PfadnavigationHomeGeschichte„WarGames“Dieser Film jagte Ronald Reagan einen solchen Schrecken ein, dass er sofort handelteStand: 07:27 UhrLesedauer: 4 MinutenMatthew Broderick und Ally Sheedy in „WarGames“Quelle: picture alliance/Mary Evans/AF Archive/MgmIm Film „WarGames“ löst ein Hacker beinahe den Dritten Weltkrieg aus. Der Thriller entwarf im Jahr 1983 ein derart beunruhigendes Szenario, dass dies in der realen Welt nicht folgenlos blieb. Dafür sorgte US-Präsident Ronald Reagan.Manchmal haben Spielereien ganz ungeahnte und sehr ernste Auswirkungen. Davon kündet der Spielfilm „WarGames“ von 1983 in gleich doppelter Hinsicht. Zum einen besteht seine Handlung aus einem solchen Szenario. Zum anderen hatte der Film ungewollt ganz reale Folgen in der US-Gesetzgebung. Doch der Reihe nach.„WarGames“ (Regie: John Badham) behandelte zwei Aspekte, welche in den 1980ern eine große Rolle spielten: die Faszination der Homecomputer, in jenen Jahren eine neue und aufregende Technik, die in immer mehr Haushalten Einzug fand und völlig neue Möglichkeiten eröffnete. Und die schier allgegenwärtige Angst vor einem Atomkrieg; die Sorge, der Kalte Krieg zwischen Ost und West könnte heiß werden und die ganze Menschheit in den Tod reißen. Sei es durch sich verschärfende „reale“ politisch-militärische Spannungen – oder durch eine fatale Verkettung von Missverständnissen, die ungewollt zum großen Knall führt.Lesen Sie auchVon letzterem Szenario handelte „WarGames“: Dessen Hauptfigur, der Highschool-Schüler David Lightman (Matthew Broderick) aus Seattle an der US-Westküste, ist sehr gewieft im Umgang mit seinem Computer, er ist ein „Hacker“. Mit seinem Akustikkoppler wählt er sich per Telefonleitung immer wieder unerlaubt in das Computersystem seiner Schule ein und ändert seine miserablen Noten in Bestmarken ab. Davon erzählt er auch seiner attraktiven Mitschülerin Jennifer (Ally Sheedy), die das Ganze erst unheimlich findet, dann aber doch sehr erfreut ist, als David auch ihre Schulnoten per Hackerangriff verbessert.Eines Abends sieht Lightman eine Werbeanzeige für ein neues, spannendes Computerspiel. Das will er sofort ausprobieren, noch bevor es veröffentlicht wird. Also haut er in die Tasten. Nach tagelangen erfolglosen Versuchen wähnt er sich endlich am Ziel: Per Telefonleitung gelingt aus seinem Kinderzimmer heraus die Verbindung zu einem äußerst intelligenten Computersystem, und David beginnt mit diesem das Kriegsspiel „Globaler thermonuklearer Krieg“, wobei der jugendliche Hacker die Rolle der UdSSR einnimmt, die einen Angriff auf die USA vorbereitet.Was David nicht ahnt: Er hat sich nicht mit dem Computersystem eines Spieleherstellers verbunden, sondern mit dem Supercomputer von NORAD, dem nordamerikanischen Luftverteidigungskommando. Dort ist man nun in heller Aufregung und glaubt, die Russen wären tatsächlich im Begriff, einen Angriff einzuleiten. Und der Supercomputer – dessen Befugnisse kürzlich zulasten menschlicher Mitarbeiter ausgeweitet wurden, sodass er Atomraketen selbstständig und nach eigenem Ermessen starten kann – entpuppt sich als unfähig, zwischen Simulation und Realität zu unterscheiden, den Unterschied zwischen beidem überhaupt zu begreifen.Lesen Sie auchMehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenAls Lightman realisiert, was er angerichtet hat, ist ihm bereits das FBI auf den Fersen, und die Welt steht am nuklearen Abgrund. Mit Jennifer ergreift er verzweifelt die Flucht und macht sich fieberhaft auf die Suche nach dem Wissenschaftler, der den Supercomputer der US-Regierung erschaffen hat, um den Atomkrieg in letzter Sekunde abzuwenden.Ein spannender Thriller, der auch knapp viereinhalb Jahrzehnte nach seiner Entstehung noch mitreißend ist und bestens unterhält. Weil er zum einen in der Gegenwart neue Aktualität hat, in der KI immer neue Einsatzbereiche findet (obgleich sie fortwährend gefährlich „halluziniert“) und es immer schwieriger wird, zwischen Simulation, Fiktion und Realität zu unterscheiden. Und auch, weil er heute für Nostalgiker mittleren Alters den zusätzlichen Reiz hat, die Technik aus der „Steinzeit“ der Homecomputer im Film wiederzusehen, 8-Zoll-Disketten und wuchtige Monochrom-Bildröhren inklusive.Lesen Sie auch1983 war „WarGames“ ein großer Hit an den Kinokassen, und zu dem Millionenpublikum, das den Thriller sah, gehörte kein Geringerer als US-Präsident Ronald Reagan, der sich den Film gleich am ersten Wochenende seiner Veröffentlichung in Camp David vorführen ließ. Der frühere Schauspieler blieb zeitlebens ein Filmfan, und das ließ er auch wiederholt in seine Politik einfließen. Beispielsweise als er den Satz „Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen“ aus „Zurück in die Zukunft“ in einer großen Rede zitierte. Wie Millionen andere fand auch Reagan „WarGames“ höchst spannend – vor allem aber zutiefst beunruhigend. Ins Weiße Haus zurückgekehrt, fragte er seine Berater und Experten in einem Treffen, an dem auch der Chairman of the Joint Chiefs of Staff (der Vorsitzende des Generalstabs der Streitkräfte) teilnahm, ob das Szenario von „WarGames“ realistisch sei. Ob ein solcher extrem gefährlicher Hackerangriff auf NORAD tatsächlich stattfinden könne.Eine sofort eingeleitete Untersuchung ergab: Die Gefahr war durchaus real, es gab beträchtliche Sicherheitslücken. Dies führte zu einer grundlegenden Überarbeitung der Sicherheitsmaßnahmen im Verteidigungsministerium sowie zu Anti-Hacker-Gesetzen, die schließlich in den „Computer Fraud and Abuse Act“ von 1986 mündeten. Als dieses Gesetz im Kongress diskutiert wurde, bekamen die Abgeordneten Ausschnitte aus „WarGames“ vorgeführt. Ein Film, der eigentlich nur spannende Unterhaltung bieten wollte – am Ende aber Weltgeschichte schrieb.Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter eine Action-Ikone aus den 1980ern, die Ronald Reagan begeisterte: John Rambo.