Fast alle Spitäler im Sudan sind zerstört. Doch in den Nuba-Bergen weigern sich ein Arzt und sein Team aufzugeben. Sie ringen um das Leben der angeschossenen Kämpfer, der hungernden Kinder und der Drohnenopfer.Samuel Misteli (Text), Dominic Nahr (Bilder), Lwere06.06.2026, 05.30 Uhr15 LeseminutenMan könnte den Horror beinahe vergessen, wenn man sich bei Dr. Joseph Yacoub zum Kaffee setzt in seinem Haus auf dem Hügel, ganz im Süden des Sudans. Der Doktor züchtet Pflanzen, Buntwurz, Immergrün, Christusdorn, liebevoll arrangiert in Beeten, die sich an die Wände schmiegen. Über dem Innenhof spenden Bougainvilleen Schatten, lila Blütenblätter rieseln auf den Boden. Der Arzt hat sich ein kleines Paradies geschaffen. Yacoub sagt: «Ich weiss nicht einmal, wie all diese Blumen heissen. Ich weiss nur, wie ich mich fühle, wenn ich sie betrachte.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dann, sagt Joseph Yacoub, spüre er einen inneren Frieden.Doch nur zweihundert Meter entfernt wartet der Krieg. Im Spital.Da liegt das unterernährte Mädchen auf der Notfallstation, noch kein Jahr alt. Sie atmet in Stössen, kämpft um ihr Leben.Da wartet der Mann, dem eine Drohne den Arm weggesprengt hat. Dessen verbliebener Arm und dessen Beine übersät sind mit Wunden, gerissen von Granatsplittern.Da krümmen sich zwei Dutzend Männer mit Schussverletzungen in Bauch, Armen, Kopf. Einen der Männer hat der Doktor am Vorabend bis neun Uhr operiert. Danach schmerzte sein Rücken so sehr, dass er Tramadol schlucken musste, ein starkes Schmerzmittel, um schlafen zu können.Die Bestandesaufnahme einer vollkommen zufälligen Woche im März. Aber auch einer ziemlich typischen. Denn seit mehr als drei Jahren herrscht Krieg im Sudan, ein Krieg gewaltigen Ausmasses. Die Uno spricht von der schwersten humanitären Krise der Welt: 15 Millionen Menschen vertrieben, vielleicht 150 000 Tote, die meisten von ihnen Zivilisten. Niemand weiss es genau, aber es spielt auch keine Rolle, weil dieser Krieg neben Iran, Gaza, der Ukraine vergessengeht.Die sudanesische Armee ringt mit den Rapid Support Forces (RSF), einer paramilitärischen Truppe mit mehr als 100 000 Kämpfern, um die Macht im Land. Ihr Krieg hat dazu geführt, dass 80 Prozent aller Gesundheitseinrichtungen schliessen mussten. Weil sie von Bomben zerstört und von Kämpfern geplündert wurden. Und die Ärztinnen und Pfleger flohen.Doch dieses Spital hier im Dorf Lwere, 100 Betten, ebenso viele Mitarbeiter, trotzt allem. Es liegt in einer abgelegenen Gegend, den Nuba-Bergen. Es gibt hier weder geteerte Strassen noch Mobilfunk. Dafür Hunger, zerstörte Körper und Tod. Und einen Blumen züchtenden, Tramadol schluckenden, 54 Jahre alten Chirurgen, einen von bloss zwei in einer Region, so gross wie die Schweiz.Nichts liebe Joseph Yacoub mehr als den Frieden, sagen seine Freunde. Dabei habe er fast sein ganzes Leben im Krieg verbracht.Aus Hirtenjunge wird Dr. JosephWenig deutete darauf hin, dass Joseph Yacoub Arzt werden würde. Als Kind hütete er Ziegen, seine Eltern waren Bauern. Dann schickten ihn Missionare zum Studium in eine Stadt nördlich der Nuba-Berge. Er sollte Priester werden. Stattdessen wollte die sudanesische Regierung aus ihm einen Soldaten machen. Doch Yacoub floh, noch keine 20, aus dem Trainingscamp, zurück in die Berge.Er floh nicht aus Feigheit. Seit Jahrzehnten lehnen sich Rebellen in den Nuba-Bergen auf gegen die Regierung in der Hauptstadt. Diese rekrutiert mit Vorliebe die Nuba selber, um die Rebellen zu bekämpfen. Joseph Yacoub sagt: «Wenn du zur Armee gehst, geben sie dir ein Gewehr, und du schiesst auf deine eigenen Leute.»Sohn von Bauern, nun Chirurg. Joseph Yacoub im Spital.Rauchschwaden von Kämpfen über den Nuba-Bergen.Statt zu kämpfen, begann Yacoub Kinder zu unterrichten. Dann, 1998, lernte er Deutsche kennen. Die Hilfsorganisation Cap Anamur war ein Jahr zuvor in die Nuba-Berge gekommen, um ein Spital aufzubauen. Es war das erste in dieser Region, die am Rande des Sudans liegt, aber oft im Zentrum der Kriege, die in diesem Land seit der Unabhängigkeit 1956 geführt werden.Als Yacoub die Deutschen traf, hatte die Regierung deren neu gegründetes Spital bombardiert. Ein Kriegsverbrechen. Die Deutschen und ihre sudanesischen Partner beschlossen, das Spital nach Lwere zu verlegen, ein winziges, aber strategisch günstig gelegenes Dorf. Yacoub half ihnen, Baumaterial und Medikamente zu befördern. Autos gab es dafür keine. Sie hievten alles auf die Rücken von Eseln. Oder die eigenen Schultern. Sie bauten das Spital wieder auf, in einer schmalen Falte zwischen zwei Hügelketten. Damit Flugzeuge es nur schwer bombardieren können. Heute besteht das Spital aus einem Dutzend Backsteinhäusern mit Wellblechdächern.Dass Joseph Yacoub dann Arzt wurde, wirkt im Rückblick wie Schicksal. Doch eigentlich arbeitete er einfach im Lager und zählte Tabletten. Bis ihn ein deutscher Arzt bat, in Konsultationen zu übersetzen. Er begann, als Pfleger zu assistieren. Dann bei Operationen. Als ein Operationshelfer ausfiel, sprang Yacoub ein. Stand ab da immer am Tisch neben dem Chirurgen. Schliesslich schickten ihn die deutschen Ärzte nach Kenya an die Universität. Er sollte Medizin studieren.Seit 2010 ist Yacoub zurück in Lwere. Aus dem Hirtenjungen, der zuerst Pastor, dann Soldat, dann Lehrer hätte werden sollen, ist Dr. Joseph geworden – so nennen ihn hier alle. Der erste Nuba-Arzt. Einer, der jedes Jahr Hunderte von Operationen durchführt. Der in vielen Nächten aus dem Bett geklingelt wird. Der elf Monate durcharbeitet, um sich dann ein paar Wochen Auszeit zu gönnen. Weil es ausser ihm nur den einen anderen Chirurgen gibt in den Nuba-Bergen.Auf einen Chirurgen kommen eine Million Menschen. Fiele Yacoub aus, wäre es wieder so wie vor dem Spital in Lwere: als die Menschen einfach starben, weil es niemanden gab, der sie operieren konnte.Saidas FluchtWenn Dr. Joseph Yacoub beim Kaffee im Hof seines Hauses seine Geschichte erzählt, verbirgt er seine Erschöpfung nicht. Er sagt: «Ich brauche eine Pause. Ich wäre gerne frei, anderes zu machen. Verwandte sehen, den Garten pflegen. Gemüse und Früchte anpflanzen. Tomaten und Zwiebeln, Mangos, Guaven.»Aber dafür ist keine Zeit, Yacoub muss weitermachen. Der Krieg geht weiter, und seine Opfer warten. Menschen wie die kleine Saida, die auf der Notfallstation liegt. In dem Bett für die besonders schweren Fälle, getrennt von den anderen Patienten. Saida wiegt 4 Kilo, ihre Augen wirken zu gross für den kleinen Körper. Ein grüner Schlauch in ihrer Nase führt ihr Sauerstoff zu. Seit einer Woche liegt sie hier, niemand weiss, ob sie überleben wird. Die Pfleger befürchten, dass die Nieren des unterernährten Mädchens bereits versagen. In ein paar Tagen ist ihr erster Geburtstag.Saidas Mutter, Gisma Kamal, sitzt neben ihr auf dem metallenen Bett. Sie ist 27, hat dieselben Augen wie ihre Tochter. Doch während jene von Saida müde aussehen, ist der Blick der Mutter voller Trotz.Sie kamen aus Kadugli, einer Stadt westlich der Berge. Kadugli ist einer der Orte im Sudan, um die am heftigsten gekämpft wird. Bomben fielen fast täglich. Es gab nichts mehr zu essen. «Wir pflückten Blätter von Büschen und kochten sie», sagt Gisma Kamal. Die Blätter schmecken nach nichts, aber wenigstens hatten sie etwas im Magen.Nahrung ist eine Kriegswaffe im Sudan. Die Armeen schneiden Städte von der Versorgung ab. Millionen Menschen leiden Hunger. Mancherorts ernähren sie sich von Tierfutter.Gisma Kamal hält ihre Tochter Saida. Auch ein Sohn hat sie ins Spital begleitet.Auf der Flucht wurde Saida krank.Am 19. September beschloss Gisma Kamal, die Stadt mit ihren vier Kindern zu verlassen. Die Armee hatte die Stadt wieder beschossen, eine Bombe war in der Nähe ihres Hauses eingeschlagen. Kamal und die Kinder gingen zu Fuss, ihr Mann blieb zurück. Sie hatten nur ihre Kleider dabei. Es regnete.Während sie spricht, hebt sich Gisma ihre Tochter an die Brust, versucht sie zu stillen. Saida hat die Augen halb geöffnet, sie saugt, doch es ist unklar, ob sie genug Kraft hat, um zu trinken.Sie gingen sieben Tage. Unterwegs fragten sie in Dörfern, ob ihnen jemand etwas Hirse gebe oder sonst etwas zu essen. Wenn niemand etwas gab, assen sie Gras. Dann kamen sie in den Bergen an, liessen sich in einem der Vertriebenenlager nieder. So wie Hunderttausende, die seit Kriegsbeginn auch in die Nuba-Berge geflohen sind. Weil die Berge so weit von der Front entfernt liegen, dass sie Schutz bieten müssten. Eigentlich.Saida wurde während der Flucht krank wegen des Regens, Lungenentzündung. Sie verlor während mehrerer Monate immer mehr Gewicht. Vor einer Woche beschloss ihre Mutter endlich, ins Spital zu gehen. Saida hat Antibiotika bekommen. Doch sie ist noch schwächer geworden.Gisma Kamal sagt: «Nach Kadugli gehe ich nie mehr zurück, selbst wenn der Krieg endet.»Auf einem Schrank ein paar Meter neben dem Bett steht eine Kartonschachtel. «Death Cases Cards» ist darauf mit Filzstift geschrieben. Darin liegen die Patientenblätter der Verstorbenen. Alle paar Wochen stirbt im Spital von Lwere ein Kind. Ein Arzt, aus Deutschland gekommen, um Joseph Yacoub während ein paar Monaten zu helfen, sagt, er habe sich hier an vieles gewöhnt, aber nicht an die sterbenden Kinder.Manuel Sollmann, ein deutscher Arzt, der für einige Monate in Lwere arbeitet, mit Saida.Manuel Sollmann auf der Strasse vor dem Spital.Ein Pfleger kommt, misst Saidas Fieber. 38,7 Grad. Die Temperatur sinkt nicht so, wie sie sollte.Was Yacoub vergessen möchteDie Menschen in den Nuba-Bergen sind Bomben gewohnt. Neben vielen Häusern in der Region hat es Gruben. Die Menschen haben sie einst gegraben, um sich hineinzuwerfen, wenn sich wieder ein Bomber brummend nähert. Die ständige Gefahr fördert auch den Galgenhumor. In den Nuba-Bergen lachen sie einander aus, wenn sie nach einem Angriff aus den Gruben steigen und sehen, wie verdreckt sie sind.Alle hier können Anekdoten von Angriffen erzählen. Auch Joseph Yacoub.Einmal stand er im Operationssaal, als das Spital angegriffen wurde. Vor sich einen Patienten, dem er gerade den Bauch aufgeschnitten hatte. Pfleger und Patienten brachten sich in Sicherheit, Yacoub operierte weiter, während die Scheiben barsten.Er lacht, wenn er sich daran erinnert. Aber es gibt auch Episoden, an die er sich nicht wegen ihrer Komik erinnert. Die er lieber aus dem Gedächtnis verbannen würde.Nach einem Luftangriff im Jahr 2013 fand er auf einem Hügel in der Nähe des Spitals fünf tote Kinder. «Ihre Körper waren verteilt. Ein Kopf da, ein anderes Körperteil dort. Ich kann mich an keinen schwierigeren Moment erinnern.»Frauen warten vor der Station für mangelernährte Kinder.Auf dem Spitalgelände.Ein zweites Ereignis liegt erst ein paar Monate zurück, 30. November 2025. Eine Drohne der Armee warf zwei Granaten ab, wenige Kilometer entfernt vom Spital. Yacoub eilte zum Ort und fand ein ähnliches Bild wie zwölf Jahre zuvor. «Dutzende von Menschen lagen da, in Stücke gerissen.»Eigentlich hatte es so ausgesehen, als ob die Nuba-Berge ein Zufluchtsort sein könnten in diesem neuen Krieg. Die Rebellen, die die Region kontrollieren, heissen SPLM-North. Sie sind bis an die Zähne bewaffnet, doch sie schlossen sich diesmal keiner der Kriegsparteien an. Weder der sudanesischen Armee, ihrem Erzfeind, noch den RSF, die für unzählige Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht werden. Die Berge waren plötzlich friedlich, während Armeen ausserhalb mordeten und vergewaltigten.Doch dann witterten die Nuba-Rebellen eine Chance, die verhasste Regierung in der Hauptstadt endlich loszuwerden. Sie verbündeten sich mit den RSF. Die Nuba waren plötzlich Partei – und die Armee warf wieder Bomben auf die Berge und die Lager der Vertriebenen, die hier Schutz gesucht hatten.Eine Bombe, dann eine zweiteDer jetzige Krieg ist anders als der Krieg, den sie so gut kennen in den Bergen. Es ist ein Drohnenkrieg. Beide Seiten im Krieg verwenden Drohnen, chinesische, iranische, türkische, sie können mehrere hundert Kilometer fliegen. Die Drohnen haben den Konflikt für die Zivilbevölkerung noch gefährlicher gemacht. Joseph Yacoub sagt: «Früher griffen sie uns mit alten russischen Bombern an. Man hörte sie, lange bevor sie da waren. Auch vor den Kampfjets konnte man fliehen. Aber die Drohnen hörst du erst, wenn die Bombe einschlägt. Es ist eine neue Dimension von Krieg.»Die Kriegsparteien nehmen mit ihren Drohnen auch Spitäler ins Visier. Ende März tötet ein Drohnenangriff auf ein Spital im von den RSF kontrollierten Teilstaat Ostdarfur mindestens 70 Personen. Unter ihnen ein Dutzend Kinder, ein Arzt und zwei Pflegekräfte. Keine zwei Wochen später rächen sich die RSF mit einem Drohnenangriff auf ein Spital im Südosten des Landes. Sie töten mindestens 10 Personen, verwunden 20 weitere.Joseph Yacoub wird jeden Tag daran erinnert, dass auch sein Spital zum Ziel in diesem Krieg werden könnte. Denn einer der Überlebenden des letzten Angriffs, nach dem er in Stücke gerissene Menschen vorfand, ist noch immer sein Patient. Baballa Hassan, ein 33-jähriger Bauer, Vater von drei Kindern, wandelt zwischen den Gebäuden umher, als ob er noch immer nicht begriffen habe, was geschehen ist.Strategisch günstig gelegen: das Dorf Lwere.Baballa Hassan überlebte einen Drohnenangriff.Gerade sitzt er auf einer Betonbank im Empfangsbereich. Sein linker Arm fehlt, die Bombe hat ihn weggerissen. Sein rechter Arm und seine Beine sind voller Verbrennungen. Er hat einen Finger und drei Zehen verloren. Aber er hat überlebt und kann erzählen.Sie arbeiteten auf dem Feld an jenem Tag. Er, sein Bruder, drei Freunde. Sie machten Pause, wollten Frühstück essen, Bohnen. Sie hörten ein Geräusch, minutenlang. «Wir dachten, es sei ein Motorrad», sagt er. Er ahmt es nach: «Brrrrr.»Dann schlug die Bombe ein.«Einige waren sofort tot», sagt Hassan. «Andere versuchten wegzurennen. Sie fielen zu Boden, weil sie verletzt waren. Manche starben.»Er macht eine Handbewegung, zeigt, wie nahe bei seiner Gruppe die Bombe explodierte: zwei Meter, vielleicht drei. Sein Bruder und seine Freunde: auf der Stelle tot. Er selber an der Seite getroffen.Dann schlug eine zweite Bombe ein.Die Splitter trafen seine Hände, Arme, Rumpf, Nacken. Er verlor die Orientierung. Verstand auch dann nicht, was geschehen war, als sie ihn im Auto ins Spital gebracht hatten. Zu dem Zeitpunkt hing sein Arm noch am Körper. Später wurde er von Joseph Yacoub amputiert.An dem Tag, an dem Baballa Hassan von dem Drohnenangriff erzählt, bei dem er seinen Bruder und seine Freunde verlor und beinahe auch sein Leben, hält er sich seit drei Monaten und zehn Tagen im Spital von Lwere auf. Er zählt genau. Als ob das Zählen beim Verstehen hälfe.Dabei versucht Hassan eigentlich, nicht an den Moment zu denken. Es gelingt nicht. Manchmal, sagt er, träume er davon, erlebe die Explosionen noch einmal. Die erste. Dann die zweite.Saida kämpftAm nächsten Tag stellen die Pfleger vor dem Bett der kleinen Saida eine blaue Stoffwand auf. Um sie abzuschirmen.Saidas kleiner Brustkorb hebt und senkt sich in schnellen, hektischen Stössen. Ihre Haut ist nass vom Schweiss, ihre Augen halb geöffnet. Um 14 Uhr beträgt ihre Temperatur 36,8 Grad. Doch dann, eine Stunde später: 38 Grad.Sie trinkt jetzt nicht mehr von der Brust. Und mit der Magensonde Flüssigkeit zuzuführen, könnte ihr schwaches Herz überfordern.Die Ärzte glauben, dass Saida nicht überleben wird. Das haben sie der Mutter vor ein paar Stunden gesagt.Der Sauerstoffkonzentrator neben dem Bett summt. Saidas Mutter rückt den Plastikschlauch in Saidas Nase zurecht. Sie tupft ihr den Mund trocken.«Hat sie gepinkelt?», fragt ein Pfleger. Die Mutter prüft das Tuch, auf dem Saida liegt. Sie tut das alle paar Minuten. Es ist trocken. Sie verneint.Saida und ihre Mutter.Eine Pflegerin blickt über die Stoffwand, die sie aufgestellt haben, um Saida abzuschirmen.«Sie wird es nicht bis morgen schaffen», sagt der Pfleger, nicht zur Mutter, sondern zur Seite. «Sie wird einfach aufhören zu atmen.»Der Pfleger hat gehört, wie die müde, verzweifelte Mutter zu Saida gesagt habe: «Wenn du nicht mehr gesund wirst, ist es besser, du stirbst bald. Dann kann ich mich wenigstens um deine Geschwister kümmern.»Aber nun streicht die Mutter über die kleinen Finger ihrer Tochter. Sie nimmt ihren Arm zwischen ihre Handflächen, so als ob sie sie wärmen müsste.Und die von Ärzten und Pflegern bereits aufgegebene Saida kämpft. Es wird Abend. Nacht. Dann Morgen. Saida lebt noch immer.Ein Angriff mit KalaschnikowsEin paar Stunden später steht Joseph Yacoub im Operationssaal. Vor sich eine klaffende Bauchhöhle. Ein Verletzter, Lungendurchschuss.Yacoub zwackt Fäden ab, reicht sich mit seinen Assistentinnen Klemmen und Scheren hin und her. Die Bewegungen sind ruhig, es ist eine Choreografie, die sie Hunderte Male durchgespielt haben. Sie wechseln nur wenige, leise Worte. Diese sind wegen des Piepens des Puls- und Sauerstoffmessers kaum zu hören.Die methodische Ruhe im Operationssaal täuscht. Es ist einer der schlimmsten Tage seit Monaten im Spital von Lwere. Als ob der Krieg nicht schon genügen würde, ist in der Nacht noch ein Konflikt zwischen zwei Dörfern in der Nähe ausgebrochen. Es geht um Land. Yacoub war noch hingereist zu den Dörfern am Tag davor. Weil es Gerüchte gab, der Landkonflikt könnte eskalieren. Yacoub ist nicht nur der Chirurg in dieser Gegend. Er ist auch ein Gemeindeführer, ein Friedensstifter. Die Führer vor Ort versicherten ihm, es sei alles in Ordnung. Kurz darauf stürmten die Männer mit den Kalaschnikows ins Nachbardorf, schossen um sich.Einer der angeschossenen Männer in der Notfallabteilung.Pfleger kümmern sich um einen der Verletzten.Ein paar Stunden später stoppte vor dem Spital in Lwere ein Militär-Pick-up. Soldaten der Nuba-Rebellen stiegen aus, eilten mit finsteren Mienen ins Spital. Die letzten Soldaten luden eine Bahre aus dem Fahrzeug. Die Person darauf war mit einem Tuch verhüllt, tot.In der Notfallabteilung liegen nun sieben Männer, die beim Angriff verletzt wurden. Einige stöhnen, andere liegen regungslos. Sie haben blutgetränkte Kleider, ihr Bauch, ihre Beine oder der Kopf sind einbandagiert. Ärzte und Pfleger drängen sich gerade um ein Bett, in dem ein Mann liegt, den eine Kugel in den Kopf getroffen hat. Blut quillt ihm alle paar Minuten in einem Schwall aus der Nase. Das Gerät auf dem Bett, das den Puls des Mannes misst, piept aufgeregt.Ärzte und Pflegerinnen sprechen wenig, es herrscht äusserste Anspannung – und eine gespenstische Ruhe gleichzeitig.«Ich kann hier nicht auf dich verzichten», sagt der deutsche Arzt zu einem Pfleger, der vorgeschlagen hat, den Mann mit dem Kopfschuss in das andere Spital der Region zu fahren. «Kannst du draussen fragen, wie viele Verletzte noch kommen?»«Wer ist zuständig für diese Person?», fragt daneben eine Pflegerin. Eine andere Pflegerin wischt Blut vom Boden weg.Ein schwarzes Kreuz im PatientenblattEs sind Tage wie dieser, mit Schiessereien wegen etwas Land, die dazu führen, dass Joseph Yacoub aufgeben möchte. Als ob der neue Krieg, der Hunger und die Drohnenangriffe nicht schlimm genug wären.Bis neun Uhr abends steht Joseph Yacoub an diesem Tag im Operationssaal.Nacht in den Nuba-Bergen.Um neun Uhr abends legt Yacoub an diesem Donnerstag die Instrumente nieder. Verlässt den Operationssaal, geht die paar Meter zu seinem Haus, dem Garten, wo der Tod weit weg zu sein scheint.Saida lag den ganzen Tag in seiner Nähe, hinter einer offenen Tür, im Zimmer neben dem Notfall. Sie atmete schwächer, niemand nahm sie zur Kenntnis. Nur ihre Mutter tupfte ihr den Mund trocken, hob ihre Augenlider, um zu prüfen, ob sie noch lebt.Dann, irgendwann, in der Hektik des Tages, zwischen all dem Piepen und Stöhnen, den Kommandos der Ärzte im Nebenraum, ist sie gestorben. Sie hörte einfach auf zu atmen. Ein Pfleger versuchte noch zu reanimieren. Ein Arzt sagte, es habe keinen Sinn. Sie stoppten. So erzählte es der Pfleger danach. Sie malten ein schwarzes Kreuz in Saidas Blatt mit den Patientendaten und legten es in die Kiste mit den Todesfällen. In fünf Tagen wäre Saida ein Jahr alt geworden.Yacoub flieht – und kehrt zurückJoseph Yacoub unterscheidet zwischen verschiedenen Toden – jenen, die er schnell vergisst, und jenen, die ihn verfolgen. Er hat in seinem Leben so viele Menschen sterben sehen, dass der Tod für ihn gewöhnlich geworden ist. Er streitet mit seiner Frau, weil diese findet, er zeige keine Gefühle, wenn sie an der Beerdigung eines Familienmitglieds teilnähmen. Yacoub sagt: «Der Tod ist etwas Natürliches. Aber wenn er durch Gewalt verursacht wird, beschäftigt er mich.» Die Schüsse auf Dorfbewohner. Die Drohnenangriffe. Saidas Hunger.Blutspuren auf einer Trage, auf der einer der angeschossenen Männer transportiert wurde.Wünscht sich nichts sehnlicher als Frieden, lebt aber im Krieg: Joseph Yacoub.Der gewaltsame Tod begleitet Yacoub auch in den Wochen nach diesem Tag, an dem die Verwundeten ankommen und Saida stirbt. Der Landkonflikt verschärft sich, die Nuba-Rebellen versuchen, ihn mit Gewalt zu stoppen. Dutzende Personen werden getötet. Die Kämpfe nähern sich dem Spital. An einem Tag im Mai schlagen Geschosse im Hügel daneben ein. Yacoub und die Pfleger fliehen. Das Spital von Lwere steht still.Yacoub erzählt von der Flucht am Telefon – und von seiner Rückkehr. Natürlich kehrte er zurück. Denn irgendjemand muss ja Leben retten in dieser Gegend, in der so viele sterben. «Meine Gedanken waren ständig beim Spital», sagt er. Nun operiert er wieder. Jeden Tag. So als ob er den Frieden, den es nie gegeben hat, herbeioperieren könnte.Die Operation, die Yacoub am liebsten durchführt, hat nichts mit dem Tod zu tun. Sondern mit neuem Leben: Kaiserschnitte. «Wenn das Kind lebendig ist, die Mutter ausser Gefahr, das macht mich glücklich.» Yacoub ist selber per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen. Er sagt, das sei einer der Gründe, weshalb er sich für Medizin interessiert habe.Neues Leben. Auch das gibt es im Spital von Lwere. Am Tag nach Saidas Tod geht Yacoub durchs Spital. Er steigt eine Treppe hoch zur Geburtsstation, sie liegt gleich neben dem Operationssaal. Yacoub kommt hier täglich vorbei.Dort liegen ein Dutzend Neugeborene, die meisten ein paar Tage alt. Neben ihnen ihre Mütter, erschöpft und glücklich.Und gegenüber im Gebärsaal, da ist vor wenigen Minuten ein neues Kind zur Welt gekommen. Die Mutter liegt noch im Gebärstuhl, Schweiss auf der Stirn. Neben ihr das Kind. 2,75 Kilo, ein erstgeborener Sohn, Kuku wird er heissen.Joseph Yacoub bückt sich über den Neugeborenen. Er pikst ihn. Der Bub beginnt zu plärren – offensichtlich gesund. «Das ist doch ein guter Klang», sagt Yacoub und lacht.«Guter Klang»: Joseph Yacoub kitzelt den neu geborenen Kuku.Neues Leben: Kuku und seine Mutter Kaka Abeer.Passend zum Artikel
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