagen erschienen ist, zeigt: E-Zigaretten können helfen, ganz von herkömmlichen Zigaretten wegzukommen. Allerdings bleiben die meisten dann bei E-Zigaretten. Sollte man lieber auf anderem Weg aufhören zu rauchen?Die Leitlinien-Empfehlungen sind ganz klar: Am besten bekommen Raucher eine verhaltenstherapeutische Unterstützung beim Rauchstopp. Man kann in Kursen lernen, wie man langfristig aufhören kann zu rauchen, wie man mit Rückfallrisiken umgeht und rauchfrei bleibt. Das ist der wirksamste Weg. Das kann man kombinieren mit medikamentöser Unterstützung, also zum Beispiel mit Nikotinpflastern. Manche Menschen brauchen ausserdem Medikamente, um den Suchtdruck zu reduzieren. Es gibt aber Leute, die es trotzdem nicht schaffen oder die diesen Weg aus irgendwelchen Gründen nicht gehen wollen. Für diese Menschen sehe ich E-Zigaretten als eine Alternative. Sie müssen sich aber klar darüber sein, dass sie ein sehr schädliches Produkt durch ein etwas weniger schädliches Produkt ersetzen. Ich würde das vergleichen mit einer kontrollierten Heroinabgabe an Menschen, die heroinabhängig sind. Das sollte ein Ausnahmeweg bleiben.Immerhin lässt sich bei E-Zigaretten der Gehalt an Nikotin reduzieren. So kann man vielleicht doch langfristig die Sucht besiegen?Sie haben auf jeden Fall das Potenzial dafür, und es gibt auch Menschen, die auf diesem Weg erfolgreich waren. Allerdings liegt es nicht im Interesse der Hersteller, dass die Leute den Nikotingehalt reduzieren. In vielen dieser Produkte ist sehr viel Nikotin enthalten. Es wird so bereitgestellt, dass es besonders gut vom Körper aufgenommen werden kann. Das kickt richtig. Wenn es geht, sollte man E-Zigaretten meiden.Passend zum Artikel
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