Indiens Führung wird immer autoritärer. Dieser Vierzehnjährige kämpft mit seinen 2,4 Millionen Followern dagegen anDie Instagram-Videos von Ashwamit Gautam werden millionenfach angesehen. Er kritisiert Premierminister Narendra Modi, die Korruption, den Hindu-Nationalismus. Kaum ein Thema ist ihm zu heikel. Dadurch gerät er ins Visier der Staatsgewalt.Ahmer Khan (Text und Bilder), Lucknow07.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAshwamit Gautam ist erst 14 Jahre alt. Doch er legt sich bereits sehr erfolgreich mit den Eliten in Indien an.Ashwamit Gautam ist ein aussergewöhnlicher Vierzehnjähriger. Nicht wegen seines Äusseren. Schwarzes, dichtes Haar, spitzbübisches Lächeln, alles ganz normal. Das Aussergewöhnliche sieht man an seinem Rucksack. Sieben, vielleicht acht Kilogramm wiegt der. Wenn man ihn öffnet, kommen Bücher, Laptops und Ladekabel zum Vorschein. Dazu noch Dinge fürs tägliche Leben, denn Ashwamits Leben findet hauptsächlich ausserhalb der eigenen vier Wände statt, ausserhalb von Schule, Prüfungen und Freunden. Ashwamits Leben dreht sich um Content-Creation.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit einem Jahr verbringt er die meisten seiner Nächte in einer Bibliothek, rund drei Kilometer von seinem Haus am Stadtrand von Lucknow entfernt, der Hauptstadt des nordindischen Gliedstaats Uttar Pradesh. Die Bibliothek ist rund um die Uhr geöffnet. Zu Hause gibt es oft keinen Strom, also kommen er und sein älterer Bruder Aditya gegen zehn Uhr abends, breiten ihre Bücher und Laptops aus und fangen an zu arbeiten. Aditya lernt für sein Jurastudium. Ashwamit liest Zeitungen, schreibt Skripte, schneidet Videos und scrollt durch die sozialen Netzwerke auf der Suche nach Material. Wenn es zu spät wird, um nach Hause zu fahren, schlafen sie auf Matten auf dem Boden.Ashwamit ist ein Polit-Influencer. In seinen Beiträgen legt er sich immer wieder mit Premierminister Narendra Modi und seiner Hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) an, er spricht über Kastendiskriminierung, Wahlbetrug und Medienmanipulation und stellt unbequeme Fragen über die Zukunft des Landes. 2,4 Millionen Menschen folgen ihm auf Instagram, mehrere seiner Videos wurden über 10 Millionen Mal aufgerufen.Ashwamit dreht ein Video an einem verschmutzten Fluss in Lucknow.Ashwamit dreht seine Videos in einer Zeit, in der Meinungsfreiheit in Indien unter Druck steht. Im Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen belegt das Land dieses Jahr Platz 157 von 180. Aktivisten landen im Gefängnis, Oppositionelle werden mit Gerichtsverfahren überhäuft. Auch gegen Ashwamit läuft ein Ermittlungsverfahren. Doch ans Aufhören denkt er nicht.Ein «Unberührbarer»Um Ashwamit zu verstehen, hilft es, mit seinem Namen zu beginnen. In seinen frühen Schuljahren hiess er nicht Ashwamit Gautam, sondern Ashwamit Sharma. Ein wichtiger Unterschied: Gautam weist ihn als «Unberührbaren» aus, als Dalit, Mitglied einer Gemeinschaft, die in Indiens Kastenhierarchie traditionell ganz unten steht. Jahrhundertelang von Bildung ausgeschlossen, aus Tempeln verbannt, zum Essen und Sitzen abseits der anderen gezwungen. Ashwamits Vater, ein Gärtner, meldete seinen Sohn bei der Einschulung deswegen unter einem anderen Nachnamen an, um die Kaste zu verbergen.Ashwamits Eltern haben sich vor Jahren getrennt. Der Vater wohnt in der Nähe und lässt manchmal Gemüse vor der Tür. Die Mutter und die Schwester leben in Delhi.Ashwamit und sein Bruder Aditya leben gemeinsam mit ihrer Grossmutter in einem kleinen, blau gestrichenen Haus am Ende einer schmalen Gasse. Die Räume sind eng, jede freie Fläche wird genutzt: als Schreibtisch, Bücherregal oder Ablagefläche. Hinter Ashwamits Stuhl bedecken Hunderte handgeschriebene Notizen die Wand. Es sind Zitate, Erinnerungen, Videoideen.Aditya und Ashwamit Gautam in ihrem Haus. In letzter Zeit verbringen sie mehr Zeit in der örtlichen Bibliothek als hier.In einer Ecke des Hauses steht ein ramponierter Schrank, vollgestopft bis zum Rand: der Hindi-Klassiker Premchand neben dem deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, der Revolutionär Bhagat Singh neben der indischen Verfassung, der Journalist Ravish Kumar neben dem Historiker Ramachandra Guha. Die meisten Bücher hat Ashwamit gebraucht an Metrostationen gekauft oder von Freunden ausgeliehen. In den letzten drei Jahren hat er nach eigener Schätzung rund vierhundert Bücher gelesen, neunzig Prozent auf Hindi, den Rest auf Englisch. Gerade liest er das Tagebuch der Anne Frank. Ashwamit sagt: «Wenn ich vierhundert Bücher gelesen habe, habe ich das Leben von vierhundert Schriftstellern gelebt.»Dieses Wissen in Videos umzusetzen, darauf kam Ashwamit erst später. Seine ersten Filmchen waren ganz banal: Er erzählte von der Geschichte seiner Stadt, sprach über Bücher und Bäume, liess Familienmitglieder vor die Kamera. Früher lispelte er noch, doch mithilfe von Youtube-Tutorials trainierte er sich das ab. Er übte vor dem Spiegel, einen Bleistift zwischen den Lippen, wiederholte schwierige Wörter, jeden Tag, bis er flüssig sprach. Zwei Jahre lang lud er Videos hoch, ohne dass jemand gross zuschaute.Mithilfe von Youtube-Tutorials trainierte sich Ashwamit das Lispeln das ab.Der Wandel zur Politik kam schrittweise. Die Leute kommentierten seine Videos und fragten, warum er keine gesellschaftlichen Themen aufgreife. Die Frage schien ihm berechtigt, sagt Ashwamit, denn er las zu dieser Zeit Bücher über Politik und Journalismus, «und ich sah die Dinge um mich herum, die nicht funktionierten».Sein erstes explizit politisches Video drehte sich um einen öffentlichen Wassertank in seiner Nachbarschaft, der eingestürzt war und mehrere Menschen verletzt hatte. Weil offenbar minderwertiges Baumaterial verwendet worden war, sah Ashwamit darin ein Beispiel für die Korruption indischer Behörden.Die Zuschauer zeigten sich fasziniert ob diesem Teenager, der mit einer solch ungewöhnlichen Selbstsicherheit über Politik sprach. Manche widersprachen ihm, andere fanden ihn erfrischend. Aber sie schauten zu. Das Publikum wuchs. Dann kam der Moment, der ihn vom Nischenproduzenten zur politischen Figur machte.Ein Fan will ein Selfie von Ashwamit. Er kann kaum mehr auf die Strasse gehen, ohne erkannt zu werden.Anfang 2026 sass Ashwamit in der Bibliothek, als die Polizei auftauchte und ihn aufforderte mitzukommen. Jemand hatte Anzeige wegen eines seiner Videos erstattet. Darin hatte er auf die Verhaftung einer Volkssängerin reagiert, der vorgeworfen wurde, eine hinduistische Göttin beleidigt zu haben. Ashwamit hielt dagegen und sagte, dass alle Religionen respektiert werden müssten. Er bebilderte seinen Standpunkt mit einem Foto aus dem Internet, das den hinduistischen Gott Ram mit dem Gesicht der Zeichentrickfigur Doraemon zeigte. Als die Polizisten ihn abholten, warfen sie ihm vor, religiöse Gefühle beleidigt zu haben, was unter Strafe steht in Indien.Weil er minderjährig ist, kam er schnell wieder frei. Sein 24-jähriger Bruder Aditya hingegen verbrachte einen Tag in Haft. Ashwamit machte ein Video darüber. Er sagt: Wäre er älter als achtzehn, wäre es ihm ergangen wie Sonam Wangchuk oder Umar Khalid. Wangchuk, ein bekannter Klimaaktivist, sass sechs Monate ohne Anklage im Gefängnis. Khalid, ein muslimischer Akademiker und ehemaliger Studentenaktivist, sitzt seit Jahren wegen angeblicher Terrorvergehen hinter Gittern.Ashwamit sagt, dass sein Alter ihn vor härteren Strafen schütze. Zumindest jetzt noch.Gautam beim Lesen vor seinem Haus.Der Vorfall brachte ihm Aufmerksamkeit weit über Lucknow hinaus. Ashwamit kann sich nicht mehr unbemerkt in der Öffentlichkeit bewegen. Als wir ihn bei der Suche nach Drehorten für ein Video über Wasserverschmutzung begleiten, fährt sein Bruder auf einem Motorrad voraus und ruft dabei immer wieder an, um nach unserem Standort zu fragen. Nach mehreren Anrufen will der Taxifahrer wissen, warum sie so genau überwacht werden. Ashwamit lacht. «Man weiss nie, wer mich umbringen will, weil ich in meinen Videos die Wahrheit sage.» Der Fahrer grinst verlegen. Ashwamit schaut aus dem Fenster.«In unserem Land passieren sehr viele schlimme Dinge», sagt er kurz darauf. «Vielleicht muss jemand dafür sterben, damit auch andere Leute endlich anfangen, darüber zu reden.» Er spüre, dass es seine Pflicht sei, diese Videos zu machen. «Und ich werde sie bis zum Ende erfüllen.» Pflicht ist kein Wort, das viele Vierzehnjährige verwenden, wenn sie über soziale Netzwerke sprechen. Bei Ashwamit taucht es immer wieder auf, genauso wie «Verantwortung» oder «Wandel».Er hat nicht einmal einen PassWenig später steht Ashwamit an einem verschmutzten Gewässer am Stadtrand von Lucknow. Die Nachmittagshitze drückt. In der Ferne rauscht der Verkehr. Ashwamit schaltet seine Kamera ein und schlüpft sofort in die Rolle, die seine Follower kennen. «Wenn wir in einer besseren Welt, einer besseren Gesellschaft leben wollen, brauchen wir saubere Luft, sauberes Wasser, Gesundheit und Bildung», sagt er. «Das sind die Dinge, die Indien fehlen.»Seine kritischen Videos brachten ihm schon eine Strafanzeige ein. Ashwamit und sein Bruder an einem verschmutzten Gewässer am Stadtrand von Lucknow.Ashwamit spricht oft davon, das Land zu verlassen. Er will in Oxford, Cambridge oder Yale studieren, dann Professor werden, eine Medienplattform aufbauen, Bücher schreiben. Und irgendwann zurückkehren. Doch im Moment hat er nicht einmal einen Pass. Die Gemeinde gibt ihm keinen Termin, seit er begonnen hat, die Stadtverwaltung wegen verschmutzter Flüsse und kaputter Strassen in Videos zu markieren.Ashwamit unterbricht sein Video. Jemand habe ihm einmal gesagt, er führe einen Kampf, der zu gross sei für einen Vierzehnjährigen, erzählt er. Er solle lieber spielen.Vermisst er es nicht, ein normaler Jugendlicher zu sein? Ashwamit schüttelt den Kopf. Er wolle jetzt erst mit seinem Bruder durch ganz Indien reisen, um mehr Videos zu drehen.«Birsa Munda», sagt er, der verehrte Stammesführer und Widerstandskämpfer gegen die Briten, «rief mit fünfzehn Jahren zum Aufstand auf. Was ist daran anders?» Dann nimmt er sein Handy und filmt weiter.Passend zum Artikel