In seinem Element: Marc Jacobs backstage bei seiner Show an der New York Fashion Week im Februar 2026. Getty Images Ob auf Instagram, Kinoleinwänden und dem neuen Albumcover des Pop-Stars Charli XCX: Am Modedesigner Marc Jacobs kommt man derzeit nicht vorbei. Schade nur, steckt sein Label in einer Identitätskrise.Es hätte das Ende sein können, ein stiller Rutsch in die Irrelevanz: Im Mai verkaufte der französische Luxusgüterkonzern LVMH das Modelabel Marc Jacobs nach knapp dreissig Jahren an die zwei amerikanischen Gruppen WHP Global und G-III Apparel, die man vor allem für Marken im Mittelpreissegment kennt. Es ist, kurzgefasst, ein Umzug von der französischen Elite in den heimischen Durchschnitt.Doch während Marc Jacobs, die Marke, veräussert wird, ist Marc Jacobs, der Mann, allgegenwärtig und so schillernd wie selten. Im Blockbuster «Der Teufel trägt Prada 2» erhält er einen Atelierbesuch – und damit eine Segnung – der Modepriesterin Miranda Priestley (Meryl Streep). Ein Dokumentarfilm von Sofia Coppola, «Marc by Sofia», beleuchtet sein Leben und Schaffen. Und nun blickt er auch noch vom neuen Albumcover des Pop-Stars Charli XCX, platziert zwischen dem Musiker und Velvet-Underground-Gründungsmitglied John Cale und dem Filmemacher Martin Scorsese.Marc Jacobs, 63 Jahre alt, trägt dort eine schwarze Chanel-Jacke und Ballerinas, die wie Socken aussehen: Er ist ein Maskottchen für die Mode. Das passt. Denn kein Designer hat die Entwicklungen der Modewelt in den vergangenen fünf Jahrzehnten so verkörpert wie er.Ein kultureller AllesfresserAuf der Upper West Side bei seiner Grossmutter aufgewachsen, wurde Jacobs als Teenager zum kulturellen Allesfresser. Er brachte so unterschiedliche Einflüsse wie Surrealismus und amerikanische Abschlussbälle zusammen und konnte daraus erst noch Kleider schneidern, die man tragen wollte. 1984 schloss er sein Studium an der Modeschule Parsons mit einer Kollektion von Strickpullovern ab und gründete bald darauf mit seinem Geschäftspartner Robert Duffy ein eigenes Label.Bald wurde klar, dass er das Spiel mit Subkultur und Massengeschmack, Kunst und Kommerz beherrschte. Als Kreativdirektor des amerikanischen Modelabels Perry Ellis etwa brachte er den tonangebenden, runtergerockten Stil des Grunge 1992 aufs glänzende Parkett der Luxusmode. Er erntete vor allem kritische Kommentare. Die Modejournalistin Suzy Menkes verteilte an der nächsten Modewoche gar Anstecknadeln mit dem Aufdruck «grunge is ghastly» – Grunge sei grauenhaft. Getty Images Grauenhaft oder ein Geniestreich? Die Meinungen über die Grunge-Kollektion von Marc Jacobs für Perry Ellis, gezeigt 1992, waren gespalten. Doch die Belohnung kam, fünf Jahre später, und zwar so richtig. Bernard Arnault, der CEO des wachsenden Luxusgüterkonzerns LVMH, wollte mit Jacobs an der Spitze aus dem Taschenspezialisten Louis Vuitton ein vollwertiges und vor allem modernes Modehaus machen. Im Zuge dessen kaufte er auch einen Mehrheitsanteil am gleichnamigen Modelabel des Designers.Louis-Vuitton-Taschen als LeinwändeJacobs schien dem Druck erst nicht gewachsen. Er flüchtete sich in Alkohol und Drogen und landete 1999 im Entzug. Mit der Zeit fasste er Fuss in Paris. Ohne falsche Ehrfurcht funktionierte er die Monogramm-Taschen von Louis Vuitton zu Leinwänden für Künstler wie Takashi Murakami und Stephen Sprouse um. Der Mode-Dompteur in seiner Manege: Marc Jacobs backstage bei Louis Vuitton im Oktober 2008. Getty Images Das führte zu Wartelisten und massiven Umsatzsteigerungen. Solche limitierten Kooperationen von Luxushäusern und Künstlern gehören heute zum Standardrepertoire der Modewelt. 2013 verliess Marc Jacobs die Maison nach 16 prägenden Jahren an der Kreativspitze.Das Kommen und Gehen von Marc by Marc JacobsDamit fokussierte er sich wieder auf sein eigenes Modelabel. Die nuller Jahre waren gut gewesen für Marc Jacobs: Die Zweitlinie Marc by Marc Jacobs (lanciert 2001) und Parfums wie «Daisy» (lanciert 2007) waren Kassenschlager. Die Werbekampagnen von Juergen Teller – Victoria Beckhams Beine etwa, die wie Antennen aus einer Einkaufstasche ragten – festigten derweil die verspielte, rebellische Identität des Hauses. Doch Jacobs und sein Geschäftspartner mussten, so erzählten sie es dem «New York Magazine» 2005, häufig mit LVMH um mehr Mittel verhandeln. 2015 wurde Marc by Marc Jacobs eingestellt.Nur im Luxussegment und von den halbjährlich in New York gezeigten Laufstegkollektionen leben konnte das Haus aber nicht. Laut Analysen machte Marc Jacobs bald jährliche Verluste von über 50 Millionen Euro. «Ich mache mir mehr Sorgen um Marc Jacobs als um den US-Präsidenten», sagte Bernard Arnault 2017 nach der Wahl Trumps in einer Investorenkonferenz.Eine rettende TascheDann kam die Tote-Bag. Die 2019 lancierte eckige Allesträgerin markiert ihre Rolle und Zugehörigkeit mit fettem Aufdruck und gehört bis heute in all ihren Variationen zum Strassenbild vieler (Vor-)Städte. Im Juni 2026 wurde in Zusammenarbeit mit dem Kosmetikunternehmen Coty auch die Beauty-Linie von Marc Jacobs neu auf den Markt gebracht. Kommerziell scheint es aufzugehen. Doch so richtig gerecht wird das der Strahlkraft von Marc Jacobs, dem Mann, nicht. Eckige Allesträgerin mit Mitteilungsbedürfnis: «The Tote Bag» von Marc Jacobs, hier gesehen in Paris 2025. Getty Images Dieser hat sich nämlich längst zum Kult gemausert. Auf Instagram hat er mit seinen ausgeflippten Nageldesigns und seiner ungefilterten, zeitgeistigen Art – er dokumentierte unter anderem extensiv den Heilungsprozess seines Facelifts – neue Fans gewonnen. Andere haben sich auf dem Secondhand-Markt in die Louis-Vuitton-Kollektionen von Marc Jacobs verliebt: «neue Must-haves», adelte die «Vogue» diese im Oktober 2025. Als Chanel auf der Suche nach einem neuen Kreativdirektor war, munkelte man eine Zeitlang gar, seine langjährige Unterstützerin Anna Wintour werbe für ihn.Abseits der Tote-Bags werden seine Shows an der New York Fashion Week für ihre Experimentierfreude gefeiert wie keine anderen. Dazu gehörte ein mehrjähriger Ausflug ins Puppenhafte, in Richtung eines seiner Vorbilder, der Japanerin Rei Kawakubo. Nur kaufen konnte man diese Kleider lediglich an einem Ort, nämlich beim New Yorker Luxuswarenhaus Bergdorf Goodman. Auf Laufstege und rote Teppiche begrenzt: Marc Jacobs und Cardi B in einem skulpturalen Entwurf des Designers an der Met-Gala 2026. Getty Images Ein Wiedersehen ist garantiertNun also der Besitzerwechsel. LVMH hat sich damit einer Marke entledigt, die nicht mehr zum Luxusprofil des Konzerns passt. WHP Global und G-III Apparel hingegen haben einen Namen gewonnen, den man noch immer kennt und breit vermarkten könnte. Marc Jacobs soll, sobald die Transaktion im Wert von 850 Millionen Dollar abgewickelt ist, weiterhin als Kreativdirektor amten. Mehr ist über die Zukunft des Hauses nicht bekannt. PD Dass Marc Jacobs weiterhin tragbare, kluge, witzige Mode entwerfen kann, zeigte er bei seiner Show im Februar 2026: mit verschobenen Silhouetten und pudrigen Farbtönen. So oder so: Wir werden Marc Jacobs wiedersehen. Und wenn es nur auf Millionen von Handybildschirmen ist, wenn Ende Juli das neue Album von Charli XCX erscheint. 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Der Designer ist gefragter denn je, die Marke schwächelt: Was ist los mit Marc Jacobs?
Der Modedesigner Marc Jacobs ist überall. Schade nur, steckt sein Modelabel in einer Identitätskrise.










