An seinem Todestag, nur Stunden bevor die tödlichen Schüsse auf ihn fielen, gaben John Lennon und Yoko Ono einem Journalistenteam ein ausführliches und erstaunlich offenes Interview in ihrer New Yorker Privatwohnung. Was eigentlich als Werbeakt für ihr neues Album „Double Fantasy“ gedacht war, wurde zu Lennons Vermächtnis: Er äußerte sich über Musik, Politik, Liebe oder sein Dasein als Vater. Als einer der reflektiertesten und experimentierfreudigsten Köpfe Hollywoods hat Regisseur Steven Soderbergh es immer verstanden, populäre und gleichzeitig stilistisch anspruchsvolle Arbeiten abzuliefern – ob mit „Erin Brockovich“, der „Oceans“-Trilogie oder „Traffic“. Nun hat der Oscarpreisträger aus dem Lennon/Ono-Interview von 1980 eine Doku erstellt, für die er zum ersten Mal mit generativer KI-Technologie des Meta-Konzerns gearbeitet hat. Auf dem Filmfestival in Cannes, wo „John Lennon: The Last Interview“ lief, erklärte der 63-Jährige einigen wenigen Vertretern der internationalen Presse seine Gedanken, Vorbehalte, Erfahrungen und Konsequenzen aus seinem Techno-Experiment – und warum Lennons Gedanken bis heute nachhallen.Mr. Soderbergh, Ihnen war es besonders wichtig, dass Sean Lennon seine Eltern in Ihrer Doku korrekt dargestellt fand. Wie konnten Sie das gewährleisten?Das Gespräch, das ich porträtiere, dauerte im Original zwei Stunden und 45 Minuten. Ich wollte den Audioteil auf 90 Minuten reduzieren. Also war der erste Schritt: Welche Themen wähle ich aus? Was unbedingt drinbleiben musste, waren die Geschichten, wie John und Yoko sich kennenlernten, wie Yoko John für ein Jahr aus dem Haus warf und wie der Alltag mit Sean ablief. Auch die acht, neun Minuten, die Yoko beim Warten auf John allein bestreitet, fand ich obligatorisch. Denn du verstehst John nur, wenn du Yoko ver- stehst.Wie haben Sie dieses akustische Basismosaik ergänzt?Danach begann das Addieren des Archivmaterials. Ich entschied mich dabei größtenteils für Standbilder, schon weil sie günstiger sind. Gerade von John gibt es Tausende Stunden Bewegtbildmaterial. Den größten Teil der Archivfilme habe ich für die frühen Beatles-Zeiten verwendet. Aber es gab viele Löcher, in denen über Abstraktes gesprochen wird, dazu hatten wir keine Bilder. Also fingen wir an, einfache Handy-Technologie zu erforschen, um Bilder zu generieren. Dann aber kam der Wendepunkt: Wir hatten kein Geld mehr, das Projekt war ja unabhängig finanziert. Auch die Zeit wurde knapp, und wir waren längst nicht fertig. Mein Manager, der das Projekt ins Rollen gebracht hatte, meinte: „Meta hat ganz neue generative Tools. Wie wäre es, wenn wir denen mal den Film zeigen?“ Das haben wir getan.Was für einen Deal bot Meta an?Ihre neuen Tools in unserem Film auf Herz und Niere zu testen. Im Gegenzug kamen sie für das fehlende Budget auf. Und dann ging alles ganz schnell: Sie haben uns mit den Tools und einem kleinen Team von Spezialisten ausgestattet, nach nur zwei Monaten waren wir mit allem fertig. Es ging rasant.Der Regisseur Steven Soderbergh in CannesEPADie Einbindung von Meta war also nicht nur Ihrer Neugier für neuste KI-Technologie geschuldet, sondern vor allem finanzielle Notwendigkeit?Oh ja. Könnten Sie erklären, wie Sie vorgingen, um visuelle Pendants zu den philosophisch-abstrakten Sequenzen des Interviews zu generieren? Ich habe sprachliche Prompts genutzt. Für den Opener des Films habe ich so etwas gesagt wie: „Ich möchte einen Kreis aus Lichtringen und dazu ein Radio aus den 1950er-Jahren. Das Radio kommt aus der Bildecke unten rechts heraus und geht in 1,5 Sekunden nach ganz oben weg.“ Das gibst du ein, dann erscheint ein Resultat auf dem Monitor, und ich korrigiere es: „Das Radiogerät ist zu groß, es bewegt sich zu schnell. Mir gefällt das beleuchtete Zifferblatt nicht, das muss breiter sein.“ Ich habe Anweisungen, und das Team hat mir neue Versionen gezeigt. Alles war textbasiert. Oft war es schwierig, genau auszudrücken, was ich wollte. Aber gelegentlich konnte ich maximal konkret sein und sagen: „Ich will ein Bild von einem weißen Klavier, das in einer Wüste in die Luft gesprengt wird. Es soll wie ein Crashtest aussehen, wie in dem Schwarz-Weiß-Film von Ilford, der in England in den 1960ern beliebt war.“ Dann brauchten wir nur ein, zwei Versionen, bis die Bildsequenz stand. Sie haben zum ersten Mal mit KI gearbeitet. Fühlten Sie sich dabei noch immer als kreativer Künstler? Roland Emmerich sprach neulich von einer Feindseligkeit gegenüber diesen neuen Werkzeugen und plädierte für Offenheit gegenüber KI. Und Sie?Ich glaube, es gibt zwei Fragen, die sich der Künstler stellen muss, wenn er mit KI arbeitet. Erstens: „Warum benutze ich dieses Werkzeug?“ Die zweite, wohl wichtigere: „Ist das Ergebnis, das ich damit bekomme, besser als jede andere Version mit anderer Technologie?“ Das sind die Kernfragen, und unsere Antworten lauteten: Ja, es war notwendig, weil es finanziell und zeitlich unmöglich war, das mit CGI oder VFX zu machen. Antwort zwei: Wenn ich jetzt den fertigen Film anschaue, ist jede andere Version, in der ich diese Werkzeuge nicht genutzt habe, um diese Bilder zu erstellen, eine schlechtere des Films.