PfadnavigationHomeICONISTTrendsUhren-Leidenschaft„Wenn der Blick mal wieder gen Handgelenk abwandert, geht es nie um die Uhrzeit“Von Alexander StilckenStand: 12.05.2026Lesedauer: 6 MinutenDie M.A.D.1S „Grow Your Dreams“, designt vom Künstler Yinka IloriQuelle: Johannes ArltDie erste eigene Uhr unseres Autors war eine Swatch-Künstleredition von Sam Francis, gerade liebäugelt er mit einer von Jackson Pollock. Dazwischen sammeln sich mechanische Klassiker von Rang und Namen. Über Passion und Obsession eines Uhren-Enthusiasten.Mein Blick auf die Uhr wird oft falsch interpretiert. Ob ich in Eile sei, wird dann gefragt. Nur wer von meiner Passion für mechanische Zeitmesser weiß, versteht: Wenn der Blick mal wieder gen Handgelenk abwandert, dann geht es nie um die Uhrzeit an sich, sondern um eine winzige Auszeit, um sich am Anblick der Uhr zu erfreuen. Das mag im Gespräch zwar nicht höflich sein, aber so wie man einem verliebten Paar die Blicke füreinander kaum nachtragen kann, so ist es bei mir mit mechanischen Zeitmessern: Es geht einfach nicht anders. Seit mehr als 15 Jahren schreibe ich über Uhren, und noch viel länger begeistere ich mich für sie. Als Teenager ging es Anfang der 1990er-Jahre mit Swatch-Uhren los. Eine vom Künstler Sam Francis gestaltete Plastikuhr war damals mein liebster Besitz. In der Folge beriet ich meine Mutter, als diese meinem Vater eine Uhr schenken wollte. Er schätzte die Zeitmesser von IWC sehr, und bis heute bin ich der Marke deshalb zugetan.Von dem Geld, das ich mir bei einem Ferienjob verdiente, kaufte ich eine Omega „Seamaster“, das Sondermodell zum America’s Cup, dem berühmtesten Segelevent der Welt. Es folgte eine Rolex „GMT-Master II“. Und um bei Meilensteinen auf meinem Sammlerweg zu bleiben: Mit 30 Jahren kam mit einer weißgoldenen „Calatrava“ die erste Patek Philippe an den Arm und ins Bankschließfach.Lesen Sie auchIn einem raffinierten Zifferblatt kann ich mich seitdem mindestens so gut verlieren wie in einem Gemälde. Der rückseitige Blick durchs Saphirglas auf ein ansprechend finissiertes und stetig vor sich hinarbeitendes Uhrwerk gibt mir mehr innere Ruhe als jede Atemübung. Allein: Lange hätte ich mich nicht als Sammler bezeichnet, und wann genau aus einem Uhrenkäufer ein Uhrensammler wird, bleibt Interpretationssache. Durch Instagram & Co. ist die Gemeinschaft der Enthusiasten eng zusammengerückt – und geht zugleich oft harsch miteinander um. Diskutiert wird vieles: Braucht eine Sammlung ein Konzept? Sind Besitzer besonders begehrter Modelle Sammler – oder folgen sie nur einem Trend? Ist die Präsentation der eigenen Uhren Stolz oder Angeberei? Und immer wieder die Frage, ob echte Leidenschaft finanzielle Unvernunft einschließt. Ich habe eine recht vage Definition des Uhrensammlers: Wer einige Modelle besitzt und Begeisterung für das Handwerk und seine Produkte hat und dabei das Bestreben, sich immer weitergehend mit den Feinheiten der Uhrmacherei und ihrer Geschichte zu beschäftigen, der ist für mich ein Sammler.Selbst habe ich meinen Weg inzwischen mit ein paar – von diversen Abzweigungen gespickten – Leitplanken ausgerüstet: So bevorzuge ich zeitgenössische Modelle gegenüber Vintage-Uhren, denn ich möchte mit den Teilen meine eigene Lebensgeschichte verbinden. Ein Faible für dunkle Zifferblätter ist ebenso offensichtlich wie für Chronographen, also Uhren mit Stoppfunktion. Neben der familienbedingten IWC-Treue und der Bewunderung für die Marke Rolex gehört mein Herz dabei Patek Philippe. Was nicht sonderlich originell sein mag, aber die Manufaktur steht für mich wie keine andere für horologische Exzellenz in größter Vielfalt – und das in Verbindung mit einer authentischen Geschichte seit 1839. Als Gegenpol zu diesem Traditionshaus begeistere ich mich für MB&F, eine unabhängige, vergleichsweise junge Mini-Marke, wo man das Thema Uhrmacherei radikal anders interpretiert, ohne dabei den Respekt vor der Tradition zu verlieren, und ganz eigene ästhetische Codes pflegt.Lesen Sie auchDie sogenannte Unruh gibt bekanntermaßen den Takt einer mechanischen Uhr vor; sie sorgt dafür, dass die Kraft der aufgezogenen Spiralfeder in gleichmäßigen Impulsen das Räderwerk antreibt. Stetig schwingt sie hin und her – und diese Rastlosigkeit teilt sie mit Sammlern wie mir. Das beschert einem Auktionshaus wie Phillips inzwischen jährliche Umsätze von jenseits der 200 Millionen US-Dollar und drückt sich bei ausgewählten Modellen in einer Nachfrage aus, die weit höher als die Produktion ist.Unabhängige Hersteller wie die Uhrmacher Rexhep Rexhepi und F. P. Journe werden darum inzwischen umworben wie Hollywood-Stars, und oft bedarf es Jahre des Vertrauensaufbaus, um eine Allokation für eine der begehrten Uhren zu erhalten. Auf Sammlertreffs wie der Dubai Watch Week bewegt man sich in der Nische einer ohnehin sehr exklusiven Uhrenwelt, doch sammeln, das bedeutet, zu vergleichen, zu wetteifern, zu konkurrieren. Dabei ist wichtig zu verinnerlichen: Auch wenn es in Dubai und auf Social Media mitunter so aussieht, als wäre die Welt von Super-Sammlern mit unbegrenzten Budgets bevölkert, so überlegt die überwältigende Mehrheit von uns dann doch ganz genau, welches Modell einem wie viel wert ist oder was grundsätzlich zwar begehrenswert ist, aber dann doch nicht in die eigene Sammlung passt.Da muss das Mantra dann lauten: Ich kann und muss nicht alles besitzen, und ich kann und muss nicht mit jedem Sammler mithalten. Gerade bei einem Faible für zeitgenössische Uhren gilt es, sich hier immer wieder neu zu kalibrieren, denn natürlich führen einen Hersteller und Trends ganz bewusst immer wieder in Versuchung. Genau hier kann die Begegnung mit anderen Enthusiasten helfen, denn der Austausch über Uhren bereitet mindestens ebenso viel Freude wie ihr Besitz. Wir tauschen Eindrücke und Weihnachtskarten aus, und auch meine Ansprechpartner in manchen Boutiquen sind inzwischen beinahe Freunde, in jedem Fall aber enge Vertraute in dieser Welt geworden. Mir ist bewusst: Nicht bei jedem besteht der Instagram-Suchfeed zu 95 Prozent aus Bildern von Zeitmessern, aus Meldungen von Herstellern und sogenannten „Wristshots“, also Bildern von Uhren an Handgelenken. Im größten Teil meines Freundeskreises herrscht maximales Unverständnis gegenüber meiner Leidenschaft.Aber muss man sie überhaupt erklären? Letztlich ist es bei der Uhrmacherei nicht anders als in so ziemlich jeder anderen Branche: Nicht jeder sieht den Wert von Pinot Noirs aus Burgund, Restaurants mit Michelin-Sternen oder einem Ferrari-Zwölfzylinder. Doch wie grau wäre die Welt, wenn sich jeder mit Industrie-Grauburgunder, Nudelsoßen aus dem Glas und Diesel-Kombis abfinden würde? Je mehr ich mich mit den Manufakturen beschäftige, aber eben auch mit der Gemeinschaft der Enthusiasten, desto faszinierender wird diese Welt. Nur völlig verlieren darf ich mich nicht.Es war wohl noch nie so einfach wie heute, eine Marke zu gründen und die entsprechende Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch was hat Substanz, und was verdient Aufmerksamkeit? Der eigene Kompass muss stetig justiert werden, und am Ende stehen die eigenen Werte, der persönliche Geschmack: Kürzlich zumindest ist mir eine Swatch angenehm aufgefallen. Eine Künstler-Edition von Jackson Pollock. Ich glaube, auch die muss in die Sammlung.
„Uhren sind nie nur Uhren“ – Wann wird aus einem Uhrenkäufer ein Sammler? - WELT
Die erste eigene Uhr unseres Autors war eine Swatch-Künstleredition von Sam Francis, gerade liebäugelt er mit einer von Jackson Pollock. Dazwischen sammeln sich mechanische Klassiker von Rang und Namen. Über Passion und Obsession eines Uhren-Enthusiasten.








