InterviewExpertin über Verdreifachung der Autismus-Diagnosen: «Jemand, der sich flüssig unterhalten kann, ist kein Autist»Uta Frith ist eine Pionierin der Autismus-Forschung. Jetzt sagt sie, das heutige Verständnis von Autismus sei zu breit: Viele diagnostizierte Autisten seien keine, vor allem viele Frauen litten in Wahrheit unter etwas anderem.06.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenKopfhörer zur Geräuschunterdrückung sollen Autisten helfen, mit Reizüberflutung umzugehen. Frith hält die Massnahme nicht für medizinisch notwendig.Imago«Kindliche Psychose»: So nannte man zu Uta Friths Karrierebeginn vor sechs Jahrzehnten noch jene rätselhafte Krankheit, die heute als Autismus-Spektrum-Störung bekannt ist. Dass die Krankheit heute so heisst, geht auch auf sie zurück: Uta Frith gilt als Titanin der Autismus-Forschung. Als Professorin für kognitive Entwicklung am University College London hat die 84-jährige Deutsche fast obsessiv nach einer Sache gesucht. Sie wollte körperliche Nachweise finden, die eine objektive Autismus-Diagnose ermöglichen würden, zum Beispiel Biomarker im Blut. Frith wirkt erstaunlich entspannt und gut gelaunt dafür, dass ihre Suche bis heute kein befriedigendes Ende gefunden hat. Für ihre Lebensleistung adelte sie die britische Krone mit dem Ehrentitel «Dame».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frau Frith, Sie haben vor kurzem einige Aufregung verursacht mit einem Interview, das Sie in einem Fachmagazin gaben. Darin sagten Sie, das Konzept von Autismus als Spektrum sei gescheitert. Aber Sie selbst haben doch an seiner Einführung mitgearbeitet?Uta FrithPDUta Frith: Das stimmt. Man muss für jede Kategorie eine künstliche Grenze ziehen, und wir haben sie ausgeweitet, um untypische Betroffene mit einzuschliessen. So entstand das Autismus-Spektrum. Aber es zeigen sich jetzt grosse Probleme damit. Ich habe lange gezögert, aber jetzt fand ich es unvermeidlich, das auszusprechen. Die Zahl der Autismus-Diagnosen hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Damit habe ich Bauchschmerzen. Denn was bedeutet es noch, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle irgendwie angehören? Jeder ist ja letztlich neurodivers, denn alle Gehirne sind unterschiedlich. Aber eine riesige Breite macht eine medizinische Diagnose sinnlos.Was ist denn Autismus?Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Manche mögen das Wort Störung nicht. Aber das ist er meiner Meinung nach.Warum halten Sie Autismus für eine Störung?Es sind Veränderungen im Gehirn schon bei der Geburt vorhanden. Autismus bleibt ein Leben lang, und seine Hauptmerkmale sind spezielle Probleme in sozialer Kommunikation und Interaktion. Autisten haben Schwierigkeiten mit der «theory of mind». Das bedeutet, es fällt ihnen schwer, Gedanken, Gefühle und Motive anderer Menschen intuitiv zu erfassen. Zusätzlich sind sich wiederholende und starre Verhaltensweisen ein Hauptmerkmal. Das können zum Beispiel sehr enge Spezialinteressen sein, oder sie wiederholen immer wieder bestimmte Wörter oder Bewegungen. Ein Teil der Autisten spricht nie und braucht lebenslange Betreuung, viele können nie einer Erwerbsarbeit nachgehen.Diese Definition von Autismus ist seit Jahrzehnten gleich geblieben. Warum haben dann dreimal so viele Menschen heute eine Autismus-Diagnose wie vor zehn Jahren?Die Interpretation der Kriterien hat sich verändert. Sie ist inklusiver geworden und schliesst nun mehr Menschen mit ein, die nicht ganz typische Merkmale zeigen. Doch neue kulturelle Entwicklungen führten dazu, dass Autismus jetzt eine begehrenswerte Diagnose geworden ist, die sich viele Menschen aus den falschen Gründen wünschen.Sogar auf Dating-Portalen bringt eine Autismus-Diagnose heute Pluspunkte. Wer eine hat, dem wird eine verborgene intellektuelle Superkraft angedichtet. Wen schliessen die Kriterien heute ein?Ich sehe Studenten, die flüssig und lebendig mit anderen umgehen können, gute Noten haben, bestens funktionieren, aber über ihre Autismus-Diagnose sprechen. Das passt meiner Meinung nach fast nie zusammen. Jemand, der sich flüssig unterhalten kann, ist kein Autist. Meiner Erfahrung nach merkt man das den Menschen im Gespräch immer an. Heute gibt es zwei Untergruppen von Autisten: Die Studenten, von denen ich gerade sprach, gehören zu der Untergruppe, die gerade stark wächst. Sie erhalten ihre Diagnose oft erst im Erwachsenenalter. Manche fordern ihre Diagnose regelrecht ein. Sie zeigen keine geistigen Einschränkungen und können sehr gut verbal und nonverbal kommunizieren. Ihr Hauptsymptom ist eine grosse Ängstlichkeit in sozialen Situationen. Diese Gruppe hat eigentlich gar nichts gemeinsam mit der anderen.Was zeichnet die andere, traditionelle Gruppe von Autisten aus?Diese Betroffenen zeigen die typischen Merkmale von Beginn an und werden in der frühen Kindheit, ab etwa drei bis fünf Jahren, diagnostiziert. Sie können häufig keine normale Schule besuchen. Ein hoher Anteil hat eine Lernbehinderung oder einen verminderten IQ. Diese Gruppe wächst nicht. Ich plädiere dafür, das Etikett Autismus nur noch für diese Gruppe zu verwenden.Glauben Sie, manche Betroffene tun so, als ob sie Autisten wären, weil es Image-Vorteile für sie hat?Nein, das sage ich nicht. Ich glaube den Menschen, dass sie Probleme haben. Ich bin schon alt, früher hat man solch eine Persönlichkeit oder Symptomlage wohl einfach neurotisch genannt. Vielleicht könnte man heute von einer Art Hypersensitivität sprechen. Ich glaube auch, dass die Betroffenen Hilfe brauchen. Aber ihre Probleme könnten besser anderweitig behandelt werden, das Etikett Autismus hilft ihnen nicht.Warum kann man nicht einfach alle unter dem Etikett Autismus zusammenfassen, und alle sind zufrieden?Zwei völlig unterschiedliche Gruppen unter einem Dach zusammenzufassen, macht es fast unmöglich, daran zu forschen. Ich glaube, dieser extrem breite Autismus-Begriff ist die Ursache dafür, dass wir noch immer kaum etwas über Autismus wissen. Wir kennen die Ursachen nicht, wir haben in Jahrzehnten Forschung keine Biomarker oder objektiven Diagnosekriterien gefunden. Ich habe mein Leben lang versucht, zu verstehen, warum und wie die Probleme im Sozialverhalten und die stereotypen Verhaltensweisen entstehen. Aber die Teilnehmer in den Studien sind so divers, dass wir nichts Gemeinsames finden können.Ihre Aussagen regen viele Leute auf. Aktivistenvereinigungen haben empörte Stellungnahmen veröffentlicht. Ich habe eine der wichtigsten deutschen Autismus-Forscherinnen, Christine Freitag, gebeten, sich mit Ihren Aussagen zu befassen. Sie gibt Ihnen recht.Das freut mich wirklich sehr.Dabei ärgern sich viele besonders über Ihre Aussage über weibliche Autistinnen. Denn in der Gruppe mit milden Symptomen sind viele junge Frauen, nicht?Genau, während sie in der anderen Gruppe im Verhältnis 1:3 unterrepräsentiert sind. Ja, ich glaube noch immer, dass Autismus mehr Männer betrifft, und das ist kein Ausdruck einer Benachteiligung von Frauen, wie manche sagen. Frauen und Männer leiden eben unterschiedlich häufig an Krankheiten, genauso wie Frauen eben häufiger Autoimmunerkrankungen bekommen. Es ist auch schon lange bekannt, dass mehr Frauen unter Angsterkrankungen leiden, vielleicht gibt es da Fehlinterpretationen und Verwechslungen mit Autismus.Könnte es nicht sein, dass Frauen einfach besser in der Lage sind, sich sozial anzupassen? Das Schlagwort «masking» bezeichnet den Vorgang, bei dem Autistinnen sich so gut einfügen, dass das Umfeld ihre Schwierigkeiten nicht bemerkt.Dieser Begriff hat keine wissenschaftliche Basis. Trotzdem arbeiten auch Forscher und Ärzte mit «masking», was ich verstehen kann. Denn sie wollen die Erfahrungen, von denen die Patientinnen berichten, würdigen. Trotzdem stehe ich diesem Konzept sehr kritisch gegenüber. Die Patienten sagen, sie kopierten den ganzen Tag, was neurotypische Menschen täten, wovon sie erschöpft seien. Aber ich würde sagen, dass fast jeder Mensch das kennt: Wir alle versuchen, uns den gesellschaftlichen Normen anzupassen. Und für viele ist es psychologische Arbeit, ein funktionierendes Verhältnis zwischen der eigenen Seltsamkeit und dem, was man so «normal» nennt, zu finden. Sozusagen eine Conditio humana, keine Pathologie.Neben dem Konzept des «masking» sehen Sie auch Massnahmen an Schulen wie Kopfhörer für autistische Schüler kritisch.Ja, davon profitieren viele, Autisten nicht unbedingt.Wie das?Die Schule signalisiert «awareness», also eine einfühlsame und engagierte Arbeitsweise. Und die Schüler fühlen sich wertgeschätzt in ihrer Andersartigkeit, sie dürfen Kopfhörer aufsetzen, wenn sie Ruhe möchten. Das ist schön, aber es hat mit Autismus nicht viel zu tun. Würde man einem schwer betroffenen Autisten einen solchen Kopfhörer aufsetzen wollen, würde einem der Kopfhörer womöglich um die Ohren fliegen.Die Autisten mit milden Symptomen stehen im Fokus von Medien und Forschung. Dabei würde die andere Gruppe von Autisten wohl besonders profitieren, wenn man ihre Krankheit besser verstehen würde.Davon ist auszugehen. Aber sie haben keine Lobby. Immer mehr Wissenschafter und Aktivisten beschäftigen sich mit den milden Autisten, weil sie viel einfacher in Studien einzubeziehen sind und weil es gesellschaftlich gerade im Trend liegt. Dabei leidet vor allem die erste Gruppe oft extrem. Es kommen Eltern von stark betroffenen Menschen zu mir und sagen, sie fühlten sich von der Gesellschaft verlassen und für dumm verkauft.Was müsste sich ändern?Die Diagnosekriterien müssten wieder strenger interpretiert, das Spektrum eingeengt werden. Zum Beispiel sind für die Diagnosestellungen Nachweise dafür zu erbringen, dass man schon in der Kindheit die typischen Schwierigkeiten hatte. Das lässt man heute eher einmal unter den Tisch fallen. Und man braucht für die andere Gruppen eine neue Kategorie, in der sie sich zu Hause fühlen. Denn diesen Betroffenen den Autismus einfach wegzunehmen, wird wohl schwierig.Passend zum Artikel
Autismus-Expertin: "Viele Autisten sind in Wahrheit keine"
Uta Frith ist eine Pionierin der Autismus-Forschung. Jetzt sagt sie, das heutige Verständnis von Autismus sei zu breit: Viele diagnostizierte Autisten seien keine, vor allem viele Frauen litten in Wahrheit unter etwas anderem.









