Heute geht es um den Kampfgeist der türkischen Opposition. Um Putins Auftritt auf dem Wirtschaftsgipfel in Sankt Petersburg. Und um die Korruptionsvorwürfe gegen den Rüstungskonzern KNDS.

Im Frühjahr 2023 saß ich in Ankara einem Mann gegenüber, von dem ich damals dachte, dass er die türkische Demokratie retten könnte: Kemal Kılıçdaroğlu. Der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei (CHP) war in vielerlei Hinsicht der Gegenentwurf zu Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Er gehört der Minderheit der Aleviten an, er lebte in einfachen Verhältnissen, er hielt Rechtsstaatlichkeit hoch. Umfragen sahen ihn bei der Präsidentschaftswahl bis kurz vor Schluss in Führung.

Özel nach seiner Absetzung als CHP-Chef: »Wir werden sämtliche Mittel ausschöpfen, um Erdoğan zu besiegen«

Am Ende verlor er dennoch gegen Erdoğan (mehr dazu hier ). Und so sehr Kılıçdaroğlu vor der Wahl das Gute in der türkischen Politik verkörperte – Pluralismus, Dialogfähigkeit –, so sehr verkörperte er nach der Wahl das Schlechte. Trotz der Niederlage weigerte er sich, den Parteivorsitz abzugeben. Özgür Özel löste ihn schließlich im November 2023 nach einer Kampfabstimmung ab.

Inzwischen hat Kılıçdaroğlu seinen Ruf vollends ruiniert. Er machte sich mit einem perfiden Plan mutmaßlich aus dem Präsidentenpalast gemein, Özel per Gerichtsbeschluss als CHP-Chef abzusetzen. Seit Ende Mai führt nun wieder Kılıçdaroğlu die CHP an, zumindest auf dem Papier, denn faktisch hat er fast die gesamte Partei gegen sich. Der Oppositionspolitiker ist wegen seiner Kollaboration mit Erdoğan bei vielen Türkinnen und Türken so verhasst, dass er sich gegenwärtig in Ankara kaum auf die Straße trauen kann (mehr dazu hier ).