«Realitätsfern» und «scheingenau»: Der US-Handelsbeauftragte liest den Ökonomen die Leviten – und bricht eine Lanze für ZölleJamieson Greer verteidigt Donald Trumps Zollpolitik mit einer scharfen Kritik an der rasanten Globalisierung. Vieles wirkt überspitzt, aber er trifft auch wunde Punkte.06.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer amerikanische Handelsbeauftragte Jamieson Greer hält die Wirtschaftswissenschaften für eine ziemlich weltfremde Disziplin.Kylie Cooper / ReutersJamieson Greer gilt als besonnener Mensch. Der amerikanische Handelsbeauftragte reiste einst in jungen Jahren als Mormone durch Europa und missionierte für seinen Glauben. Auch heute ist er viel unterwegs, doch nun wirbt er für Donald Trumps Handelspolitik. Er tut dies – anders etwa als der amerikanische Handelsminister Howard Lutnick – ohne Schaum vor dem Mund, sondern ruhig und beherrscht. Mit Greer könne man reden, heisst es auch in Bundesbern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kritik an der «Hyperglobalisierung»Doch Greers Besonnenheit geht mit unverrückbaren Glaubenssätzen einher. Eine dieser Überzeugungen: Die Globalisierung ist zu weit gegangen, es braucht Zölle, um die «Hyperglobalisierung» zu bremsen und die Interessen der USA zu verteidigen. Der jüngste Beleg hierfür sind die neuen Strafzölle gegen rund sechzig Handelspartner, darunter die Schweiz. Die Massnahme trägt die Handschrift von Greer. Ihm schenkt Trump bei der Umsetzung der Zollpolitik viel Vertrauen.Fast zeitgleich mit der Zollankündigung hat Greer eine neue Front eröffnet, und zwar gegen die Wirtschaftswissenschaften. Der Jurist tut dies quasi in der Höhle des Löwen: beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Kaum eine Organisation beschäftigt so viele Ökonomen; kaum eine Agentur spiegelt den Konsens der Disziplin treffender; und kaum eine Denkfabrik tut sich ähnlich schwer mit Amerikas Handelspolitik.In der Hauszeitschrift dieser Ökonomen-Hochburg hat Greer eine Philippika veröffentlicht. Unter dem Titel «Economics for the Real Economy» geht er mit der Wirtschaftswissenschaft hart ins Gericht. Im Fokus steht der Vorwurf der Weltfremdheit. Er fordert: «So wie sich die Weltwirtschaft wandelt, muss sich auch die Ökonomie wandeln.» Doch diese Anpassung, etwa an die weltweite Industriepolitik oder die Kosten der Globalisierung, finde nicht statt.Der Mauerfall – eine handelspolitische ZäsurDass Greer als Verteidiger von Zöllen auftritt, überrascht nicht. Für ihn ist schwer verständlich, dass Zölle rund dreissig Jahre ein Tabu waren. Im Kalten Krieg sei man sich der Risiken eines uneingeschränkten Handels noch bewusst gewesen. Die damaligen multilateralen Abkommen – etwa das Gatt- und Cocom-Regime – hätten es noch ermöglicht, mit Zöllen die inländische Sicherheit zu gewährleisten, die eigene Industrie zu schützen und auf unfairen Wettbewerb zu reagieren.Doch mit dem Ende des Kalten Krieges, so das Argument von Greer, ging den Politikern und Ökonomen der Sinn für Pragmatismus verloren. In den «berauschenden Tagen nach dem Fall der Berliner Mauer» habe man auf die Abschaffung aller Handelshemmnisse gedrängt. «Man dachte, dies würde Frieden und Wohlstand bringen, aber es ermöglichte multinationalen Firmen letztlich nur, weltweit Subventionen sowie schwachen Arbeits- und Umweltstandards hinterherzujagen.»Überschätzte Mobilität von ArbeitnehmernRalph Ossa ist Professor für internationalen Handel an der Universität Zürich. Er arbeitete 2023 bis 2025 bei der Welthandelsorganisation (WTO) als Chefökonom – und fühlt sich von Greer angesprochen. Zwar sieht Ossa vieles anders, aber er begrüsst es, dass sich ein hochrangiger Vertreter der Trump-Regierung mit den Wirtschaftswissenschaften auseinandersetzt. Zumal Greer in seiner Analyse ins Detail geht, einzelne Annahmen infrage stellt – und dabei auch wunde Punkte trifft.Einer davon: Greer kritisiert die Annahme der Ökonomie, wonach Arbeitnehmer sehr mobil sind und nahtlos zwischen Branchen und Regionen wechseln – etwa indem sie bei einem Jobverlust im Osten in den Westen ziehen, wo noch Stellen frei sind. Der «China-Schock», also die massiven chinesischen Exporte in die USA in den 2000er Jahren, hat laut Greer aber gezeigt: Entlassene Industriearbeiter altern vor Ort und wechseln nicht in andere Regionen oder Branchen. Sie bleiben arbeitslos.Ralph Ossa, Ex-Chefökonom der Welthandelsorganisation.Ossa zeigt Verständnis für diese Kritik. Er betont jedoch, dass sich die Ökonomie weiterentwickelt habe. «Die Analyse des China-Schocks, etwa durch meinen Kollegen David Dorn an der Uni Zürich, hat gezeigt, dass Handelsschocks hohe, dauerhafte und regional konzentrierte Kosten haben können.» Betroffene ziehen tatsächlich nicht sofort weiter, es kommt zu Arbeitslosigkeit. Die Handelstheorie habe hier aufgeholt und solche Anpassungskosten zu berücksichtigen begonnen.Ossa sagt: «Greer hat recht: Die Globalisierung wurde politisch zu sorglos gehandhabt. Die Anpassungskosten sind real.» Zwar führe die Globalisierung zu Effizienzgewinnen, mit denen man die Verlierer kompensieren könne. Doch diese Kompensation habe oft nicht funktioniert. Das sei ein politisches Versagen, nicht aber ein Beweis, dass Ökonomen das Problem ignorierten. «Greer kritisiert nicht die moderne Ökonomie, sondern eine Karikatur davon.»Produktionsverlagerungen werden ausgeblendetWas man Greer – und seinen Mitarbeitern – zugutehalten muss: Er taucht hinab in die Modelle und entdeckt Interessantes. Ein Beispiel: Das Modell, mit dem der IWF nachzuweisen versucht, dass Zölle keine grosse Auswirkung haben auf Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz, lässt einen wichtigen Mechanismus ausser acht. Nicht berücksichtigt wird nämlich das sogenannte «Tariff-Jumping», also die Umgehung von Zöllen durch eine grenzüberschreitende Produktionsverlagerung.Dieses Detail habe es in sich, meint Greer. Denn «Tariff-Jumping» sei genau jener Mechanismus, durch den Zölle eine Rückverlagerung der Produktion und eine Änderung von Handelsmustern auslösen könnten. Er verweist auf Japans Autohersteller, die ihre Fabriken unter Ronald Reagans Handelspolitik nach Amerika zu verlagern begannen. «Wie können wir Zölle auf der Basis eines Modells abschreiben, das jenen Mechanismus ausblendet, durch den sie wirken?»Ossa lobt diese Recherchearbeit. Doch er kritisiert Greers Idee, dass man mit Zöllen das Handelsbilanzdefizit mechanisch reduzieren kann. «Wer das Defizit der USA nachhaltig reduzieren will, muss erklären, warum das Land weniger spart als investiert.» Dabei gehe es nicht um Freihandelsideologie, sondern um volkswirtschaftliche Buchhaltung. «Zölle können Handelsströme umlenken und einzelne Branchen schützen, aber sie können dieses makroökonomische Grundproblem nicht lösen.»Trump als Geschenk für die ÖkonomieDenn ein Handelsbilanzdefizit bedeute nichts anderes, als dass sich Amerika im Ausland verschulde, sagt der Ökonom. Wer dies mit Zöllen ändern wolle, setze am falschen Ort an. Ossa macht eine Analogie: Eine Privatperson, die mehr konsumiere, als sie durch Arbeit verdiene, lebe auf Kredit. «Wenn das Problem nun darin besteht, dass sie zu viele Ferraris kauft, ist die Lösung nicht, Ferraris zu besteuern. Die Person muss schlicht aufhören, über ihre Verhältnisse zu leben.»Greer dürfte dies anders sehen. Er erkennt in der Ökonomie vor allem blinde Flecken, realitätsferne Annahmen und scheingenaue Methoden. Es sei deshalb an der Zeit, dass deren Vertreter die Welt so betrachteten, wie sie sei – und nicht so, wie sie ihrer Meinung nach sein sollte. Greer zeigt sich überzeugt: Für Ökonomen sei Trump ein Geschenk. Denn die Rückkehr der Zölle biete ihnen eine Chance, überholte Modelle und Annahmen an der Realität zu messen und sie zu überarbeiten.Passend zum Artikel