Versteckt in den Gassen von Hongik-dong, einem ruhigen Wohnviertel im Osten von Seoul, befindet sich ein verblassendes, mit Steinfliesen verkleidetes Gebäude mit der Aufschrift „Korea Baduk Association“. Es beherbergt den Dachverband der professionellen Go-Spieler:innen des Landes. Das Spiel ist uralt und genießt in Südkorea fast den Status der Heiligkeit.Anzeige
Doch im Inneren des Gebäudes, wo einst nur das leise Klappern von Händen zu hören war, die in Holzschalen mit Steinen eintauchten, erschallt nun das Klicken von Computermäusen. Go-Profis sitzen gebeugt vor ihren Monitoren und spielen ihre Partien in einem KI-Programm nach. Andere drängen sich um ein Brett und diskutieren über den bestmöglichen nächsten Zug, während Trainer:innen hinterfragen, wie ihre Entscheidungen im Vergleich zu denen einer KI abschneiden. Einige Spieler:innen sitzen auch nur schweigend da und beobachten, wie KI-Programme gegeneinander spielen.
All das hat einen Grund: Vor zehn Jahren verblüffte Alpha Go, die KI-Go-Software von Google Deepmind, die Go-Welt. Es gelang ihr, den südkoreanischen Meister Lee Sedol zu besiegen. In den Jahren danach hat die KI das Spiel komplett auf den Kopf gestellt. Sie hat jahrhundertealte Prinzipien über die besten Züge verändert und vollkommen neue eingeführt. Spieler:innen trainieren jetzt, die Züge der KI so genau wie möglich nachzuahmen, anstatt eigene zu erfinden – auch wenn ihnen das Denken der Maschine nach wie vor ein Rätsel bleibt. Heute ist es praktisch unmöglich, professionell Go zu spielen, ohne KI zu nutzen. Einige Profis sagen, dass die Technologie dem Spiel die Kreativität genommen hat. Andere glauben, dass es immer noch Raum für den menschlichen Geist gibt. Unterdessen demokratisiert KI auch: Da sie fast allen Menschen zur Verfügung steht, können junge Spieler:innen leichter in der Rangliste aufsteigen.








