«Herablassend und respektlos»: Ist Ex-Aussenministerin Annalena Baerbock an Deutschlands Uno-Wahlniederlage schuld?Afrikanische Politiker werfen Baerbock ein belehrendes Verhalten vor, während deutsche Diplomaten ihr Machtstreben rügen. Doch es gehe um Entwicklungspolitik im Grundsätzlichen, erklären Experten.Eric Matt, Berlin07.06.2026, 16.24 Uhr4 LeseminutenAnnalena Baerbock verkündete Deutschlands Wahlniederlage für den Uno-Sicherheitsrat. Trägt auch sie Schuld daran?IMAGO/ANI/ImagoNach Deutschlands gescheiterter Wahl in den Uno-Sicherheitsrat geht die Suche nach den Gründen weiter. Neben den strukturellen Ursachen – wie einer fehlenden politischen Vision, dem blossen Verweis auf hohe Beitragszahlungen oder der umstrittenen deutschen Nahostpolitik – hat die Debatte nun auch einzelne Personen erfasst. In den vergangenen Tagen wurde Kritik an der Person laut, die in der Uno-Versammlung das für Deutschland desaströse Ergebnis verkündet hatte: Annalena Baerbock. Ihr wird «herablassendes und respektloses Verhalten» von Botswanas Ex-Präsident vorgeworfen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit September 2025 ist Baerbock Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen, zuvor war sie Deutschlands Aussenministerin. In ihrer Rolle als deutsche Chefdiplomatin verfolgte sie eine wertegeleitete und feministische Aussenpolitik. Ein derartiger Ansatz bedeutet, dass es weniger um strategische Interessen und mehr um Menschenrechte, Demokratie oder Repräsentanz von marginalisierten Gruppen geht.Baerbock verfolgte eine «feministische Aussenpolitik»Einen derartigen Schwerpunkt hatte Baerbock auch für ihre einjährige Amtszeit bei den Vereinten Nationen anvisiert. In ihrer Antrittsrede im Juni 2025 sagte Baerbock, Frauen müssten «gleichberechtigt mit am Tisch sitzen», um Frieden und Entwicklung in der Welt zu fördern. Sie wolle insbesondere die Zivilgesellschaft einbeziehen und erreichen, dass «keine Stimme ungehört bleibt». Der offizielle Slogan ihrer Präsidentschaft war «Better Together», besser zusammen. Die Friedensforschung gibt einem derartigen Ansatz recht: Inklusive Abkommen, die Frauen oder zivile Akteure explizit einschliessen, halten meist länger und sind stabiler.Doch ein derartiger Ansatz wird auch kritisch gesehen, insbesondere von Ländern, die nicht demokratisch und westlich geprägt sind. Dies zeigte sich in den vergangenen Tagen. Am Rande eines Treffens afrikanischer Spitzenpolitiker in Kenya soll der ehemalige Präsident Botswanas, Mokgweetsi Masisi, sich über Baerbocks Amtszeit bei der Uno beschwert haben. Laut der «Bild»-Zeitung sagte er, sie hätte sich auf ihre diplomatischen Aufgaben konzentrieren sollen, «anstatt zu versuchen, Nigerianern vorzuschreiben, wo sie ihre Toiletten zu bauen haben, und den Afrikanern zu sagen, wie sie mit Elefanten umgehen sollen». Generell habe sich Deutschland «herablassend und respektlos» verhalten.Hintergrund der Aussage ist, dass das deutsche Umweltministerium im Jahr 2024, damals von Baerbocks Parteifreundin Steffi Lemke geführt, die Einfuhr von Jagdtrophäen nach Deutschland aus Artenschutzgründen stärker regulieren wollte. Der damalige Präsident Masisi zeigte sich verärgert, da es zu viele Elefanten in Botswana gebe, was ein Problem für den Lebensraum der Menschen sei. Er bot daraufhin an, Deutschland 20 000 Elefanten zu schenken.Auch die Aussage zu Toiletten in Nigeria hat einen wahren Hintergrund. Im Jahr 2023 stellte die damalige Aussenministerin Baerbock die «Leitlinien zur feministischen Aussenpolitik» vor. In ihrer Rede sprach sie über den Wiederaufbau eines Dorfes in Nigeria, das von der terroristischen Boko Haram verwüstet wurde. Aus Angst vor Attacken mache es einen «grossen Unterschied, ob der Brunnen mitten im Dorf ist, ob die Toiletten mitten im Dorf sind oder ganz am Ende des Dorfes», sagte Baerbock damals.Jürgen Hardt ist aussenpolitischer Sprecher der Union im Bundestag.Bernd Elmenthaler / ImagoDeutschlands Politik bezieht zu den Vorwürfen nur zurückhaltend Stellung. Die Presseabteilung der Sozialdemokraten etwa teilt mit, man wolle sich zu dem Thema derzeit nicht äussern. Jürgen Hardt, der aussenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, sagt auf Anfrage, nach Deutschlands verlorener Wahl gelte es vor allem, den Blick nach vorne zu richten. Eine Lehre aber sei, dass es zwar wichtig sei, «deutsche Interessen mit Verve zu vertreten». Genauso entscheidend aber sei, diese Interessen «mit Angeboten zur Partnerschaft» zu verbinden.Übersetzt dürfte das bedeuten: Baerbock habe zu selten derartige Angebote gemacht und stattdessen ihren werteorientierten Kurs verfolgt.Experte spricht von «paternalistischer Entwicklungspolitik»Zuvor machte auch bereits Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz und ehemaliger Botschafter in Washington, die ehemalige Aussenministerin für die Wahlniederlage mitverantwortlich. Statt die Politik inhaltlich zu kritisieren, sieht er Baerbocks «power grab» im Frühjahr 2025 als schädlich. Denn für das einjährige Amt der Präsidentin der Uno-Generalversammlung war eigentlich Deutschlands erfahrene Diplomatin Helga Schmid vorgesehen. Doch die abgewählte Aussenministerin Baerbock setzte sich letztlich durch. Ischinger schrieb auf X, dieses Verhalten hätten wohl einige «nicht vergessen und dürfte wenig zusätzliche Sympathien für Deutschland ausgelöst haben».Matthias BasedauQuelle: GIGAWas denken Experten über die in Politik und Diplomatie emotional geführte Debatte? Matthias Basedau ist Direktor des Giga-Instituts für Afrika-Studien in Hamburg. Der Professor sagt, die Kritik von Botswanas Präsident sei in diplomatischen Kreisen recht ungewöhnlich, auch wenn diese inhaltlich «in Teilen begründet» sei. Er sieht jedoch nicht die individuelle Amtsführung von Baerbock als Hauptproblem. «Es geht mehr um eine paternalistische Grundströmung in der Entwicklungspolitik, die progressive Themen offensiv vertritt. Diese Werte mögen westlichen Massstäben entsprechen, kommen in Afrika aber oft nicht gut an», sagt Basedau.Patrick RosenowQuelle: Frank PetersAuch Patrick Rosenow von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen warnt vor voreiligen Schlüssen. «Die Suche nach einzelnen Schuldigen – sei es Annalena Baerbock, Johann Wadephul oder Friedrich Merz – greift zu kurz und ist nicht zielführend. Sicherheitsratswahlen werden über Jahre vorbereitet, die Abstimmung ist geheim, und Wahlergebnisse dieser Art sind in der Regel Ausdruck struktureller politischer Entwicklungen, nicht einzelner Personen oder Ereignisse», sagt Rosenow.Es bleibt unklar, was zu Deutschlands Scheitern geführt hat. Klar aber ist: Deutschland wird sich für die Jahre 2035 und 2036 erneut um einen Sitz im Uno-Sicherheitsrat bewerben. Dies gab Bundeskanzler Friedrich Merz jüngst bekannt.Passend zum Artikel