Auf dem Papier ist Kemal Kılıçdaroğlu jetzt der Vorsitzende der größten türkischen Oppositionspartei. Doch seine erste Rede nach seiner Einsetzung durch ein Gericht hatte mit Oppositionsarbeit nichts gemein. Über die Regierung sprach er fast gar nicht. Stattdessen rechnete er mit seiner eigenen Republikanischen Volkspartei (CHP) ab, die ihn 2023 abgewählt hatte. „Wir werden uns von den Schmiergeldnehmern und Dieben säubern“, sagte der 78 Jahre alte Politiker. „Ich entschuldige mich dafür, die korrupten Bürgermeister nicht aus der Partei ausgeschlossen zu haben.“ Jene mehr als 20 CHP-Bürgermeister also, die seit Monaten im Gefängnis sitzen und über die noch kein Gericht geurteilt hat.Kılıçdaroğlu war am Samstag in die Parteizentrale in Ankara gekommen. Erstmals, seit die Polizei eine Woche zuvor den gerichtlich abgesetzten Vorsitzenden Özgür Özel mit Tränengas daraus vertrieben hatte. Er sprach vor einer Menschenmenge, die nach seinen eigenen Worten teils in Bussen aus anderen Städten herbeigebracht worden war, darunter aus dem 600 Kilometer entfernten Izmir.Regierungstreue Sender übertragen die Rede liveKılıçdaroğlu bediente sich beim Vokabular von Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Er bezichtigte seine innerparteilichen Gegner, „Agenten der Fetö-Terrororganisation“ zu sein, ein Bezug auf den verstorbenen Prediger Fethullah Gülen, den Ankara für den Putschversuch von 2016 verantwortlich macht. Er wird inzwischen aber als Synonym für alle möglichen politischen Gegner verwendet. Weiter behauptete Kılıçdaroğlu, seine Gegner würden mit „ausländischen Mächten“ im Bunde zu stehen, seien von „Machtgier“ getrieben und hätten in Bordellen illegale Absprachen getroffen. Dabei machte er Anleihen bei der Anklageschrift gegen den abgesetzten Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu.Der Staatsfunk TRT und der regierungstreue Fernsehsender TGRT übertrugen seine Rede live. Dieselben Medien hatten ihm nach Angaben der OSZE-Wahlbeobachter kaum Sendezeit gewährt und wenn, dann vornehmlich negativ berichtet, als Kılıçdaroğlu 2023 als Präsidentschaftskandidat gegen Erdoğan angetreten war. Nun verschwiegen sie, dass sich wenige Kilometer entfernt in der Innenstadt von Ankara eine deutlich größere Menschenmenge versammelt hatte, um dem gerichtlich abgesetzten CHP-Vorsitzenden Özgür Özel zuzuhören. Viele Teilnehmer der Kundgebung skandierten „Kemal, Verräter“.„Die Nation“: Unterstützer von Özgür Özel bei der Kundgebung am 30.5.26 in AnkaraEPAÖzel beschrieb seine Versammlung als „die Nation“ und Kılıçdaroğlus als eine Veranstaltung, die mithilfe von Erdoğans AKP und dem Sender TGRT organisiert worden sei. Kılıçdaroğlus neuer Medienberater hat früher unter anderem als Kommentator für TGRT gearbeitet. Özel sagte über den Berater: „Der Mann hat nur ein Ziel: die Republikanische Volkspartei zu zermürben.“Unterstützung erhielt Özel vom CHP-Bürgermeister von Ankara, Mansur Yavaş, einem Schwergewicht in der Partei. Beide forderten eine sofortige Einberufung eines Parteitags. Anschließend marschierten sie mit Tausenden Anhängern zum Mausoleum des Partei- und Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk. Wie üblich legten sie in der Ehrenhalle einen Kranz nieder. Darauf die Aufschrift: „Özgür Özel, Vorsitzender der Republikanischen Volkspartei“.
Türkei: Kılıçdaroğlu kündigt Säuberungen in der CHP an
Der gerichtlich eingesetzte Parteivorsitzende der größten Oppositionspartei kündigt eine Säuberungskampagne an – und bedient sich der Vokabeln von Präsident Erdoğan.










