Die Stimme der Faulen und Arbeitslosen: Kakerlaken-Partei versetzt Indiens Regierung in AufregungNach einer abfälligen Bemerkung des Obersten Richters über arbeitslose Jugendliche geht eine Satirepartei viral. Die Opposition sieht darin einen Ausdruck des Frusts der Jugend, die Regierung reagiert dünnhäutig auf die Kritik.26.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Website der Cockroach Janata Party wurde in Indien inzwischen gesperrt, auch ihren Auftritt auf X hat die Regierung blockieren lassen.Ashwini Bhatia / APKakerlaken gelten eigentlich als lichtscheu, unhygienisch und als Überträger von Krankheiten. In Indien hat das Ungeziefer nun aber eine unerwartete Umdeutung erfahren. Nach einer abfälligen Bemerkung des Obersten Richters Surya Kant über arbeitslose Jugendliche, die er als «Kakerlaken» und «gesellschaftliche Parasiten» bezeichnete, ist eine Kakerlaken-Partei ins Leben gerufen worden. Die Partei ist als Satire gedacht, doch trifft sie einen Nerv in einem Land, in dem ein Grossteil der Jugendlichen keinen angemessenen Job findet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gegründet wurde die Partei von dem jungen Kommunikationsstrategen Abhijeet Dipke in den USA als «Plattform für alle Kakerlaken». Sie bezeichnet sich als «Stimme der Faulen und Arbeitslosen». Als Kriterien für eine Mitgliedschaft gibt sie an, faul, arbeitslos und chronisch online zu sein sowie die Fähigkeit zu haben, sich professionell zu ereifern. Ihr Name Cockroach Janata Party (CJP) ist als Parodie auf jenen der Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) zu verstehen.Der Oberste Richter Kant versuchte zwar klarzustellen, dass er nicht die Jugend an sich gemeint habe, sondern nur Jugendliche mit gefälschten Abschlüssen habe kritisieren wollen. Doch die Äusserung liess sich nicht mehr einfangen. Der Auftritt der Kakerlaken-Partei in den sozialen Netzwerken ging sofort viral. Nur fünf Tage nach ihrer Gründung am 16. Mai hatte die CJP auf Instagram bereits mehr Follower als die BJP. Inzwischen folgen ihr 23 Millionen Menschen.Die BJP wittert eine ausländische VerschwörungDer Regierung war dieser rasante Erfolg offenbar suspekt: Am 21. Mai liess sie das X-Konto der CJP sperren, das zu jenem Zeitpunkt bereits mehr als 200 000 Follower hatte, und sie blockierte auch ihre Website in Indien. Zur Begründung hiess es, diese sei eine «Bedrohung für die nationale Sicherheit». Politiker der BJP kritisierten, die Satirepartei sei ein Versuch, Indien und die Regierung von Premierminister Narendra Modi zu destabilisieren. Von einer «koordinierten Einflussoperation» und einer ausländischen Verschwörung war die Rede.Was als spontaner, satirischer Protest gestartet hatte, hat so rasch ernste Züge angenommen. Der CJP-Gründer Dipke klagte, er erhalte täglich Drohungen gegen sich und seine Familie in Indien. Der 30-Jährige lebt derzeit in Boston, wo er politische Kommunikation studiert. Er hatte sich in der Vergangenheit als Freiwilliger für die Aam Aadmi Party (AAP) engagiert, eine Oppositionspartei, die in der Hauptstadt Delhi aus einer Bewegung gegen Korruption hervorgegangen war.Dipke versicherte in Interviews, er werde trotz den Drohungen nicht aufhören. Er habe allerdings auch nicht die Absicht, die CJP offiziell als Partei zu registrieren. Er sehe sie eher als Plattform der Jugend. Von der Generation Z erhält die CJP viel Zuspruch in den sozialen Netzwerken, wo sich der Hashtag #MainBhiCockroach (Auch ich bin eine Kakerlake) verbreitet. Auch zahlreiche Aktivisten, Prominente und Politiker der Opposition haben sich mit der Partei solidarisiert.Der Erfolg der CJP ist eine Mahnung für die anderen ParteienDer prominente Oppositionspolitiker Shashi Tharoor bezeichnete die Partei als Ausdruck der Frustration und der Unzufriedenheit der Jugend. Die verbreitete Arbeits- und Perspektivlosigkeit sei ein ernstes Problem. Es sei wichtig in einer Demokratie, dass die Menschen ihren Frust frei äussern könnten, mahnte Tharoor. Für die etablierten Parteien, auch in der Opposition, sei der Erfolg der Satirepartei eine Mahnung, der jungen Generation mehr zuzuhören sowie ihre Forderungen aufzugreifen und in den politischen Prozess einzubringen.Fast die Hälfte der 1,4 Milliarden Einwohner Indiens ist unter 30 Jahre alt, doch finden nur wenige angemessene Arbeit. Die staatlichen Schulen sind chronisch unterfinanziert und von schlechter Qualität. Viele der Aufnahmeprüfungen für die Universitäten sind hochkompetitiv, doch nach Abschluss verfügen die Absolventen oft nicht über die erforderlichen Qualifikationen für den Arbeitsmarkt. Viele drängen deshalb in den Staatsdienst, doch gibt es dort nur wenig Stellen.Für grossen Unmut sorgte Anfang Mai, dass die Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium annulliert wurde. Zuvor waren die Prüfungsfragen gegen Bezahlung durchgestochen worden. Betrug und Korruption sind bei den Prüfungen seit Jahren ein riesiges Problem, immer wieder müssen diese abgesagt werden. Nun müssen Hunderttausende den Test erneut absolvieren. Aus Verzweiflung darüber sollen sich mehrere junge Leute das Leben genommen haben.Die Kakerlake ist die neue Identifikationsfigur für die JugendMisshandelt, vernachlässigt und übersehen zu werden, so fühle es sich an, heute in Indien jung zu sein, schreibt die CJP. Doch so wie die Kakerlake, die als ultimative Überlebenskünstlerin in den dunklen Spalten gedeihe und nicht auszulöschen sei, gebe auch die indische Jugend nie auf. Was langfristig aus der CJP wird, ist noch offen. Es ist gut möglich, dass die Kakerlaken-Partei so schnell wieder in den Tiefen des Internets verschwindet, wie sie emporgestiegen ist. Der Frust der Jugend wird die indische Politik aber wohl noch länger beschäftigen.Passend zum Artikel
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