Der Machtkampf tobt: Die grösste türkische Oppositionspartei steht vor einer ZerreissprobeDer erfolgreiche Oppositionschef ist abgesetzt, ein schwacher Nachfolger installiert. Dem Präsidenten bietet das eine Chance.28.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEr will nicht aufgeben: Özgür Özel wehrt sich gegen seine Absetzung.Necati Savas / EPAEin Gerichtsurteil hat den Machtkampf in der grössten Oppositionspartei der Türkei offengelegt: auf der einen Seite die neue CHP unter Özgür Özel, auf der anderen die alte Garde unter Kemal Kilicdaroglu. Lachender Dritter dieser Rivalität ist der mächtigste Mann im Land: Recep Tayyip Erdogan. Denn die Opposition steht vor einem Scherbenhaufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Donnerstag vergangener Woche setzten Richter in Ankara Özel als Parteichef ab und ersetzten ihn vorläufig durch seinen Vorgänger Kilicdaroglu. Sie erklärten Özels Wahl zum Parteivorsitzenden im Jahr 2023 rückwirkend für nichtig, weil sie durch Bestechung von Delegierten erfolgt sein soll. Die Klage wegen mutmasslicher Unregelmässigkeiten war von CHP-Politikern aus dem Lager von Kilicdaroglu angestrengt worden. Dieser war am Parteitag Özel unterlegen.Präsidentschaftswahl 2023 als WendepunktKilicdaroglu führte die CHP bis dahin 13 Jahre lang. Der 77-Jährige öffnete die Partei für religiöse Wähler und Minderheiten, wodurch sie für einen breiteren Teil der Gesellschaft wieder wählbar wurde. Er förderte und baute auch den mittlerweile abgesetzten Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoglu, auf und machte dessen Sieg bei den Kommunalwahlen erst möglich. Dennoch verlor die CHP in den 13 Jahren unter ihm jede wichtige Wahl und schaffte es nie, Erdogans AKP zu gefährden.Die Präsidentschaftswahl im Jahr 2023 markierte schliesslich einen Wendepunkt in Kilicdaroglus Laufbahn innerhalb der CHP. Seriöse Umfragen besagten, dass Imamoglu oder der Oberbürgermeister von Ankara, Mansur Yavas, intakte Chancen gegen den angeschlagenen Erdogan gehabt hätten. Doch Kilicdaroglu erzwang seine eigene Kandidatur – und verlor krachend. Sein Wunsch, Präsident zu werden, wog offenbar schwerer als der Erfolg der Opposition über Erdogan. Das sorgte in den Reihen der Partei für Unmut.Die Quittung dafür bekam Kilicdaroglu am besagten Parteitag 2023: Die Delegierten wählten ihn ab und schenkten Özel ihr Vertrauen. Imamoglu und Özel hatten seinen Sturz im Hintergrund orchestriert. Sie wollten die verkrustete Partei organisatorisch und ideologisch neu aufstellen, um sie wieder auf den Erfolgspfad zu bringen.Kemal Kilicdaroglu kommt zurück an die Spitze der CHP.Ugur Yildirim / DIA / APWahlerfolg dank ReformenStatt die Wähler wie bis anhin mit abstrakten ideologischen Werten wie dem Kemalismus und dem Säkularismus anzusprechen, präsentierten sie bürgernahe Lösungen wie den Ausbau von Kitas, Studentenwohnheimen oder der Sozialhilfe. Parallel dazu reformierten sie die parteiinterne Organisationsstruktur. Durch die Einführung von Vorwahlen verlor die Parteizentrale in Ankara das alleinige Recht, Kandidaten zu bestimmen, was die Vergabe von Posten über loyale Netzwerke einschränkte. Gleichzeitig leiteten sie einen Generationenwechsel ein, indem sie ältere Kader im Parteivorstand durch jüngere Köpfe ersetzten.Die neue Strategie zahlte sich aus. Bei den Kommunalwahlen im März 2024 holte die CHP einen historischen Sieg mit 37,8 Prozent der Stimmen. Sie schnitt erstmals seit 1977 wieder als stärkste Kraft im Land ab und gewann die meisten Bürgermeisterämter. Seither liegen Erdogans AKP und die CHP in Umfragen mehr oder weniger gleichauf.Die Modernisierung der CHP passte dem alten Flügel der Partei um Kilicdaroglu nicht. Er wirft der neuen Führung vor, sie opfere die ideologischen Grundwerte der Partei und das Erbe Atatürks dem Populismus. Er kritisiert des Weiteren die neue Machtstruktur, welche erfahrene Parteikader von Posten und Wahllisten verdrängt habe, um Loyalisten einzusetzen. Tatsächlich bedeutete die Reform ein jähes Karriereende für zahlreiche Exponenten aus dem Kilicdaroglu-Lager.Interne Kritik hin oder her, der Wahlerfolg bestätigte die Reformstrategie der neuen CHP. Das schmerzte Kilicdaroglus Gefolgschaft. Vieles deutet darauf hin, dass sie den parteiinternen Konflikt als Reaktion auf den Machtverlust auf die juristische Ebene verlagerte: Sie klagte wegen Stimmenkaufs beim Parteitag – dort, wo ihre Entmachtung begann.Ein idealer VorwandDer Gerichtsentscheid vom vergangenen Donnerstag dient Kilicdaroglu wie auch Erdogan gleichermassen als Vorwand, um ihren jeweiligen Interessen nachzukommen. Die Entmachtung des erfolgreichen Özel und die Einsetzung des schwachen Kilicdaroglu ist im Sinne des Präsidenten, der die Partei vor der nächsten Wahl zu neutralisieren versucht. Beobachter halten die Annullierung des CHP-Parteitags für politisch motiviert. Denn das Urteil reiht sich nahtlos in ein systematisches Vorgehen gegen die Partei ein.In den vergangenen anderthalb Jahren wurden Hunderte von CHP-Mitgliedern unter Korruptions- und Terrorvorwürfen verhaftet oder abgesetzt. Prominentestes Beispiel ist Istanbuls abgesetzter Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu. Erdogans gefährlichster Gegner sitzt seit März 2025 im Gefängnis und sieht sich mit einer drohenden Haftstrafe von mehr als 2000 Jahren konfrontiert.Für Kilicdaroglu eröffnet die Entfernung Özels derweil die Möglichkeit, durch die Hintertür an die Parteispitze zurückzukehren. Er ist überzeugt, dass seine Absetzung als Parteipräsident unrechtmässig war. Zugleich fühlt er sich von seinen politischen Ziehsöhnen verraten, weshalb das Urteil aus seiner Sicht wohl einer Genugtuung gleichkommt. Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass sein Anwalt die Räumung der CHP-Parteizentrale am Sonntag in Ankara bei der Polizei beantragt hatte.Am Mittwoch vergangener Woche erklärte Kilicdaroglu, die CHP schützen und von «beschmutzter Politik» befreien zu wollen. Er handle nicht im persönlichen Interesse, sondern in dem der Nation. Doch das sehen nicht alle so.Keine neue ParteiFür die deutlich stärkere Özel-Fraktion der CHP und einen Grossteil der Wähler ist er ein Verräter. Sie beschuldigen Kilicdaroglu, sich als Handlanger Erdogans herzugeben, um eigenen politischen Ambitionen nachzugehen. In der Bevölkerung hat er seit geraumer Zeit an Popularität verloren. Wie viele Unterstützer Kilicdaroglu innerhalb der Partei noch hat, ist unklar. Allzu viele dürften es nicht sein: Am Samstag wurde Özel mit überwältigender Mehrheit zum Vorsitzenden der CHP-Fraktion im Parlament gewählt. Es zeigt, dass ihn die meisten Abgeordneten unterstützen.Wie es mit der Oppositionspartei weitergeht, ist unklar. In den türkischen Medien kamen rasch Gerüchte auf, wonach Özel und seine Anhänger die Partei verlassen und eine neue gründen könnten. Özel wies dies jedoch zurück. Stattdessen ruft er zum Protest auf und drängt auf einen Sonderparteitag, bei dem er erneut um den Parteivorsitz kämpfen will. Die Entscheidung darüber liegt nun aber in der Hand Kilicdaroglus.Passend zum Artikel