Es gibt nicht so viele Gewissheiten im Theater, erst recht nicht an der Berliner Volksbühne. Aber wenn Jürgen Kuttner die Bühne betritt, um wieder mal „Videoschnipsel“ zu zeigen, weiß das Publikum, was es zu tun hat. Auf die Begrüßung des Conférenciers („Hallo, Publikum“) antwortet der Chor der Zuschauer aus dem ausverkauften Saal mit freudiger Erwartung: „Hallo, Kuttner“. Man kennt sich.Seit ziemlich genau 30 Jahren arbeitet sich der Gedankenjongleur an der Volksbühne liebevoll an Fundstücken aus ost- und westdeutschen Fernseharchiven ab, die er wie ungehobene Schätze zur deutschen Alltags- und Mentalitätsgeschichte in den Blick nimmt. Belesen wie ein Kulturwissenschaftler und mit den Rampensau-Qualitäten eines Entertainers hat Kuttner mit seiner Videoschnipsel-Exegese ein eigenes Genre zwischen höherem Quatsch, Geistesblitzen und gekonnter Publikumsüberforderung entwickelt.Damit soll jetzt Schluss sein. Nach insgesamt 213 ausverkauften Schnipsel-Shows seit 1996 wird Kuttner sein Fanpublikum am 9. Juni 2026 zum letzten Mal in der Volksbühne begrüßen. Matthias Lilienthal, der neue Intendant des Hauses, will die Reihe nicht fortsetzen. Für Kuttner-Fans, also etwa die Hälfte des alten Volksbühnenpublikums, dürfte das einem Anschlag auf das immaterielle Weltkulturerbe des Prenzlauer Bergs gleichkommen. Der Rauswurf ist natürlich das gute Recht des Intendanten, besonders nett und ausgesprochen klug ist er nicht unbedingt.Die Themen? Polizisten im Ost-West-Vergleich und der Schlagersänger Ivan RebroffBei seinen Exkursionen in die Fernseharchive („Von Mainz bis an die Memel“) steht Kuttner als Archäologe deutscher Seltsamkeiten auf der Bühne, ein Mann mit dem schönen Talent, immer aufs Neue über die Sitten und Gebräuche seiner Landsleute zu staunen. Die Ausschnitte aus alten Schlagersendungen, Aufnahmen von Staatsbegräbnissen, Dokumentationen aus der Arbeitswelt, Werbeclips oder Lehrfilmen seit den 1950er-Jahren dienen dem Vortragskünstler als Sprungbrett für seine mäandernden Assoziationsketten und hermeneutischen Endlosschleifen.Gen Z:Heimweh nach Mutti-LandAls Angela Merkel regierte, durften sie nicht mal wählen, nun wünschen sich viele junge Menschen die Altkanzlerin zurück: Was das über Merkel verrät – und über unsere Zeit.Das Themenspektrum reicht von deutschen Polizisten im Ost-West-Vergleich, der „Geburt des radikalen Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers“ oder einer „Phänomenologie der Ost-Frau“ bis zum liebsten Fake-Russen der Deutschen, dem Schlagersänger Ivan Rebroff aus Berlin-Spandau, und dem deutschen Russland-Bild vom Kalten Krieg bis heute („In 50 Minuten sind die Russen am Kurfürstendamm“). Kuttner schafft es spielend, solche Aberwitz-Themen in den Gedankenpirouetten seiner improvisierten Vorträge einzuholen und völlig schlüssig die abenteuerlichsten Thesen zu entwickeln: die Welt als Wille und Wahnvorstellung.Dass er dabei schneller berlinert, als andere Leute denken, und keinen Grund sieht, die Begeisterung über die eigenen Einfälle hinter Understatement zu verbergen, sorgt für das nötige Tempo und den robusten Charme der Auftritte. Danach ist man möglicherweise nicht unbedingt klüger, aber auf jeden Fall bestens gelaunt.Die Frage ist, ob Kuttner die Volksbühne braucht – oder nicht doch eher die Volksbühne ihnWo sonst hätte man zum Beispiel erfahren können, wie sich Cindy & Berts Schlagerfassung des Heavy-Krachers „Paranoid“ von Black Sabbath kultur- und geistesgeschichtlich einordnen lässt. Weil er nicht genug davon bekommen kann, widmet sich Kuttner aus Prinzip in jeder Show den Inszenierungsstrategien und Missverständnissen, die am Werk sind, wenn Joseph Beuys in einem Wahlkampf-Clip für die Grünen 1982 unbeholfen „Sonne statt Reagan“ singt und dabei euphorisch sein Mikrofon herumwirbelt, weil er glaubt, dass sich das in der Popmusik so gehört. Offenbar ist die Deutung dieses Beitrags der Grünen zur Kunstgeschichte auch nach 30 Videoschnipsel-Jahren noch nicht zu einem für Kuttner befriedigenden Abschluss gekommen. Allein zur Frage, weshalb sich die drei Sängerinnen am rechten Bildrand nicht von der Stelle bewegen, hat er diverse Theorien im Angebot: Wurden ihre Füße festgetackert, oder wollen sie das Studio für immer besetzen, um sich ihren Platz in der Kunst-, Partei- und Menschheitsgeschichte zu sichern? An der Volksbühne wird Kuttners endlose Beuys-Exegese keine Fortsetzung mehr erleben.Volksbühne:Tanz auf dem VulkanDie Choreografin Constanza Macras inszeniert an der Volksbühne Isherwoods „Goodbye Berlin“ über das Ende der Weimarer Republik. Dass es auch ihre eigene Abschiedsvorstellung wird, erfuhr sie aus den Medien.Lilienthals Behauptung einer Neuerfindung der Volksbühne unter sämtlichen gängigen Kulturbetriebs-Schlagworten von „divers“ bis „postkolonial“ ist neben Kuttner auch eine andere prägende Volksbühnen-Künstlerin zum Opfer gefallen. Die auf lustige und lässige Weise ziemlich radikale Choreografin Constanza Macras passt ebenfalls nicht in Lilienthals Programm. Mit ihrer Compagnie Dorky Park hat Macras an der Volksbühne seit vielen Jahren ihren idealen Spielort und mit insgesamt gut 140 Vorstellungen und mehr als 45 000 Zuschauern ein treues Publikum gefunden. Die Choreografin und ihre Tänzer wechseln ans kleinere Maxim-Gorki-Theater, auch Kuttner wird in Berlin andere Bühnen finden. In den Theatern von München bis Wien, von Zürich bis Cottbus ist er mit seinen Videoschnipseln sowieso schon aufgetreten. Die Frage ist jetzt, ob er die Volksbühne braucht – oder nicht doch eher die Volksbühne ihn.Trifft man Jürgen Kuttner in diesen Tagen in einem Berliner Biergarten, sitzt man einem etwas wütenden Menschen gegenüber, der erzählt, was ihm die Volksbühne bedeutet. Als 16-Jähriger hat er hier in den 1970er-Jahren die Inszenierungen von Benno Besson gesehen, in der gesamten Castorf-Ära war er dem Theater eng und freundschaftlich verbunden. Es klingt ein bisschen, als sei die Volksbühne so etwas wie die längste Liebesgeschichte seines Lebens gewesen.Sein heimlicher Traum war es, zusammen mit dem nachwachsenden Publikum alt zu werdenLarmoyanz hat Kuttner definitiv nicht nötig, er neigt keine Sekunde zur Verbitterung, aber sauer ist er schon. Eigentlich war es sein heimlicher Traum, zusammen mit dem nachwachsenden Publikum auf der Bühne alt zu werden. In seiner vorletzten Volksbühnen-Show vor ein paar Wochen hat er sich das schon mal ausgemalt: Wie er sich als Mümmelgreis am Rollator auf die Bühne schleppt, zahnlos „hallo Publikum“ nuschelt und ihm dann aus dem Theater ein Ruf wie Donnerhall entgegenweht: Hallo, Kuttner. „Mann, das wird mir fehlen“, hat er auf der Bühne geseufzt, und das war mindestens so ehrlich wie kokett und selbstironisch.Im Biergarten erzählt er, dass seine lustigen Archivexkursionen als kleine Störmanöver gegen die grassierende Geschichtsvergessenheit durchaus ernst gemeint seien. Der promovierte Kulturwissenschaftler und Gelegenheitsmarxist ist geradezu manisch an Geschichte interessiert – schon, weil das zuverlässig vor der Naivität eines wohlfeilen Moralisierens und zu simpler Weltbilder schützt.Eine Inspiration für die ersten Videoschnipsel-Geschichtslektionen war damals ein Filmtitel von Alexander Kluge: „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Genau gegen dieses Auslöschen der Vergangenheit richtet sich Kuttners Show. Pech für ihn, dass Lilienthal als alter Hipness-Streber nichts so sehr fürchtet wie nicht auf der Höhe des Augenblicks zu sein, und vom Ehrgeiz getrieben ist, dabei den anderen immer ein paar Umdrehungen voraus zu sein. Jetzt setzt seine Volksbühne mit Kuttners Rauswurf einfach den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit fort. Das ist keine Schande, aber etwas schade ist es schon.