Die verspätete WM-Reise wird zur Randnotiz, bleibt aber Sinnbild für die Kapriolen des Fussballers Breel EmboloWegen eines Visum-Problems trifft der 29-jährige Stürmer mit Verzug in den USA ein. Das passt, ist doch sein Weg fernab des Terrains von zahlreichen Bremsspuren gezeichnet. Er lebt in einem eigenen Koordinatensystem.06.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenGutgläubig, blauäugig, auf und neben dem Rasen immer für eine Überraschung gut: der Schweizer Stürmer Breel Embolo.Arne Amberg / ImagoIm April hat Breel Embolo einen WM-Medientermin im Trainingszentrum von Stade Rennes, seinem Klub in der Ligue 1. Allein die mächtige Statur des Fussballers erzielt Wirkung. Der Kopf ist zunächst unter einer Kapuze versteckt. Widerborstiger Auftritt eines Rappers? Er legt seinen Kopf frei und grüsst die Runde. Schnell wird klar, dass der anfängliche Missmut zur Schau gestellt ist. Embolo ist freundlich, geht auf Fragen ein, meidet aber oft den direkten Blickkontakt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man denkt: Der kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Wenige Wochen zuvor ist ein Strafurteil gegen ihn rechtskräftig geworden. Wegen «mehrfacher Drohung» wurde Embolo schuldig gesprochen, zurückgehend auf eine Auseinandersetzung in Basel 2018. Er akzeptierte die Strafe und bezahlte 135 000 Schweizerfranken.In Rennes bleiben extrasportive Themen aussen vorErstaunlicherweise ist der Gerichtsfall im April in Rennes kein Thema. Der Informationsfluss kann klemmen, selbst im Google- und KI-Zeitalter. Die Medienabteilung des Klubs rühmt vielmehr die zugängliche Art des Schweizers, dessen Sondereinsatz für Medien, Fans und Sponsoren, dessen Integration, unter Einbezug seiner Familie.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenDie französischen Journalisten wollen wissen, warum die Schweizer Auswahl seit Jahren so gut ist. WM, der erste Match gegen Katar, Granit Xhaka, Geheimnisse, Träume. Als Gast aus der Schweiz hält man sich intuitiv zurück. Embolo gibt erst etwas später zu der Verurteilung Auskunft. Unter vier Augen. In Rennes hat das Extrasportive in dem Augenblick null Echo. Embolo kommt gut weg.Die alte Basler Geschichte mit den Drohungen auf offener Strasse holt ihn erst Anfang Juni ein, acht Jahre nach dem Vorfall, als sich seine WM-Reise in die USA wegen dieses juristischen Verdikts um ein paar Tage bis Freitag verzögert. Da hat die Geschichte nicht mehr keine Resonanz wie in Rennes, sondern maximale, als müsste man dem Volk das bewegte Dasein des 29-jährigen Breel Embolo in Erinnerung rufen.Schon in jungen Jahren Fahren ohne Führerausweis, wiederholt Tempoüberschreitungen auf der Strasse, Disziplinarfälle, gefälschtes Covid-Zertifikat, der Basler Fall, begleitet von Gerichtsprozessen und entsprechender Öffentlichkeit. Nächtlicher Autounfall mit dem Lamborghini in Monaco. Kein Zufall ist, dass Embolo 2024 in einem Gerichtsprozess gegen ein Ex-Hells-Angels-Mitglied genannt wurde. Es ging um gestohlene Luxusuhren. Davon betroffen waren Embolo und der Nationaltrainer Murat Yakin.Auch solche Termine zeichnen seinen Weg: Der Fussballer erscheint im September 2025 vor dem Appellationsgericht in Basel.Georgios Kefalas / KeystoneEmbolo wurde mit einer Viertelmillion Euro gebüsstIm Januar 2021, in einer Zeit, in der in Deutschland Toleranz kleingeschrieben wurde, bot Embolo Filmreifes. Er nahm in Essen während der Corona-Einschränkungen an einer ausschweifenden Party teil und flüchtete beim Eintreffen der Polizei mitten in der Nacht über die Dächer. Die Polizei spürte ihn in einer Badewanne der Nachbarwohnung auf, hinter dem Duschvorhang versteckt. In der Not behauptete Embolo, dass er mit Freunden am Fernsehen Basketball verfolgt habe.Sein damaliger Klub, Borussia Mönchengladbach, reagierte scharf. Während Corona hatten die Moralapostel schliesslich Hochkonjunktur. Max Eberl, damals Gladbach-Sportdirektor, sprach von einem «unbedachten, falschen Verhalten». Embolo soll von der Klubleitung danach eine Busse in der Höhe von einer Viertelmillion Euro aufgebrummt worden sein.Das ist Embolo pur. Durchaus intelligent, aber etwas naiv, beeinflussbar, ein Stück weit überfordert, blauäugig, gutgläubig – und mit dem «immer wieder Gleichen», wie ein Vertrauter von ihm sagt. Die Überschrift dazu: «Ich kann mich nicht an Regeln halten.» Ein kräftiger Körper, aber Leichtigkeit im Leben. Er navigiert zuweilen in einem eigenen Wertesystem und setzt Prioritäten im Leben, die in Europa nicht nur auf Anklang stossen und zu reden geben. In Kamerun geboren, mit sechs Jahren mit der Mutter in die Schweiz gekommen, neue Heimat, der Vater bis heute weit weg.Die Geburtsstadt Embolos ist eine andere WeltWer in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, das Quartier aufsucht, in dem Embolo aufgewachsen ist, braucht nicht lange, bis ihm die extreme Differenz zur Schweiz ins Auge sticht. Allein, was die holprigen Sandstrassen und das Fussballterrain betrifft, die Infrastruktur, das ganze Drumherum. Die Stiftung der Familie ermöglicht dem Gast aus der Schweiz 2022 den Kontakt zum Vater nicht. Breel wolle das so, hiess es. Aus welchen Gründen auch immer.Der Vater, ein Fussballverrückter, heisst Diego Kegné und ist nach Maradona benannt. Wie sein Sohn, ein Halbbruder von Breel Embolo, der ebenfalls Fussball spielt und 2022 in Yaoundé plötzlich vor einem steht. Heute ist der Halbbruder vierzehn Jahre alt. «Er ist nicht gross, zeigt gute Dinge, muss aber noch Fortschritte machen», sagt einer seiner kamerunischen Trainer am Telefon, «er wurde auch schon für ein Nachwuchsteam Kameruns aufgeboten».Mit siebzehn Jahren debütiert Breel Embolo 2014, damals schon mehr als zehn Jahre in der Schweiz, mit dem FC Basel in der Super League. Sein Trainer und Förderer war Murat Yakin, der heutige Nationalcoach. Embolo sagt über Yakin: «Er ist mein Mentor. Ich schätze ihn als Menschen und tue alles für ihn. Aber er ist als Trainer hart mit mir. Dass sich unsere Wege so nochmals kreuzen, hätte ich nicht erwartet.»Noch nicht zwanzig, wechselt Embolo 2016 für über 25 Millionen Euro in die Bundesliga zu Schalke 04. Ab dem Zeitpunkt fliegen ihm die (Transfer-)Millionen um die Ohren. Er steigt schnell zum Millionär auf, Geld ist reichlich vorhanden. Geld, dank dem sich viel regeln lässt und dank dem hohe Bussen schmerzlos abgegolten werden können. Der Luftibus Breel Embolo gehört in Rennes laut «L’Équipe» zu den Spitzenverdienern. Jahresgehalt 4,5 Millionen Euro brutto, Prämien nicht inbegriffen.Seine Extratouren sind willkommenes Fressen für die (Boulevard-)Medien. Sie berichten darüber, drehen den bekannten Fussballer durch den Fleischwolf, worauf sich dieser etwas ungelenk zu wehren versucht. Und damit hilft, die jeweilige Geschichte weiterzudrehen. Für Embolo ist’s ja nicht so schlimm. Und das verschlimmert’s.Embolo jubelt über ein Tor für seinen neuen Klub Stade Rennes.Jean Catuffe / GettyEmbolo trägt eine TeilschuldAls er in Rennes gebeten wird, für das Schweizer Medium ein paar Minuten zur Verfügung zu stellen, willigt er sofort ein.Breel Embolo, die juristische Basler Sache ist nach vielen Jahren abgeschlossen. War sie belastend?Man ist immer froh, wenn man keine solche Sache hat. Einige Leute verstehen mich, weil sie die Hintergründe des Vorfalls kennen.Welche Hintergründe?Die sind nicht in den Medien. Ich bezahle den Preis dafür, dass ich bekannter als andere bin. Ich trage einen Teil der Schuld, aber es ist für mich im Moment schwierig, zu verstehen, warum das alles so herausgekommen ist, warum auf mich draufgeschlagen wird.Sind Sie über die Jahre reifer geworden?Ich habe eine Vorbildfunktion und versuche mich ständig zu verbessern. Ich war schon früh reif, musste das sein, nachdem ich als Kind von Kamerun in die Schweiz gekommen bin. Ich habe gelernt, wie böse der Mensch sein kann. Davon distanziere ich mich. Ich bin gutmütig, lieb.Inwiefern steht Ihnen Murat Yakin bei?Er weiss, wie ich als Mensch bin, auch ausserhalb des Platzes, welche Erziehung ich habe. Er kennt mich so gut wie fast kein anderer. Man muss unterscheiden zwischen Sportler und Mensch. Ich bin alt genug, um zu wissen, ob und wie ich etwas getan habe. Wenn man Hilfe braucht, ist Yakin da.Stade Rennes ist eine geölte Transfer-DrehscheibeLeute, die Breel Embolo gut kennen, sagen, dass der Stürmer ganz Grosses im Kopf habe, zum Beispiel den FC Barcelona. Davon sind die Ligue 1, die Bretagne und Rennes ein Stück weit entfernt, obschon der Klub auf der französischen Transfer-Drehscheibe seit Jahren vorbildlich geschäftet und wiederholt Nettoerlöse im teilweise hohen, zweistelligen Millionenbereich einfährt.FC Basel, Schalke 04, ab 2019 Mönchengladbach, 2022 nach Monaco und seit 2025 Rennes. Der grosse Steigerungslauf ist das nicht, obschon die jeweilige Transfersumme nie unter die Zehn-Millionen-Grenze fällt. Embolo wurde bis 2024 von der Agentur der Familie Shaqiri beraten und wechselte 2024 in eine niederländische Grossagentur, die etwa den Trainer Josep Guardiola im Portfolio führt.Dazu sagt der Spieler im April 2026 in Rennes: «Das war kein Entscheid gegen die Familie Shaqiri, sondern für etwas Neues.» Jetzt hat er einen dicken Vertrag in Rennes, aber keine Agentur mehr, weil die Niederländer bereits Vergangenheit sind. Warum? «Das passte mir nicht mehr. Jetzt bin ich wieder frei, vielleicht kümmern sich Familienmitglieder darum.» Sätze wie geschaffen für das Embolo-Vocabulaire.Die Karriere Breel Embolos ist von Bremsspuren gezeichnet. Dazu gehören besagte Episoden neben dem Terrain. Sie sind lästig und energieraubend, weil öffentlichkeitswirksam. Vor allem, wenn er sich dauernd falsch verstanden fühlt.Zudem hatte der Stürmer zwei schwere Verletzungen. Kaum in der Bundesliga, erlitt er als noch nicht Zwanzigjähriger nach einem rüden Foul eine Fraktur des Sprunggelenks. Im August 2023 folgte ein Kreuzbandriss, im Training mit der AS Monaco, ohne Fremdeinwirkung. Nach Komplikationen im Trainingsaufbau dauerte die Absenz neun Monate.Just auf die Euro 2024 hin war er wieder parat und sagt heute: «Das war trotz allem eines der schönsten Jahre. Die Kluft zwischen Saisonstart und Saisonende kann zwar grösser fast nicht sein. Aber das muss nicht zwingend schlecht sein. Dann aus dem Nichts an der Euro teilnehmen und fast bis in den Halbfinal vorstossen.»Tiefenpsychologisch stellt sich die Frage, inwiefern zwischen (extrasportiven) Belastungen und Verletzungen Kausalitäten bestehen.Alex Frei und seine Torquote bleiben unerreichtWeniger Psychologie und dafür mehr Statistik erfordert die Beantwortung der Frage, was für ein Typus Stürmer Breel Embolo ist. Er ist bei 86 Länderspielen und 24 Toren angelangt. Zum Vergleich: Alex Frei, der Schweizer Rekordtorschütze, summierte in 84 Partien 42 Tore. Frei sagt, dass Embolo nie Goalgetter werde und nie 25 Tore pro Saison erzielen werde. Darauf angesprochen, entgegnet Embolo: «Es ist genauso, wie Frei sagt. Ich bin nicht Estéban Lepaul und nicht Erling Haaland, der auf fünfzig Tore im Jahr kommt.»Die bemerkenswerte Torstatistik des früheren Nationalspielers Alex Frei wird für Breel Embolo unerreicht bleiben.Steffen Schmidt / KeystoneEstéban Lepaul wurde als Rennes-Stürmer mit 21 Toren soeben bester Torschütze der Ligue 1. Embolo kommt auf deren 8. Er ist weit von Alex Frei weg, der mit Rennes in der französischen Meisterschaft 2004/05 am meisten Tore (20) erzielte. Wie erklärt sich Embolo das? «In meiner Jugend habe ich auf verschiedenen Positionen gespielt. Heute setze ich im Strafraum meinen Körper ein und bewege mich vermutlich schlau. Ich will der Mannschaft dienen. Ich will gewinnen, muss aber nicht Torschützenkönig werden.»Embolo wird sich wohl auch nach der WM in den USA nicht die Torkrone aufsetzen. Er steht vor seiner dritten WM und vor seiner sechsten Endrunde. Er weist am Medientermin in Rennes mehrmals darauf hin, dass nicht nur Granit Xhaka, dessen Familie Embolo in Basel schon seit Kindsbeinen nahesteht, die Auswahl seit Jahren präge. Dazu gehörten auch er, Ricardo Rodríguez, Manuel Akanji und Nico Elvedi.Bleibt noch der Hinweis auf den letzten WM-Match dieser Generation, den 1:6-Absturz im WM-Achtelfinal 2022 gegen Portugal in Doha. Wie ein Albtraum. Der schlimmste Match dieser gelobten Equipe? Embolo verneint entschieden, weil Portugal wie eine «grande nation» gespielt und die Schweiz nicht unterschätzt habe. Ihm setzt im Rückblick mehr der EM-Viertelfinal 2024 zu, der gegen England im Penaltyschiessen verlorenging. «Ich traf, wir führten in der 75. Minute 1:0. Am Ende waren wir nur einen Elfmeter vom Halbfinal entfernt.»Egal, wohin die WM-Reise das Schweizer Team 2026 führt. Die Einreiseverzögerung des Stürmers ist eine Randbemerkung – aber gleichzeitig ein starkes Sinnbild für die Kapriolen Embolos.Passend zum Artikel