Trifft ein älterer Herr, lang und dünn, Zeitung unter dem Arm, auf einen kurzen, dicklichen Altersgenossen. Beide sind offenbar miteinander bekannt. Der Lange stellt dem Kurzen seine Gattin vor, letzterer verneigt sich formvollendet vor der Dame und reicht ihr die Hand.

Das Spezielle an der Szene: Alle drei sind splitterfasernackt und gehören zur DDR-Elite. Elizabeth Shaw hat diesen Auftritt in einer ihrer zauberhaften Zeichnungen vom Strandleben in Ahrenshoop festgehalten. In dem Darßer Badeort hatten schon in den 1920er-Jahren die Leute der Künstlerkolonie nackt gebadet, und ihre DDR-Nachfolger – Politiker, Künstler, Wissenschaftler, Direktoren volkseigener Betriebe – mochten es ebenso unverhüllt. Sie trieben das Hüllenlose geradezu auf die Spitze.

Nackte DDR-Prominenz auf der Dorfstraße

Johannes R. Becher, bedeutender Schriftsteller, erster Kulturbundpräsident, erster DDR-Kulturminister und Dichter der DDR-Nationalhymne, selbst Ahrenshooper Stammgast und ein bekennender Freund der „unberührten Nacktheit“, reiste zur Inspektion an, als ihn Berichte von ausuferndem Treiben der Nackedeis erreichten. Was Becher dann erlebte, überlieferte Heiner Müller in seiner Autobiografie „Krieg ohne Schlacht“: „Auf der Dorfstraße kam ihm ein Trupp Nackter entgegen, an der Spitze seine Kreatur Alexander Abusch.“ Der jüdische Schriftsteller und Journalist war Bechers Stellvertreter im Kulturministeramt und später sein Nachfolger. So viel Körperfreiheit ging dem Chef offenkundig zu weit, auch nach den liberalen Regeln der jungen DDR.