Präsident Trump hat das Kennedy Center in Washington umgekrempelt und nach sich selbst benannt – was ihm jetzt ein Richter verboten hatEin Whistleblower schildert die unglaublichen Zustände im Epizentrum des amerikanischen Kulturkampfes.Susanna Petrin, Washington (DC)07.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSeit Trump das Kennedy Center übernommen hat, verliert es dramatisch an Publikum und Sponsoren: Unterdessen ist die finanzielle Lage derart schief, dass man es eigentlich schliessen müsste.Gent Shkullaku / ImagoJetzt soll der Name Donald Trump also wieder von der Fassade des Kennedy Centers abmontiert werden. Der Bundesbezirksrichter Christopher R. Cooper aus Washington (DC) ordnete Ende Mai an, dass der Name binnen zweier Wochen vom Gebäude, von allen Hinweisschildern und aus offiziellen Materialien wie Briefköpfen und Visitenkarten zu entfernen sei. «Der Kongress hat dem Kennedy Center seinen Namen gegeben – und nur der Kongress kann ihn ändern», schreibt er in seinem Urteilsspruch. Gleichzeitig stoppte der Richter die von Trump angekündigte zweijährige Schliessung des kulturellen Mehrspartenhauses ab dem 4. Juli vorerst per einstweilige Verfügung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Name Trump ist toxisch für das Kulturzentrum. Seit der US-Präsident im Februar 2025 dessen Aufsichtsgremium mit lauter eigenen Vertrauten neu besetzte, sich selbst zum Vorsitzenden ernannte und dann im Dezember seinen Namen über jenem von John F. Kennedy anbringen liess, ging es mit dem Kulturzentrum bergab. Wo Trump draufsteht, ist auch Trump drin, das sagte sich eine Mehrheit der Besucher und Sponsoren – und wandte sich von der Institution ab. Die Ticketeinnahmen sanken um über 40 Prozent, Geldgeber verabschiedeten sich, Künstlerinnen und Künstler sagten ihre Auftritte ab, die Nationaloper flüchtete an eine neue Spielstätte. Das Kennedy Center ist nicht «hot» geworden, wie Trump angekündigt hatte, es ist vielmehr kaltgestellt worden vom wohl am weitesten rechts stehenden aller republikanischen Präsidenten in der demokratischsten Stadt Amerikas.Korruption, ein abwesender DirektorEin einziger links-liberaler Künstler ging auf das Kennedy Center zu: Josef Palermo liess sich im April 2025 vom neuen Direktionsteam als erster Kurator für bildende Kunst anstellen, obwohl er, wie er im Vorstellungsgespräch betonte, nie für Donald Trump gestimmt hatte und auch nie für ihn stimmen würde. «Damals haben viele Leute das Kennedy Center mit einem brennenden Gebäude verglichen; sie liefen davon, boykottierten es, evakuierten es. Ich habe mich entschieden, ein metaphorischer Ersthelfer zu sein, auf das Gebäude zuzurennen und zu versuchen zu helfen», sagt Josef Palermo bei einem Gespräch in Washington (DC).Zehn Monate ging Josef Palermo im Kennedy Center ein und aus, jeden Morgen hat es sich ein wenig so angefühlt, als ob er im besetzten Paris die Demarkationslinie überqueren würde, wie er es ausdrückt. Was er dort erlebte, überstieg seine schlimmsten Vorstellungen: «Ich wusste, dass es Herausforderungen geben würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich es mit möglicher Korruption und dem Bankrott des Kennedy Centers zu tun haben würde.»Im März wurde Josef Palermo, wie viele weitere Angestellte, entlassen. Darauf beschloss er, als Whistleblower die Missstände am Kennedy Center in der Zeitschrift «The Atlantic» öffentlich zu machen. In seinem Artikel schreibt er Unerhörtes: dass wertvolle Kunstwerke aus der ständigen Sammlung entfernt worden seien, angeblich zu deren «sicherer Aufbewahrung», oder dass der Direktor Richard Grenell – der unter Trumps erster Präsidentschaft dessen Botschafter in Deutschland sowie interimsweise Geheimdienstchef war – sich kaum für das Kulturzentrum interessierte und fast nie anwesend war.In unserem Gespräch doppelt Palermo mit weiteren Vorwürfen nach: «Ich bin überzeugt, dass Ric Grenell die Übernahme des Vorstands eingefädelt hat, um dann mit Trump als Vorsitzendem einen direkten Draht zum Präsidenten zu behalten.» Denn Grenell betreibe weltweit zwielichtige Geschäfte, er brauche Trumps Rückendeckung. Grenell habe dann lieber die frühere Leitung des Kennedy Centers schlechtgemacht, statt eigene Ideen gut zu verkaufen. Er habe Spender vergrault und dabei behauptet, unter ihm seien 130 Millionen Dollar reingekommen – «aber das stimmte nicht». Palermo glaubt, dass dies der wahre Grund für Grenells Abgang, in Wahrheit eine Entlassung, war – «öffentlich wurde es natürlich anders dargestellt».Präsident Biden hat angefangenZu Josef Palermos Überraschung gratulierten ihm viele Konservative zu seinem Artikel. «Ich bekomme Anerkennung dafür, dass ich ein Ende der Politisierung unserer öffentlichen Kunstinstitutionen fordere – von links wie rechts.» Er gehe das Problem aus einer postparteipolitischen Perspektive an: «Wir müssen jetzt gesetzlich festschreiben, dass solche Kommissionen und Gremien paritätisch besetzt bleiben, um den überparteilichen Charakter dieser Institutionen widerzuspiegeln.»Mit dem Auswechseln von Gremien hat gemäss Palermo nicht Donald Trump, sondern sein Vorgänger Joe Biden begonnen. Der demokratische Präsident habe 2021 die zuvor von Trump ernannten Mitglieder aus der US Commission on Fine Arts entlassen – eine Bundesbehörde, welche die Regierung bei der Gestaltung öffentlicher Bauwerke berät. Dasselbe tat er darauf mit dem Advisory Council on Historic Preservation, einem Rat für Denkmalschutz. Palermo zeigt sich überzeugt: «Ohne dieses Vorspiel hätte Trump es nicht gewagt, die Aufsichtsmitglieder am Kennedy Center loszuwerden.»Als Trump schliesslich im Februar ankündigte, das Center müsse wegen dringender Renovationen ab dem 4. Juli für zwei Jahre schliessen, war das für Josef Palermo keine neue Nachricht. «Diese Idee mit der Renovation als Ausrede kursierte intern schon seit letztem August.» Nicht nur seiner Meinung nach ist das eine Strategie, «um die miserable finanzielle Situation des Zentrums zu verschleiern». Denn es gebe zwar ein paar Kleinigkeiten am Haus zu reparieren – ein undichtes Dach, einen defekten Boiler im Keller –, «aber nichts, was eine vollständige Schliessung des Campus erfordern würde».Und nun soll das Kennedy Center gemäss Bundesrichter Cooper offen bleiben. Aber kann es das überhaupt angesichts seiner finanziellen Misere? Nein, befürchtet Josef Palermo. Es ergebe auch keinen Sinn, wenn Trump nun in einem seiner wütenden Truth-Social-Posts das Kennedy Center zurück an den Kongress «übertrage». Das sei rechtlich nicht möglich: «Der Kongress hatte schon immer die gesetzliche Aufsicht darüber. Wenn Trump die operative Kontrolle über das Center wirklich abgeben will, sollte er als Vorstandsvorsitzender zurücktreten.»«Regierung sollte sich nicht einmischen»Die Kennedy-Führung hat angekündigt, eine Berufung gegen das jüngste Gerichtsurteil zu prüfen. Niemand weiss derzeit, wie es weitergeht mit dem prestigeträchtigen Kulturhaus. Diese Unsicherheit sei eigentlich fast noch schlimmer als eine zweijährige Schliessung, sagt eine dem Haus nahestehende Person. Denn wie solle etwa das dort ansässige hochkarätige Nationale Sinfonieorchester unter diesen Bedingungen an dringend notwendige Spendengelder kommen?Könnte es passieren, dass der Name Trump ab- und später wieder montiert wird? «Das ist Amerika, alles ist hier möglich», antwortet eine weitere Quelle. Derweil befindet der Künstler und Whistleblower Josef Palermo: «Die Regierung sollte sich nicht in unsere Kunst einmischen; so etwas tun autoritäre Regierungen.» Er hofft, dass «diese Politisierung unserer Kulturinstitutionen» den Amerikanern wenigstens als Warnsignal diene: «Wir gleiten nicht mehr auf einer schiefen Ebene hinab – wir befinden uns im freien Fall.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
The Trump and Kennedy Center: Ein brennendes Haus. Ein Whistleblower erzählt
Ein Whistleblower schildert die unglaublichen Zustände im Epizentrum des amerikanischen Kulturkampfes.












