«Das System ist kollabiert»: Ebola führt vor, wie die USA bis zu Trumps Hilfsstopp das Gesundheitswesen in Kongo finanziertenWeil Millionen von Dollar an Hilfsgeldern fehlen, wurde der jetzige Ebola-Ausbruch zuerst nicht entdeckt. Jetzt versprechen afrikanische Länder wieder, ihre Gesundheitssysteme selber zu finanzieren.06.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBereits jetzt der drittgrösste Ebola-Ausbruch der Geschichte. Trauernde versammeln sich ausserhalb einer Leichenhalle in der Stadt Bunia, einem der Epizentren.Michel Lunanga / GettyWelche Verantwortung tragen die USA und andere Länder, die ihre Hilfsgelder teilweise drastisch gekürzt haben, für den jüngsten Ebola-Ausbruch? Die Frage beschäftigt Wissenschafter und Politiker. Der Ausbruch im Osten von Kongo-Kinshasa ist schon jetzt der drittgrösste seit der Entdeckung des tödlichen Virus im Jahr 1976. 60 Personen sind laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bisher gestorben, mindestens 344 haben sich infiziert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die tatsächlichen Dimensionen könnten viel grösser sein, weil der Ausbruch erst mit mehreren Monaten Verzögerung erkannt wurde. Der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte Anfang Juni, womöglich habe die Epidemie schon im Januar begonnen.Gesundheitsexperten sind sich einig, dass der Ebola-Ausbruch viel früher erkannt worden wäre, hätte Kongo nicht im vergangenen Jahr mehrere Millionen Dollar an Hilfsgeldern verloren, die das Gesundheitssystem des Landes stützten.Im Fokus stehen die USA. Die Regierung von Donald Trump hat im vergangenen Jahr die Entwicklungshilfebehörde USAID eingestampft. Dazu traten die USA aus der WHO aus, die dadurch ihren mit Abstand grössten Geldgeber verlor. Auch bei der nationalen Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) wurden Hunderte von Stellen gestrichen – unter anderem solche, die sich mit Ebola befassten.Die USA bezahlten Labors, Ausbildung, TransportKaum ein Land war so stark vom amerikanischen Hilfsstopp betroffen wie Kongo. Im Fiskaljahr 2024 flossen 1,4 Milliarden Dollar an amerikanischen Hilfsgeldern nach Kongo, 2025 waren es immer noch 430 Millionen, im jetzigen Fiskaljahr, das Ende September endet, sind es noch 21 Millionen. Die USA waren während vieler Jahre die wichtigste Stütze des kongolesischen Gesundheitssystems. Mehrere Millionen Kongolesen, die an potenziell tödlichen Krankheiten wie Malaria oder Tuberkulose erkrankten, wurden jedes Jahr dank USAID-Geld behandelt.Amerikanische Hilfsgelder zielten auch darauf, Epidemien früh zu erkennen und einzudämmen. Die USA gaben Geld für die Ausbildung von Gesundheitsarbeitern, für Notfallteams, für Laboratorien, für den Transport von Virenproben.Vieles davon ist wegen des abrupten Stopps der Gelder im vergangenen Jahr ganz oder teilweise weggebrochen. Eine konkrete Folge: Der jetzige Ausbruch wurde zuerst nicht erkannt, weil die Tests, die in der betroffenen Region Ituri verfügbar waren, den seltenen Bundibugyo-Stamm nicht identifizierten. Proben wurden erst spät und dann zuerst falsch gekühlt in die Hauptstadt Kinshasa geflogen, wo die Laborinfrastruktur besser ist. Solche Transporte wurden früher oft von USAID organisiert.Seit der Bekanntgabe des Ausbruchs Mitte Mai bemühen sich nationale und internationale Hilfsorganisationen, die Kampagne vor Ort zu organisieren. «Wir sind viel zu spät dran», sagt Florent Uzzeni, der Koordinator von Ärzte ohne Grenzen (MSF) vor Ort. «Es gibt enorm viele Verdachtsfälle, die wir gar nicht alle testen können, weil wir nicht die Mittel haben.»Es fehlt an Material und Personal: Helfer in Schutzausrüstung in der Stadt Bunia.Gradel Muyisa Mumbere / ReutersMusk stoppte «aus Versehen» Ebola-BekämpfungDass die Regierung Trump mit ihren Hilfskürzungen die Gesundheitsprävention empfindlich treffen könnte, war bereits ein Thema, kurz nachdem Trump sie verfügt hatte. Ein hochrangiger Mitarbeiter bei der Global-Health-Abteilung von USAID prognostizierte in einem internen Papier, dass die Kürzungen dazu führen könnten, dass jährlich 28 000 zusätzliche Fälle von Infektionskrankheiten wie Ebola oder dem Marburg-Virus aufträten. Die «New York Times» veröffentlichte das Dokument, der USAID-Mitarbeiter wurde daraufhin entlassen.Die Kürzungen trafen auch ganz konkret die Ebola-Prävention. Elon Musk, der mit seinem Department of Government Efficiency die Streichungen orchestrierte, sagte im Februar 2025, man habe «aus Versehen» Ebola-Mittel gestrichen – dies aber rückgängig gemacht. Amerikanische Medien berichteten, Ebola-Programme seien trotz Musks Beteuerungen gestoppt worden.Auch die Gesundheitsbehörde CDC verlor Hunderte von Mitarbeitern, die afrikanische Gesundheitsministerien dabei unterstützt hatten, Epidemien zu stoppen.In Ostkongo verdoppelte sich die SterblichkeitEiner, der die Folgen der Kürzungen vor Ort gesehen hat, ist der amerikanische Epidemiologe Les Roberts. Der emeritierte Professor der New Yorker Columbia-Universität war im vergangenen Jahr für eine kongolesische Nichtregierungsorganisation im Osten des Landes unterwegs, in einer Gegend, die nun auch Ebola-Fälle aufweist. Roberts sagt: «Das Gesundheitssystem ist kollabiert.» Apotheken hätten keine Medikamente mehr erhalten, Leute seien nicht mehr in die Kliniken gegangen, weil diese plötzlich Gebühren für die Behandlung verlangten.Der Epidemiologe Roberts stellte fest, dass sich die Sterblichkeit in den Gebieten, die er untersuchte, 2025 verdoppelt hatte. Das war vor dem Ebola-Ausbruch.Roberts sagt, durch die Kürzungen fehle es nicht nur an Personal oder Schutzmaterial. Auch persönliche Netzwerke seien zerbrochen, die es früher möglich gemacht hätten, rasch und unbürokratisch Medikamente zu liefern oder Laborproben zu transportieren.Das amerikanische Aussenministerium hat sich gegen die Schuldzuweisungen, die nun die Runde machen, gewehrt. Ein Sprecher sagte der «Washington Post», die amerikanische Hilfe sei nun «besser koordiniert und effektiver». Die USA haben im Mai angekündigt, sie würden bis zu fünfzig Ebola-Behandlungszentren finanzieren, und stellten 23 Millionen Dollar an bilateraler Hilfe für Kongo in Aussicht. Die Kritiker sagen dagegen, das sei zu wenig – und komme zu spät. Es werde Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis der Ebola-Ausbruch gestoppt ist.Abhängiges AfrikaAngesichts der offensichtlichen Abhängigkeit des kongolesischen Gesundheitssystems von ausländischen Geldern ist in den vergangenen Wochen auch wieder die Frage aufgetaucht, weshalb afrikanische Regierungen noch immer nicht fähig oder willens seien, ihre Gesundheitssysteme selber zu finanzieren. Die Abhängigkeit war zuletzt während der Covid-Pandemie deutlich geworden, als reiche Länder ihrer Bevölkerung bereits Impf-Booster zur Verfügung stellten, während mancherorts in Afrika noch nicht einmal das Gesundheitspersonal eine erste Impfung erhalten hatte. Afrikanische Länder gelobten daraufhin, mehr Geld für Gesundheit zu budgetieren.Ähnlich tönt es auch jetzt. Jean Kaseya, der Chef der panafrikanischen Gesundheitsbehörde Africa CDC, schrieb in einem Beitrag in der «Financial Times»: «Afrikas gesundheitliche Sicherheit muss in erster Linie auf afrikanischem Boden aufgebaut werden – mit langfristigen afrikanischen Kapazitäten, die von afrikanischen Regierungen, ihren Partnern und dem Privatsektor finanziert werden.»In einer Pressekonferenz Ende Mai sagte Kaseya, die Hilfskürzungen hätten den jetzigen Ebola-Ausbruch begünstigt. Aber nun würden afrikanische Länder Verantwortung übernehmen: «Die kongolesische Regierung hat 50 Millionen Dollar für die Ebola-Kampagne gesprochen. Das war in der Vergangenheit nie der Fall.»Tatsächlich haben viele afrikanische Länder die Ausgaben für den Gesundheitsbereich erhöht. Die meisten sind aber weit davon entfernt, ein bereits 2001 formuliertes Ziel, mindestens 15 Prozent ihres Staatshaushalts für den Gesundheitssektor aufzuwenden, zu erreichen. Kongo gab zwar zuletzt offiziell 13 Prozent seines Haushalts für die Gesundheit aus, ein grosser Teil davon floss aber in die Gehälter von Beamten.Passend zum Artikel
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