Berching – wo ist das denn? Die Frage verrät schon das Geheimnis dieses Ortes: Kaum jemand weiß, wo er liegt und was ihn ausmacht. Nur ein paar gut informierte Radfahrer aus Süddeutschland und Camper mit Faible für bukolische Landschaften kennen diese Gegend, alle anderen lassen sie links liegen, obwohl Berching ein eigenes Autobahnschild und eine sogenannte Touristische Unterrichtungstafel hat – das sind die großen braunen Schilder mit mehr oder weniger verständlichen Piktogrammen. Und diese Schilder rückt die Straßenverkehrsbehörde nicht einfach so raus, es sei denn, die Attraktion ist von „überregionaler touristischer Bedeutung“. Und zahlen muss die Kommune freilich auch für so ein Schild.Das beworbene Ziel darf nur maximal zehn Kilometer Luftlinie von der Autobahn entfernt liegen, Gewerbebetriebe oder reine Riesen-Malls sind kategorisch ausgeschlossen. Das hindert das nahe, im Schatten einer riesigen Raffinerie gelegene Ingolstadt-Outlet nicht daran, mit drei Millionen Besuchern jährlich der mit Abstand größte Besuchermagnet in der Region zu sein. Selbst internationale Besucher finden massenhaft den Weg in die einer mexikanischen Plaza nachempfundene bonbonfarbene Shoppingmeile. All diese Menschen wissen aber nicht, was sie verpassen, wenn sie nur die Einkaufstüten von Polo Ralph Lauren und Prada in den Kofferraum schmeißen und weiterbrettern. Denn die eigentliche Attraktion hier ist Berching.Die Gegenwart ist schnell vergessenEs gab einmal eine Zeit, da kannte jeder den Namen der Stadt – damals, als Salz noch ein wertvolles Gut war, lag Berching an der wichtigen Handelsstraße nach Nürnberg: Die 8000-Seelen-Stadt im Sulztal war lange eine der wichtigsten Handelsstädte des Bistums Eichstätt. Das Gewässer war für Berching lange eine treibende Kraft, die Verbindung zur Welt. Vor der Erfindung des Dampfantriebs wurden Frachtkähne flussaufwärts mithilfe von Rössern gezogen, an die heute noch die Treidelpferde am Zunftbrunnen erinnern.Vielleicht sorgt die Mauer, die den Ort seit 500 Jahren umgibt, dafür, dass Berching so eine herrliche Ruhe ausstrahlt. Die Fassaden leuchten in zarten Tönen, in Hellblau, Flieder und Lindgrün, die Fensterläden sind farblich abgesetzt, das Fachwerk ist gut in Schuss. Die begehbare Stadtmauer ist gerade wegen Sanierungsarbeiten gesperrt, aber man vergisst die Gegenwart trotzdem schnell: Zwischen den fast zweihundert denkmalgeschützten Bürgerhäusern mit ihren prächtigen Giebeln und Zacken, im Schatten der 13 Türme scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.Ein Bächlein läuft durch eine gemauerte Rinne mitten über den Platz, die vier Stadttore strukturieren noch immer die Verkehrsführung, und höchst selten kommt ein Auto um die Ecke. Und wenn man doch mal ein modernes Gebäude entdeckt, reibt man sich fast die Augen, wie gut es sich ins mittelalterliche Stadtbild einfügt, etwa die Kulturhalle an der Sulz, dem Flüsschen, das durch die Altstadt fließt. Ensembleschutz und ausgeschlafene Behörden entfalten eine wohltuende Wirkung.Hier und dort verfällt eines der Stadthäuser leise und gepflegt, aber das scheint noch zur Entspannung des Spaziergängers beizutragen: Dieser Ort ist nicht hochglanzpoliert, bis er alle Spuren der Geschichte verliert, sondern zeigt lässig sein Alter und das Leben, das durch seine Gassen rauscht. So manche Ruine ist in den vergangenen Jahren aus dem Dornröschendämmer geholt worden und als Hotel wieder auferstanden.Der Turm der St.Lorenz-Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert, rechts davon liegt das Hotel Post.Post BerchingDas Hotel Post etwa. Das Hauptgebäude stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert, es war erst ein Gasthaus, dann Brauerei und Poststation und schließlich ein bekannter Hotelbetrieb. Nach dem Tod der Eigentümerin fiel das Objekt um die Jahrtausendwende an einen Investor aus Kuwait, dessen hochtrabende Pläne, daraus ein Luxusresort zu machen, sich aber im Sand verliefen. Die Stadt kaufte das vor sich hin bröckelnde Anwesen zurück, und eine Hoteliersfamilie aus der Gegend nahm sich des barocken Palais in der Vorstadt an. Heute ist alle Feuchtigkeit aus den Mauern gewichen, die Anbauten aus den Siebzigern sind verschwunden, und die Post hat nun 32 gemütliche Zimmer mit penibel restaurierten Dachbalken, drei Veranstaltungsräume und ein Restaurant, das auf Slow Food setzt.