Raketen, Satelliten-Internet, Rechenzentren im All: Mit dem Börsengang möchte Elon Musk seinen Lebenstraum finanzieren - eine Kolonie auf dem MarsMusk erfindet SpaceX neu. Er macht aus einer Raketenfirma ein KI-Unternehmen. Ob das gut geht, hängt am Ende von einer Megarakete ab.07.06.2026, 05.30 UhrAlle Zukunftsträume von Elon Musk ruhen auf dem Starship, hier bei seinem zwölften Testflug am 22. Mai.Joe Marin / UPI / ImagoEs war im Jahr 2008, als eine kleine amerikanische Raketenfirma vor dem Ruin stand. Dreimal schon hatte die von ihr entwickelte Rakete einen Fehlstart hingelegt. Das Geld reichte nur noch für einen weiteren Start. Der glückte. Am 28. September 2008 erreichte die Falcon 1 als erste privat entwickelte Rakete mit flüssigem Treibstoff die Erdumlaufbahn. SpaceX war gerettet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.18 Jahre später bringt der Gründer Elon Musk sein Unternehmen an die Börse. Der für den 12. Juni geplante Börsengang könnte zum grössten in der Geschichte werden. Es wird mit einer Bewertung von 1,5 bis 2 Billionen Dollar gerechnet. Das würde frisches Kapital in der Höhe von 70 bis 80 Milliarden Dollar in die Kassen von SpaceX spülen – und Elon Musk seinem Traum näherbringen, die Menschheit zu einer multiplanetaren Spezies zu machen.Der Börsengang zeigt, was aus dem Raketen-Startup geworden ist. SpaceX baut zwar immer noch Raketen. Aber die Raketen sind nur noch Mittel zum Zweck. SpaceX ist in den letzten Jahren zu einem breit aufgestellten Raumfahrtunternehmen geworden, das mit dem Satelliteninternet und mit Rechenzentren im Weltall den Grundstein für eine spätere Besiedlung des Mars legen möchte.Das Satelliteninternet ist der Wachstumstreiber von SpaceXDer Wandel von SpaceX spiegelt sich in den Geschäftszahlen wider. Im vergangenen Jahr schoss SpaceX 170 Raketen ins All – mehr als der gesamte Rest der Welt. Trotzdem trug die Raketensparte 2025 weniger als 25 Prozent zum Umsatz von 18,7 Milliarden Franken bei. Den grössten Teil seines Umsatzes, nämlich 11,4 Milliarden Dollar, erzielte SpaceX im vergangenen Jahr mit seinen Starlink-Satelliten, die einen schnellen Zugang zum Internet liefern.Die Starlink-Konstellation besteht inzwischen aus über zehntausend Satelliten und wird von 10 Millionen zahlenden Kunden genutzt. Das sind doppelt so viele wie im Jahr davor.Der Markt für weltraumgestützte Kommunikation wachse derzeit ungemein schnell, sagt der ehemalige Wissenschaftsdirektor der Nasa, Thomas Zurbuchen, der heute die Weltraumforschung an der ETH Zürich leitet. «Ich glaube, dass der Kommunikationsmarkt in den nächsten Jahren viel grösser wird als der Markt für Raketenstarts.»Für SpaceX hat der Ausbau der Starlink-Konstellation inzwischen oberste Priorität. Das lässt sich mit Zahlen untermauern. Von den 165 Starts der Falcon 9 im vergangenen Jahr dienten 122 dem Transport von Starlink-Satelliten. Die restlichen Raketenstarts wurden an zahlende Kunden wie die Nasa, die ESA, das amerikanische Verteidigungsministerium oder an Satellitenbetreiber verkauft.15 Milliarden Dollar für die Entwicklung des StarshipVon dem Geld, das SpaceX mit den Raketenstarts einnimmt, bleibt nicht viel übrig. Allein im vergangenen Jahr hat SpaceX 3 Milliarden Dollar in die Entwicklung des Starship investiert. Insgesamt sollen es über die Jahre 15 Milliarden Dollar gewesen sein. Das ist selbst für ein weltweit führendes Unternehmen wie SpaceX kein Pappenstiel. «Der Börsengang ist ein gutes Mittel, um herauszufinden, ob das Starship sein Geld wert ist», sagt Zurbuchen.Das Starship ist für die Weltraumpläne von SpaceX essenziell. Denn die Falcon 9 stösst langsam an ihre Grenzen. Mit dieser Rakete lassen sich maximal 23 Tonnen transportieren. Das reicht, um pro Flug rund 20 Starlink-Satelliten der zweiten Generation im Weltraum auszusetzen. SpaceX arbeitet aber schon an der dritten Generation seiner Satelliten. Für deren Transport ist die Falcon 9 zu klein.Mit den neuen Satelliten könnte SpaceX zu einem globalen Mobilfunkanbieter werden, der herkömmlichen Firmen wie der Swisscom oder der Telekom Konkurrenz macht. Die Satelliten der dritten Generation besitzen eine viel grössere Antenne. Dadurch haben sie eine 10-mal so grosse Bandbreite wie ein Satellit der zweiten Generation. Man kann sie mit einem Mobilfunkmast auf der Erde vergleichen, mit dem sich das Smartphone direkt verbinden kann. In Zukunft wird man mit seinem Handy von jedem Punkt der Erde Internet in 5G-Qualität empfangen können.Für den Transport dieser Satelliten ist SpaceX auf das Starship angewiesen, das eine Transportkapazität von 100 bis 150 Tonnen hat. In Zukunft könnte diese Rakete pro Flug bis zu 60 Satelliten der dritten Generation im Weltraum aussetzen.Newsletter «Quantensprung»Wir prüfen Ideen, die wirklich etwas verändern könnten – und wie sie Realität werden. Jeden Freitag diskutiert unsere Wissenschaftsredaktion über visionäre Forschung und ihre Auswirkung auf die Welt – als Podcast und Newsletter.Jetzt kostenlos abonnierenNoch viel wichtiger ist, dass das Starship vollständig wiederverwendbar sein soll. Die Rakete besteht aus zwei Stufen. Die Unterstufe befördert sie bis an den Rand des Weltalls, die Oberstufe bringt sie in eine stabile Umlaufbahn. Bei der Falcon-9-Rakete wird nach dem Start nur die Unterstufe der Rakete aufgefangen. Die Oberstufe verglüht in der Atmosphäre. Beim Starship möchte man auch die Oberstufe bergen und erneut verwenden. Bisher wurde das allerdings bei keinem der 12 Testflüge versucht.Eine vollständig wiederverwendbare Rakete würde Flüge ins All noch günstiger machen. Derzeit zahlen Kunden von SpaceX für jedes Kilogramm Fracht rund 3000 Dollar. Keine andere Firma bietet Raketenflüge ähnlich günstig an. Mit dem Starship könnte der Preis sogar auf wenige hundert Dollar pro Kilogramm sinken. Damit würde SpaceX seine Vormachtstellung im Raketenbusiness zementieren.Wiederverwendbare Raketen können auch schneller für den nächsten Start vorbereitet werden. In dem 270-seitigen Börsenprospekt, den SpaceX im Mai veröffentlicht hat, ist von bis zu tausend Starship-Starts pro Jahr die Rede. Diese Zahl mutet astronomisch an. Eine solche Startfrequenz ist aber nötig, wenn SpaceX in einem Markt Fuss fassen will, der noch höhere Gewinne verspricht als die weltraumgestützte Kommunikation: dem Bau von Rechenzentren im Weltall für KI-Anwendungen.SpaceX wettet auf Rechenzentren im WeltallIn der künstlichen Intelligenz sieht Musk bei weitem die grössten Wachstumschancen. Er schätzt den KI-Markt auf sage und schreibe 26 500 Milliarden Dollar, mehr als 90 Prozent des laut Musk potenziellen Umsatzes von ganz SpaceX. Den Grossteil der KI-Einnahmen – knapp 86 Prozent – verspricht sich SpaceX von Anwendungen in Unternehmen. Aber KI braucht enorm viel Rechenleistung. Und die ist gegenwärtig äusserst schwer zu bekommen.Mit den orbitalen Serverfarmen will Musk dem schleppenden Ausbau der KI-Infrastruktur auf die Sprünge helfen. Denn zurzeit explodieren nicht nur die Kosten für neue Rechenzentren, auch der politische Widerstand wächst. Musk selbst wehte viel Kritik entgegen, als er beschloss, seinen KI-Supercomputer Colossus mit Gasturbinen zu befeuern.Wegen der Stromknappheit greifen auch andere Tech-Firmen auf solche Notlösungen zurück. Inzwischen ist künstliche Intelligenz in den USA auch deshalb unbeliebter als die Grenzpolizei ICE. Gesetzgeber in vierzehn amerikanischen Gliedstaaten versuchen mit Moratorien und Verboten, den Bau neuer Rechenzentren zu verhindern.Musks Kalkül dabei: All diese Probleme werden gelöst sein, wenn die KI-Superrechner im erdnahen Orbit über unseren Köpfen kreisen, statt auf der Erde Land, Strom und Wasser in Anspruch zu nehmen. Im All wären die Server rund um die Uhr mit praktisch kostenfreiem Solarstrom versorgt. Dafür müssten sie einfach in einer sogenannten sonnensynchronen Umlaufbahn an der Tag-Nacht-Grenze platziert sein. Dort scheint die Sonne immer.Die wohl grösste Schwierigkeit bestünde darin, die heisslaufenden KI-Computer zu kühlen. Im All gibt es keine Luft, die die Wärme abführen kann. Da bleibt nur die Option, die Wärme in die eiskalte Umgebung abzustrahlen. Aber dafür wäre ein Radiator – ähnlich einem Heizkörper – nötig. Der müsste vermutlich sehr gross und schwer sein, um all die Abwärme der Server schnell genug abstrahlen zu können. Ein derart schweres Bauteil ins All zu bringen, würde noch einmal die Kosten der Rechenzentren erhöhen. Zudem müsste der Schutz vor der intensiven Strahlung im All garantiert werden. Unklar ist auch, ob Roboter Wartung und Reparaturen übernehmen – wiederum ein Kostenfaktor.Physikalisch machbar wäre das alles schon. Aber die Wirtschaftlichkeit müsste Musk beweisen. Und das dürfte zum grossen Teil daran hängen, ob sich das Starship als wiederverwendbare Rakete bewährt, die mehrmals pro Tag starten und tonnenweise Nutzlast in den Orbit hieven kann.Die KI-Sparte ist bisher eine GeldvernichtungsmaschineGeht die Wette auf die orbitalen Rechenzentren auf, dann hätte SpaceX bessere Chancen, die angeschlagene KI-Sparte auf Kurs zu bringen. Mit dem Kauf von Musks eigener KI-Firma xAI hat sich SpaceX kurz vor dem Börsengang eine Geldvernichtungsmaschine ins Haus geholt. Allein im ersten Quartal 2026 schrieb xAI rund 2,5 Milliarden Dollar an Verlusten, im Jahr 2025 waren es 6,4 Milliarden. Dass Musk sein kriselndes KI-Unternehmen jetzt mit dem profitablen Raumfahrtgeschäft zusammenlegt, kann nur einen Grund haben: KI ist beim gegenwärtigen Hype der grösste Magnet für Investorengelder. Und auf dieser Welle will auch der SpaceX-Gründer reiten.Quantensprung I Episode 32SpaceX: Die Technologien hinter Elon Musks 1,8 Billionen Dollar-FirmaWas Sie vor dem Börsengang wissen müssenLena Waltle mit Christian Speicher und Leonid Leiva AriosaAllerdings ist Musks KI-Modell Grok weit hinter Konkurrenzprodukten von Google, Open AI und Anthropic abgeschlagen. Nicht einmal bei der Regierung, wo Musk aufgrund seiner Nähe zu Trump theoretisch einen Vorteil hätte, stösst der Chatbot auf Begeisterung. Zu allem Übel haben im April auch noch sämtliche Mitgründer von xAI ausser Musk selbst – allesamt renommierte KI-Forscher – die Firma verlassen.Musk hat zwei Möglichkeiten, xAI zu retten. Er kann entweder versuchen, die Konkurrenz durch überlegene Rechenkapazität einzuholen – mehr Rechenleistung ist nämlich Voraussetzung, um bessere Modelle zu trainieren und mehr Nutzern bereitzustellen – oder er kann im Rennen um das beste KI-Modell aufgeben und die Firma zur Anbieterin von Rechenleistung umbauen. So würde er zumindest indirekt am KI-Boom mitverdienen.Letzteres tut xAI jetzt schon, zumindest ansatzweise. Es vermietet seit kurzem sein erstes Rechenzentrum in Memphis im Gliedstaat Tennessee an den erfolgreicheren Konkurrenten Anthropic. Ob Musk an seinem KI-Chatbot festhält oder die Spur wechselt – in beiden Fällen braucht er viel Rechenpower. Die orbitalen Serverfarmen könnten sie ihm geben. Und die hängen ihrerseits vom Erfolg des Starship ab. Das Firmenimperium des reichsten Manns auf der Erde steht und fällt wieder einmal mit seiner nächsten Rakete.«NZZ Live»-Veranstaltung: Von Science-Fiction zur Realität: Lebensraum Weltall?Mit der Nasa-Mondmission Artemis reisen Menschen weiter in den Weltraum denn je zuvor. Wie realistisch ist die Kolonialisierung anderer Planeten tatsächlich? Ein Gespräch mit Thomas Zurbuchen und Rabea Rogge.Dienstag, 30. Juni 2026, 20.00 Uhr, Kaufleuten, ZürichTickets und weitere Informationen finden Sie hier.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel