Interview«Es hat sich so angefühlt, als würde ich im besetzten Paris leben», sagt Whistleblower Josef Palermo über seine Zeit am Kennedy CenterDer Künstler hat zehn Monate als Kurator am von Trump gekaperten Kennedy Center in Washington (DC) gearbeitet. Was er dort erlebte, überstieg seine schlimmsten Vorstellungen.Susanna Petrin, Washington (DC)05.06.2026, 11.17 Uhr6 Leseminuten«Hinter meinem Rücken wurde etwa der Afrikanische Raum geleert, ein Geschenk von 32 Ländern Afrikas an Amerika»: Proteste im Dezember 2025 gegen die Übernahme des Kennedy Centers durch Donald Trump.ImagoNZZ am Sonntag: Josef Palermo, was steht mit dem Kennedy Center auf dem Spiel?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Josef Palermo: Das Kennedy Center ist seit mehr als fünfzig Jahren Amerikas nationales Kulturzentrum. Es bietet Bühnen für Oper, für Orchester, für Gastproduktionen. Und es ist ein zentraler Ort für den Austausch mit anderen Nationen und Kulturen.Donald Trump hat im Februar 2025 das Board des Kennedy Centers mit eigenen Vertrauten neu besetzt und sich selbst zum Vorsitzenden ernannt. Trotzdem haben Sie dort wenig später eine Anstellung als erster Kurator für bildende Kunst angenommen. Was haben Sie sich davon erhofft?Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon zwei Jahre an einem Kulturprojekt für das 250-Jahr-Jubiläum der USA gearbeitet. Eine private Stiftung zog aber nach der Wahl Trumps ihre Finanzierung dafür zurück. Da habe ich versucht, das Kennedy Center dafür zu gewinnen. Im Laufe dieses Gesprächs bot mir der Assistent des damals neuen Direktors Ric Grenell gleich die Rolle des Kurators für bildende Kunst an. Das Allererste, was ich sagte, war: Ich habe nie für Donald Trump gestimmt, und ich werde nie für Donald Trump stimmen. Ob das ein Dealbreaker sei? Mir wurde versichert: Nein, man wolle am Kennedy Center nicht nur Maga-Loyalisten haben, sondern zeigen, dass es ein Zuhause für alle Amerikanerinnen und Amerikaner sei – unabhängig von ihrer politischen Haltung.Aber Sie wussten, dass Sie sich in die Höhle des Löwen begeben würden?Damals haben viele Leute das Kennedy Center mit einem brennenden Gebäude verglichen; sie liefen davon, boykottierten es, evakuierten es. Ich habe mich entschieden, wie ein Ersthelfer auf das Gebäude zuzurennen und bei den Löscharbeiten zu helfen.Kamen Sie sich dort nicht vor wie ein Spion?Es hat sich so angefühlt, als würde ich im besetzten Paris leben. Morgens wachte ich auf und musste eine Grenze überschreiten – hinein in das, was zum Trump and Kennedy Center wurde. Die Stimmung war angespannt.Spezialist für immersive KunstPDJosef Palermo ist ein Künstler, Kunstveranstalter und Kulturproduzent mit Sitz in Washington, D.C. Er war der erste Kurator für visuelle Künste am John F. Kennedy Center for the Performing Arts. Palermo hat sich auf Neue Medien und immersive Kunst spezialisiert.Was war das wahre Motiv dieser Übernahme? War das die vorsätzliche Zerstörung des Centers, oder glaubte Trump wirklich, er könne es verbessern?Ich bin überzeugt, dass Ric Grenell die Übernahme des Vorstands eingefädelt hat, um dann mit Trump als Vorsitzendem einen direkten Draht zum Präsidenten zu behalten. Grenell betreibt weltweit zwielichtige Geschäfte, er braucht Trumps Rückendeckung. Das Kennedy Center war ihm dagegen ziemlich egal: Er war kaum im Haus, da hetzte er gegen die frühere Leitung, statt über eigene Ideen zu sprechen. Dabei gab es die: Ich wurde für die Kunst eingestellt, ein neuer Programmdirektor für Musik sollte mehr amerikanische Genres wie Country, Bluegrass und Folk ins Haus holen. Grenell hätte damit Spender anziehen können, stattdessen vergraulte er sie. Trotzdem behauptete er, unter ihm seien 130 Millionen Dollar reingekommen – aber das stimmte nicht.So etwas muss ja auffliegen. Ist das der wahre Grund, warum er von Trump wieder abgesetzt worden ist?Ich glaube, es ist der wahre Grund für Grenells Abgang – öffentlich wurde es natürlich anders dargestellt.In Ihrem Whistleblower-Artikel für «The Atlantic» schreiben Sie auch, dass mehrere wertvolle Kunstwerke aus dem Center verschwunden seien.Kurz nachdem Präsident Trump die baldige Schliessung des Centers verkündet hatte, rief Ric Grenell mich in sein Büro und sagte, ich solle alle Objekte aus der Kunstsammlung entfernen. Ich versuchte, Zeit zu schinden. Aber hinter meinem Rücken wurde etwa der Afrikanische Raum geleert, ein Geschenk von 32 Ländern Afrikas an Amerika. Dort gab es wunderschöne Textilien, eine handgeschnitzte Türe aus 700-jährigem Holz und eine Skulptur, welche die kollektive Trauer der Afrikaner über Kennedys Ermordung darstellte. Im Februar bemerkte ich, dass all das weg war.Wo sind diese Kunstwerke jetzt?Ich weiss es nicht. Das Kennedy Center gab eine Erklärung ab, wonach diese Objekte zu ihrer sicheren Verwahrung entfernt worden seien. Der Afrikanische Raum wurde auch deshalb geräumt, weil ein zwielichtiger Geschäftsmann namens Gaurav Srivastava dem Kennedy Center Geld für eine Lounge gespendet hat.Das alles klingt, als lebten wir hier in einer, wie soll ich es politisch korrekt sagen . . .. . . Bananenrepublik. Ja, so ist es. Ich wusste, dass es Herausforderungen geben würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich es mit möglicher Korruption und dem Bankrott des Kennedy Centers zu tun haben würde.Das Center sieht im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden in den USA nicht so aus, als ob es renovationsbedürftig wäre.Es gibt ein paar Dinge, die repariert werden müssen – ein undichtes Dach, einen defekten Boiler im Keller –, aber nichts, was eine vollständige Schliessung des Campus erfordert.Es scheint fast zu offensichtlich: Diese renovationsbedingte Schliessung sollte doch nur vertuschen, wie schlimm es um das Haus mittlerweile steht. Die Ticketverkäufe sind im Keller, die Reputation ist im Eimer.Ja, das stimmt. Und diese Idee mit der Renovation als Ausrede kursierte intern schon letzten August. Als Trump diese Pläne im Februar ankündigte, wusste ich, dass die Verantwortlichen das schon länger geplant hatten, um die Finanzen zu verschleiern. Ausserdem wollte man so die Tarifverträge mit den Gewerkschaften auslaufen lassen.Nun ist es gerade zu einer neuen Wendung gekommen: Ein Richter hat angeordnet, dass Trump seinen Namen vom Kennedy Center entfernen muss. Ausserdem lässt er die Schliessung und Renovierung des Centers stoppen. Was passiert jetzt?Ich weiss nicht, wie das finanziell derart angeschlagene Haus den Betrieb über Juli hinaus weiterführen kann. Ich glaube, deshalb versucht Trump nun, sich öffentlich davon zu distanzieren: In einem Truth-Social-Post erklärte er, er «übertrage» das Kennedy Center zurück an den Kongress. Das kann er rechtlich gar nicht: Der Kongress hatte schon immer die gesetzliche Aufsicht darüber. Wenn Trump die operative Kontrolle über das Center wirklich abgeben will, sollte er als Vorstandsvorsitzender zurücktreten. Dessen finanzieller Zusammenbruch ist schliesslich unter seiner Aufsicht geschehen.Ist die politische Vereinnahmung des Kennedy Centers ein Präzedenzfall? Wurden solche Gremien nicht schon früher aus politischen Gründen umbesetzt?Die meisten dieser Gremien sind parteiübergreifend besetzt – 50 Prozent Demokraten, 50 Prozent Republikaner. Es gab dafür ein Gentlemens Agreement zwischen den Parteien und ihren Präsidenten. Trump hat in seiner ersten Amtszeit keine der von Obama ernannten Personen aus irgendeinem dieser Gremien entlassen. Doch 2021 hat Joe Biden die zuvor von Trump ernannten Mitglieder aus der US Commission on Fine Arts entlassen – eine Bundesbehörde, welche die Regierung bei der Gestaltung öffentlicher Bauwerke berät. Dasselbe tat Biden daraufhin mit dem Advisory Council on Historic Preservation, einem Rat für Denkmalschutz. Ich bin überzeugt: Ohne dieses Vorspiel hätte Trump nicht gewagt, die Aufsichtsmitglieder am Kennedy Center loszuwerden.Geht es nun so weiter? Wird Kultur in den USA allgemein stärker politisiert?Die US Commission on Fine Arts etwa ist jetzt wiederum komplett auf Trumps Linie; sie hat den Triumphbogen genehmigt sowie den neuen Ostflügel des Weissen Hauses. Aber man muss fairerweise sagen, dass wir auf beiden politischen Seiten die Politisierung von Kultur und Kunst erleben.Wie war die Reaktion auf Ihr Whistleblowing?Ich war angenehm überrascht, dass viele sehr konservative Leute mir gratuliert haben. Ich gehe das Problem aus einer postparteipolitischen Perspektive an: Wir müssen jetzt gesetzlich festschreiben, dass solche Gremien parteiübergreifend bleiben müssen, um den überparteilichen Charakter dieser Institutionen widerzuspiegeln.Erachten Sie den Niedergang des Kennedy Centers als emblematisch für die gesamte Trump-Ära?Eine frühere Regierungsangestellte hat mir gesagt: «Was ihr am Kennedy Center erlebt, ist nur ein Mikrokosmos des ganzen Rests dieser Regierung.»Wann wird alles Weitere ans Licht kommen?Das wird wahrscheinlich eine Generation dauern. Aber die meisten Amerikaner können sich schon jetzt darauf einigen, dass die Regierung sich nicht in unsere Kunst einmischen sollte; so etwas tun autoritäre Regierungen. Die Politisierung unserer Kulturinstitutionen sollte ein Warnsignal an das ganze Land sein: Wir gleiten nicht mehr auf einer schiefen Ebene hinab, wir befinden uns im freien Fall.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Der Künstler hat zehn Monate als Kurator am von Trump gekaperten Kennedy Center in Washington (DC) gearbeitet. Was er dort erlebte, überstieg seine schlimmsten Vorstellungen.









