„Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?“, fragte Wim Wenders in seiner Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Filmpreises für sein Lebenswerk. Die Frage ist trivial – oder scheinheilig. Denn Filme werden häufig im Nachhinein gekürzt. Mitunter zum Leidwesen der Regisseure, manchmal auch zum Segen des Publikums, dem Peinlichkeiten und Längen erspart werden. Wenders wollte auf ein anderes Problem hinaus: „Darf man“ einen Film im Nachhinein kürzen?Der kollektive Charakter relativiert die Befugnisse eines Regisseurs bei Filmkunstwerken. Wird im Nachhinein gekürzt, damit es sich besser vermarkten lässt, ist Widerstand verständlich. Erfolgt die Kürzung aus Angst vor wirtschaftlichem Schaden, ist Kritik angebracht. Erfolgt sie aus Furcht vor Zensur, erfordert Widerstand Mut.An den Schutz der Schauspielerinnen dachte niemandUnd wie steht es mit der (Sexual-)Moral? Ingmar Bergmans Kinofilm „Das Schweigen“ von 1963 durfte noch Jahre nach der Fertigstellung nicht gezeigt werden, weil in einer Szene ein Coitus a tergo zu sehen war. Zensur war immer schon ein anerkanntes, wiewohl nicht unumstrittenes Mittel, um das Publikum vor sittlichen Grenzüberschreitungen (und vor seinem Interesse daran) zu schützen. An den Schutz der Schauspielerinnen dachte man nicht. Mittlerweile haben immer freizügigere Darstellungen das Publikum an die Verwertung der Schaulust gewöhnt. Nun regt sich Unbehagen daran, was den Darstellerinnen und Darstellern dadurch womöglich widerfahren ist.Wenders bekennt: Was ihm seinerzeit künstlerisch folgerichtig erschien, bewertet er heute anders. Er hat zwar noch immer nicht in sein Werk eingegriffen, es aber inzwischen aus dem Verkehr gezogen. Würde er es überarbeiten, stünde er in einer langen Tradition. Gottfried Keller schien die erste Fassung seines „Grünen Heinrich“ im Rückblick nicht nur zu lang, auch die Anlage leuchtete ihm nicht mehr ein. Der Wechsel der Perspektive von erster zu dritter Person (mit der Bob Dylan später in „Tangled up in Blue“ spielte) gefiel ihm nicht mehr; der Schluss sollte gedanklich mehr in die Richtung gehen, die Goethe dem Bildungsroman mit seinem „Wilhelm Meister“ gewiesen hatte. Keller tat, was er für richtig hielt – er kürzte und änderte.Wilhelm Meister der SiebzigerjahreWilhelm Meister heißt auch die Hauptfigur in Wenders’ inzwischen umstrittener Verfilmung von Peter Handkes „Falsche Bewegung“, gespielt von Rüdiger Vogler. Handke und Wenders ließen seinerzeit einen Wiedergänger des Harfners aus „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ auftreten, der sich als Nazi tatkräftig am Holocaust beteiligt hatte. Um sich vor dem Wilhelm Meister der Siebzigerjahre zu rechtfertigen, schwärmt der neue Harfner (Hans Christian Blech) von einer Natur, deren Bild eine trügerische Erlösung durch das Weißwaschen der Memoria verheißt: „Die Natur ist mir lebenswichtig. Ich vergesse darin, was früher war … Wie gereinigt wird die Erinnerung von der Natur!“ Zehn Jahre bevor die deutsche Erinnerungskultur von höchster Stelle eingeläutet wurde, war das eine pointierte Spitze gegen deutsche Befindlichkeiten.Die kindfrauliche Begleiterin des Film-Harfners, gespielt von Nastassja Kinski, weckt im Film Wilhelms Begierde. Vogler agiert das vor der Kamera in Gestalt von symbolischer Begattung und realer physischer Gewalt aus, die in Handkes Buchvorlage nicht vorkam. Es wäre auch 1975 möglich gewesen, darauf zu verzichten, die spannungsreiche Beziehung des Helden zur äußeren und zur triebhaften inneren Natur anders, sprich: weniger die Schaulust bedienend, zu visualisieren. Doch Wenders hat „den Sexismus praktiziert, wie er damals in der Filmbranche üblich war“, wie die Filmwissenschaftlerin Annette Brauerhoch im Deutschlandfunk trocken feststellte.Wim Wenders bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises jüngst in BerlindpaVor drei Jahren wurde darüber gestritten, ob Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“ aus dem Kanon empfohlener Schullektüre entfernt werden soll, weil der Autor eine rassistische Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe verwendet hat, die in der Zeit der Entstehung des Romans gang und gäbe war. Nicht in Erwägung gezogen wurde ein nachträglicher Zensur-Eingriff durch verharmlosende Ersetzung des verfänglichen Wortes. Bei Übersetzungen ist dieses Verfahren das Mittel der Wahl. Der Vater von Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ firmiert seit Jahren als „Südseekönig“. Gegenwärtig wird bei der Planung einer Neuausgabe von Herman Bangs Novelle „Die vier Teufel“ in Erwägung gezogen, vorliegende Übersetzungen zu verändern, da auch hier jenes Wort verwendet wird, das bei Koeppen Anstoß erregt.In Dänemark wird nicht erwogen, Bang deshalb aus dem literarischen Kanon zu entfernen. Eine Artistengruppe aus prekären Verhältnissen, zwei Brüder und zwei Schwestern, tritt in seiner Erzählung im Zirkus auf. Bang beschreibt das Spektakel: „die Schwestern standen im Feuer von Hunderten von Operngläsern gleichsam nackt in ihren schwarzen Trikots da – wie zwei Negerinnen mit weißen Gesichtern. Sie schwangen sich alle ins Netz hinauf und begannen zu arbeiten. Nackt schienen sie zwischen den rasselnden Schaukeln hin und her zu fliegen ... es war, als wenn die weißen und schwarzen Körper sich liebesheiß umschlängen … und sich wieder lösten in lockender Nacktheit.“ Hier geht es um die, wie man heute sagt, Intersektionalität aus Konventionen, Klassenverhältnissen, erotischem Begehren und sexueller Macht.Ließe sich ein adäquater Ersatz für das missliebige Wort finden? Bang kann darauf keine Antwort mehr geben. Wenders könnte, wenn er sich zu Nastassja Kinskis Frage weniger weinerlich positionieren würde, sagen: Damals mag es ästhetisch angemessen erschienen sein, der Kamera und dem Publikum ein nacktes Kind zum Fraße vorzuwerfen, aber heute kann man wissen, dass es schon damals nicht zwingend erforderlich war, um diesen Aspekt der Geschichte zu visualisieren. Da hat der Regisseur ein Recht zur nachträglichen Änderung. Sogar in der Trivialkultur kommt es vor, dass Regisseure ihre Werke im Nachhinein kürzen – sei es aus Mitgefühl mit dem Publikum, dem wenigstens ein paar Minuten wertvoller Lebenszeit nicht geraubt werden („Gladiator 2“), sei es aus künstlerischer Einsicht. Nirgends steht geschrieben, dass ein Director’s Cut länger sein muss als die Kinofassung.Hätte Beethoven sich mit sorgenzerquältem Antlitz vor das Publikum gestellt und gefragt, ob man eine Oper im Nachhinein kürzen kann? So fragte ein Künstler von Beethovens Rang nicht; er straffte und kürzte. Wenders hat die Chance, der Einsicht Rechnung zu tragen, dass auch eine Schauspielerin den Anspruch erheben darf, als Mitautorin des kollektiven Kunstwerks Film anerkannt zu werden. Das Machtgefälle zwischen Regisseur und Aktrice ist kein Wesensmerkmal des Mediums. Dass Wenders den Film jetzt zurückgezogen hat, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Debatte um Wenders-Film: Schon damals falsch, das nackte Kind zu zeigen
Warum so weinerlich, Herr Wenders? Die symbolische Begattung und die physische Gewalt kommen in Peter Handkes Buchvorlage nicht vor. Auch künstlerisch ist es geboten, den Film „Falsche Bewegung“ umzuschneiden.












