Kari Voutilainen baut nur siebzig Uhren im Jahr – und nimmt keine Bestellungen mehr anAuf einem Felssporn hoch über dem Val-de-Travers entstehen einige der begehrtesten Uhren der Welt. Die Warteliste war auf elf Jahre angewachsen. Doch statt die Produktion auszubauen, entschied sich der unabhängige Uhrmacher für einen Bestellstopp.06.06.2026, 12.00 Uhr7 LeseminutenDie Uhrwerke von Kari Voutilainen erkennt man unter anderem an der grossen, langsam schwingenden Unruh.Timm DelfsWer von Neuenburg ins Val-de-Travers fährt, muss zunächst eine enge Schlucht überwinden. Hinter Noiraigue öffnet sich das Tal, die Felsen treten zurück, die Dörfer liegen weiter auseinander. Und über Fleurier bleibt der Blick plötzlich an einem weissen Gebäude hängen, das auf einem Felssporn über der Ebene thront.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was aus der Ferne wie ein abgelegenes Bergrestaurant wirkt – und bis 2021 tatsächlich eines war –, ist heute eine Uhrmacherwerkstatt. Die Uhren, die dort entstehen, gehören zu den begehrtesten der Welt. Auf ihren Zifferblättern steht ein Name, der für ein Schweizer Atelier ungewöhnlich klingt: Voutilainen.Oberhalb von Fleurier, an der Adresse «Chapeau de Napoléon», hat Kari Voutilainen sein Atelier eingerichtet.Timm DelfsKari Voutilainen gehört zu jener kleinen Gruppe unabhängiger Uhrmacher, deren Arbeit unter Sammlern Kultstatus erreicht hat. Seine Werkstatt produziert rund siebzig Uhren im Jahr. Wer heute eine bestellt, wartet mehr als ein Jahrzehnt. Die Preise beginnen bei gut 100 000 Franken und reichen deutlich darüber hinaus. Die Lage des Ateliers passt zur Arbeitsweise seines Besitzers. Hier oben gibt es wenig Ablenkung. Und viel freien Blick.Der lange Weg aus FinnlandKari Voutilainen stammt aus Finnland, aus einer Landschaft mit langen Wintern, viel Natur und wenig Industrie. Als Jugendlicher spielt er Eishockey und macht Langlauf. Doch schon früh interessiert ihn auch alles Mechanische, wie er bei einem Besuch in seinem Atelier erzählt.Als er zwölf gewesen sei, hätten ihn seine Eltern gefragt, welchen Beruf er einmal ergreifen wolle. «Ich sagte ihnen: Ich will mit den Händen arbeiten, und ich will unabhängig sein.» Beides sollte später zu Leitmotiven seines Lebens werden.Voutilainen besucht die Uhrmacherschule im finnischen Espoo. Dabei wird ihm sofort klar, dass das für ihn das Richtige ist: «Zum ersten Mal fühlte ich mich wohl in einer Schule.» 1986 kommt er erstmals in die Schweiz, um am renommierten Ausbildungszentrum Wostep in Neuenburg seine Ausbildung zu vertiefen. Bei seinem nächsten Kurs am Wostep erlernt er die Konstruktion komplizierter Uhrwerke. Nach dem Abschluss arbeitet er im Restaurierungsatelier von Michel Parmigiani in Fleurier, wo er sich jahrelang mit historischen Zeitmessern beschäftigt.Diese Arbeit prägt ihn stark. Wer alte Uhren repariert, lernt nicht nur, ihre Mechanik zu verstehen, sondern auch die Denkweise der grossen Meister vergangener Jahrhunderte. Voutilainen studiert ihre Konstruktionen, ihre ästhetischen Entscheidungen, ihre handwerklichen Techniken. Als er später beginnt, eigene Uhren zu bauen, greift er auf dieses Wissen zurück und entwickelt daraus seine eigene Handschrift.Bis zur Selbständigkeit dauert es allerdings noch eine Weile. Nach neun Jahren bei Parmigiani kehrt Voutilainen zunächst zum Wostep nach Neuenburg zurück, diesmal als Lehrer. In dieser Zeit lernt er die Académie Horlogère des Créateurs Indépendants (AHCI) kennen, einen Zusammenschluss unabhängiger Uhrmacher. Gleichzeitig arbeitet er bereits als Konstrukteur für etablierte Marken; einige seiner Entwürfe werden an der Basler Uhrenmesse unter deren Namen präsentiert.Einer der bekanntesten Vertreter der AHCI, Philippe Dufour, ermutigt ihn schliesslich, den Schritt zu wagen und unter eigenem Namen zu arbeiten.PD2002 ist es dann so weit: Voutilainen mietet eine Wohnung in Môtiers im Val-de-Travers und richtet in einem Zimmer seine erste eigene Werkstatt ein, um Uhren unter seinem eigenen Namen zu bauen. Auslöser ist ein Schicksalsschlag: Sein Bruder stirbt. «Da wurde mir klar: Ich will jetzt machen, was ich wirklich will.»Eine eigene HandschriftVoutilainen entwickelt rasch seine eigene, unverwechselbare Formensprache. Das Gehäuse, die charakteristischen «Pommes»-Zeiger mit ihrem grossen Ring und das dreiteilige, aufwendig gestaltete Zifferblatt ergeben eine Gestaltung, die bewusst klassisch wirkt. All das ist für Kenner «typisch Voutilainen».Gerade den Zifferblättern widmet Voutilainen besondere Aufmerksamkeit. Häufig werden sie guillochiert – eine traditionelle Gravurtechnik, bei der feine Muster mit einer historischen Drehbank von Hand in das Metall geschnitten werden. Durch verschiedene Rosetten entstehen Kreise, Wellen und andere geometrische Strukturen, die jedes Zifferblatt leicht unterschiedlich wirken lassen. Wenn ein Voutilainen-Zifferblatt nicht guillochiert ist, wird es meist mit anderen klassischen Techniken veredelt, etwa mit Email oder japanischem Lack.In Fleurier baut Voutilainen auch ein Zentrum für traditionelle Dekorationstechniken auf. Im Bild eine seiner 45 Guillochiermaschinen.Timm DelfsDie Vingt-8 von Kari Voutilainen mit guillochiertem Zifferblatt.PDAuch technisch folgt er einer Philosophie, die sich von vielen Trends der Branche unterscheidet. Während manche Hersteller ihre Uhrwerke immer flacher machen wollen, misst er dieser Entwicklung wenig Bedeutung bei. «Ich will meine Uhr am Handgelenk spüren», sagt er. Wichtiger sind für ihn praktische Überlegungen. Sehr flache Werke benötigen kurze Schrauben mit wenigen Gewindegängen. «Wenn so ein Gewinde ausreisst, ist das Bauteil kaputt.» Seine Uhren sollen langlebig und auch nach Jahrzehnten noch reparierbar sein.Entsprechend sind Voutilainens Werke eher robust gebaut – und zugleich technisch eigenständig. Unter einer gross dimensionierten Unruh arbeitet eine besondere Hemmung, die Voutilainen selbst entwickelt hat. Sie basiert auf dem historischen «Échappement naturel» von Abraham Louis Breguet und verwendet zwei abwechselnd arbeitende Hemmungsräder. «Sie ist sehr zuverlässig», sagt Voutilainen. «Und weil wir sie vollständig selbst herstellen, bleiben wir unabhängig von grossen Zulieferern wie der Swatch Group.»Das Prädikat, das Voutilainen seinen Uhren verleiht, lautet «Hand Made». Es steht auf dem Zifferblatt, dort, wo in der Branche gewöhnlich «Swiss Made» zu lesen ist. Dabei erfüllen seine Uhren die Schweizer Herkunftsregeln ohne weiteres. Doch Voutilainen begegnet dem Label mit Skepsis. «Die Swiss-Made-Regeln sind viel zu lasch», sagt er. «Und sie werden auch nicht richtig kontrolliert.»Aus der Ein-Mann-Werkstatt ist ein Betrieb mit 47 Mitarbeitenden entstanden.Timm DelfsGegen den Strom der IndustrieDie unabhängigen Uhrmacher bilden eine kleine, aber einflussreiche Strömung innerhalb der Schweizer Uhrenbranche. Namen wie Philippe Dufour, François-Paul Journe oder Max Büsser haben gezeigt, dass kleine Werkstätten globalen Kultstatus erreichen können.Voutilainen gehört zu dieser Garde und setzt konsequent auf seinen eigenen Weg. So betont er etwa, dass er sich sehr darum bemühe, sich in seiner Kreativität nicht vom Zeitgeist beeinflussen zu lassen: «Ich schaue bewusst nicht auf die sozialen Netzwerke und auch nicht auf die Arbeit meiner Kollegen. Ich will den Kopf frei haben.»Auch beim Vertrieb entscheidet er sich früh für einen eigenen Weg. Als er 2006 eine Uhr auf Basis des Handaufzugswerks Peseux 7001 an der Baselworld zeigt, explodiert die Nachfrage. «Ich hätte die Produktion gleich verdreifachen können.»Doch statt Händlernetze aufzubauen, entscheidet er sich für den direkten Kontakt mit Sammlern. «Ich habe alle Bestellungen von Händlern zurückgewiesen und mich auf Privatkunden konzentriert.»Viele dieser Kunden wollen den Uhrmacher persönlich kennenlernen. Voutilainen nimmt sich Zeit für sie, empfängt Besucher, erklärt Konstruktionen, diskutiert über Details. Man spürt dabei allerdings, dass er eigentlich lieber an neuen Uhren arbeiten würde.Von der Manufaktur auf dem Felsen sieht man auf Fleurier herunter.Timm DelfsDie Uhrwerke von Kari Voutilainen erkennt man unter anderem an der grossen, langsam schwingenden Unruh.Timm DelfsEine Manufaktur im KleinenÜber die Jahre ist aus der Ein-Mann-Werkstatt ein Unternehmen mit 47 Mitarbeitenden geworden, 35 von diesen sind direkt in die Herstellung der Uhren involviert. Dennoch bleibt die Produktion extrem klein. Rund siebzig Uhren verlassen jedes Jahr die Ateliers. Rein rechnerisch baut jeder Uhrmacher kaum mehr als zwei Stück pro Jahr.Das erklärt auch ihren Preis. «Bei uns zahlt der Kunde kein Marketing», sagt Voutilainen, «sondern die Arbeit der Uhrmacherinnen und Uhrmacher.»Gleichzeitig hat Voutilainen seine Unabhängigkeit konsequent ausgebaut. Er hat eine Zifferblattmanufaktur übernommen, die heute unter dem Namen Comblémine arbeitet, sowie einen Gehäusehersteller. In Fleurier entsteht zudem ein Zentrum für traditionelle Dekorationstechniken mit inzwischen rund 45 Guillochiermaschinen – vermutlich mehr als in jeder anderen Uhrenmanufaktur der Welt.Die Übernahmen folgen dabei zwei Motiven. Zum einen will Voutilainen möglichst viele Schritte der Herstellung selbst kontrollieren. Zum anderen geht es darum, handwerkliches Wissen zu bewahren. Mehrere seiner langjährigen Zulieferer gerieten in Schwierigkeiten oder wollten aus Altersgründen verkaufen. Mit den Betrieben drohte auch ihr über Jahrzehnte aufgebautes Know-how zu verschwinden – Wissen, das für Voutilainens eigene Uhren ebenso wichtig ist wie für die Branche insgesamt.Geplant ist, auch für andere Uhrenmarken Guillochierarbeiten auszuführen.Timm DelfsDie Kunst der BegrenzungIn den Jahren nach der Pandemie stieg die Nachfrage nach mechanischen Uhren stark an, auch nach Voutilainens Uhren. Die Warteliste wuchs immer weiter – am Ende lag sie nicht mehr bei drei, sondern elf Jahren. «Ich habe zu viele Bestellungen angenommen», sagt Voutilainen rückblickend. Lange Wartelisten waren nie Teil seines Plans; sie ergaben sich eher beiläufig aus der plötzlich stark gestiegenen Nachfrage.Damit stand Voutilainen vor einer klassischen Unternehmerfrage: Sollte er wachsen, mehr Mitarbeitende einstellen und die Produktion ausweiten? Voutilainen entschied sich dagegen. Er wolle ein Unternehmen «à l’échelle humaine», sagt er – ein Unternehmen in menschlicher Grössenordnung, in dem sich alle kennten.Anfang 2026 zog der Uhrmacher deshalb die Reissleine und nahm keine neuen Bestellungen mehr an.Die kommenden Jahre wird seine Werkstatt nun damit verbringen, die bestehenden Bestellungen abzuarbeiten. Danach will Voutilainen wieder freier arbeiten, neue Ideen entwickeln und vor allem kompliziertere Uhren bauen. «Ich werde künftig eher weniger Uhren machen mit den bestehenden Leuten», sagt er. «Es gibt genügend Firmen, die viele Uhren machen.»Mehr als ein NameAls er seine Marke gründete, war Voutilainen zunächst unsicher, ob sein finnischer Name auf einer Uhr funktionieren würde. «Am Anfang dachte ich, mein Name sei zu schwierig zum Aussprechen», sagt er. Doch dann wurde ihm klar, dass das kein Hindernis sein musste. «Selbst der Name Breguet ist für Engländer schwierig auszusprechen.»Der Name blieb – und wurde zum Markenzeichen. «Ich will zeigen, dass ich der Verantwortliche für die Marke bin.»Heute trägt Voutilainen diese Verantwortung nicht mehr allein. Seit Ende 2025 führt die ausgebildete Uhrmacherin und Ingenieurin Angélique Singele als CEO das operative Geschäft der Manufaktur. Sie koordiniert Produktion, Organisation und die verschiedenen Firmen der Gruppe – von der Zifferblattmanufaktur Comblémine bis zu den Guillochage-Ateliers. Voutilainens Tochter Venla, ausgebildete Uhrmacherin, arbeitet nun ebenfalls in seinen Werkstätten.Voutilainen selbst will sich künftig wieder stärker auf das konzentrieren, was ihn einst in die Uhrmacherei geführt hat: entwerfen, konstruieren, bauen. Auf dem Felssporn hoch über dem Val-de-Travers.Passend zum Artikel