Kein 10-Millionen-Land, sondern ein 60-Millionen-Reich: Das Imperium Romanum war ein Schmelztiegel von Menschen, Sprachen und Religionen. Und hatte über Jahrhunderte Bestand, trotz Dichtestress.05.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenSchon in der Antike war Rom eine Megacity: Touristen vor dem Kolosseum.Claudia Chieppa / Anadolu via GettyMassen von Menschen, unerträglicher Lärm und ständiger Verkehrsstau: eine schreckliche Stadt. Schlafen könne in Rom niemand, sagt Juvenal. Und leben eigentlich auch nicht. Wer hier wohne, werde unweigerlich krank, schrieb der Satiriker am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. Ausser er könne sich ein Haus an bester Lage leisten. Auf einem der sieben Hügel, mit Garten, abseits der Hektik. Nur, irgendwann muss jeder einmal ins Stadtzentrum. Und im antiken Rom hiess das: hinein in ein Gedränge, aus dem man kaum mehr herausfand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Davon erzählte auch der Lyriker Horaz, rund hundert Jahre vor Juvenal. Über das Forum zum Esquilin spazieren? Ein Albtraum. Von der einen Seite hetzt ein Polier Arbeiter und Maultierwagen durch die Strassen, von der anderen kämpft sich ein Leichenzug durch die Menge, dazwischen streunen Hunde und Schweine herum. Man sei eingeklemmt zwischen Passanten, sagt Juvenal, komme nicht voran: Bald spürt man einen Ellbogen in den Rippen, bald die Stange einer Sänfte im Arm oder den genagelten Stiefel eines Soldaten im Fuss.Rom als Metropole, die an ihrer Bevölkerung erstickt? Aus heutiger Sicht klingt das übertrieben. Aber falsch ist es nicht. Rom war mit Abstand die grösste Stadt der antiken Welt. Und auch für heutige Verhältnisse eine Grossstadt. Im 1. Jahrhundert n. Chr. dürfte die Kapitale des Reichs eine knappe Million Einwohner gehabt haben. Verteilt auf eine Fläche von rund fünfzehn Quadratkilometern. Auf einem Quadratkilometer lebten mehr als sechzigtausend Menschen – mehr als zehnmal so viele wie in Zürich, das entspricht der Bevölkerungsdichte einer modernen Megacity wie Manila.In Rom eine Unterkunft zu finden, war schwierig. Mit knapper Not habe er eine Wohnung ergattert, lässt Juvenal einen Mann klagen: winzig, dunkel, teuer. Zudem wisse man nie, ob die Decke solid sei und wie lange die Mauern hielten. Um genügend Wohnraum zu schaffen, entstanden in Rom schon früh Hochhäuser, sogenannte «insulae», die sechs, sieben Stockwerke hoch sein konnten. Massiv gebaut war meist nur das Erdgeschoss. Die oberen Stockwerke waren Holzkonstruktionen. Einsturzgefährdet und leicht brennbar.Die Sprache der GebildetenDie Zahl der Menschen war in Rom das eine. Dass sie von überall her kamen, das andere. Gebürtige Römer waren eine Minderheit, auch in Rom. Römische Bürger mitsamt den Freigelassenen, die mit der Entlassung aus dem Sklavenstand das Bürgerrecht bekamen, dürften um die vierzig Prozent der Einwohner ausgemacht haben. Fast gleich gross war der Anteil der Sklaven, die aus allen Teilen des Reichs in die Hauptstadt verschleppt worden waren. Aus Gallien, Griechenland, dem Nahen Osten und Nordafrika. Rund zwanzig Prozent waren freie Zuwanderer aus den Provinzen.Das schlug sich auch in der Sprache nieder. Spätestens ab dem späten 1. Jahrhundert v. Chr., als das ganze Mittelmeergebiet unter römischer Herrschaft stand, war Griechisch in weiten Teilen des Reichs zur wichtigsten Sprache geworden. Im Westen war Latein noch die beherrschende Amts- und Umgangssprache, doch im östlichen Teil des Reichs sprach man Griechisch. Wahrscheinlich sogar im Rechtsverkehr. Nur in der Armee hielt sich das Lateinische unangefochten.Auch in Rom war das Griechische allgegenwärtig. Schon in der späten Republik war es für Angehörige der besseren Gesellschaft selbstverständlich, Griechisch zu können. Als Ausdruck von Weltläufigkeit, Bildung und gehobenem Lebensstil. Ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. lebten zudem griechische Schriftsteller, Historiker und Philosophen in Rom und prägten das intellektuelle Klima der Stadt.In der Kaiserzeit wurde das Griechische offenbar immer dominierender. Jedenfalls wenn man Juvenal glauben will. Er beklagte sich darüber, Rom sei eine griechische Stadt. Schrecklich, fand er, kaum zu ertragen. Vor allem, weil die Griechen in Rom keine «richtigen» Griechen seien. Sondern Leute von überallher im Osten, wo Griechisch gesprochen werde: aus Mazedonien, Kleinasien, Libanon.Die Sitten der VorfahrenRom werde überschwemmt, schrieb Juvenal: Es sei, als ob der syrische Fluss Orontes direkt in den Tiber fliesse. Und ein Geschiebe mit sich führe, das die Stadt verderbe: fremde Sitten, seltsame Kulte und verführerische Frauen, die den Römern den Kopf verdrehten. Nicht genug, dass die Römer die Griechen in ihre Stadt aufnähmen, kritisierte Juvenal: Sie würden selbst zu Griechen, weil sie alles übernähmen, was nach griechischer Lebensart aussehe. Die altrömischen Sitten blieben dabei auf der Strecke.Die Klage war alt. Schon zweihundert Jahre vor Juvenal hatte der Politiker Marcus Porcius Cato vor den Gefahren gewarnt, die seiner Meinung nach von der griechischen Kultur ausgingen. Man müsse die jungen Leute von griechischer Literatur und Philosophie fernhalten, fand er. Sie sollten die Tugenden lehren, die Rom gross gemacht hätten: einfaches Leben, harte Arbeit und militärische Disziplin. Nur so könne das Römische Reich langfristig bestehen.Cato wurde belächelt: ein alter Mann, der sich schwertat mit allem Neuen und die Zeichen der Zeit nicht erkannte. Aber was waren die Zeichen der Zeit? In etwas mehr als hundert Jahren war Rom vom Stadtstaat zur beherrschenden Macht im westlichen Mittelmeerraum geworden. Doch die Geschichte war nicht zu Ende, die Eroberungen gingen weiter. Mit der Niederwerfung Karthagos umfasste der Einfluss das ganze Mittelmeer. Später konsolidierten die Kaiser die Macht. Die Republik wurde zum Reich, das über Jahrhunderte bestand.Das war nicht nur der militärischen Stärke geschuldet, sondern vor allem auch der Art, wie Rom unterworfene Völker behandelte: nicht als Vasallen, sondern als Verbündete. Rom war kein Klub, der sich fremden Einflüssen verschloss. Sondern eine Gesellschaft, die Fremde aufnahm, solange sie bereit waren, sich an die Regeln zu halten: Loyalität, Steuerzahlungen, militärische Unterordnung. Lokale Eliten in unterworfenen Gebieten wurden in die Verwaltung eingebunden und erhielten das römische Bürgerrecht, genauso wie Soldaten, die in römischen Truppen ihre Dienstzeit abgeschlossen hatten. Woher sie kamen, welche Sprache sie sprachen und welche Götter sie verehrten, spielte keine Rolle. Im Jahr 212 verlieh Kaiser Caracalla allen freien Bewohnern des Reichs das römische Bürgerrecht.Ein Reich, das aus Fremden bestehtWar es das, was dem Imperium Romanum am Ende zum Verhängnis wurde? Die Bereitschaft, Fremde als Gleichberechtigte ins Reich aufzunehmen? Ausser dem alten Cato wäre in der Antike kaum jemand auf diese Idee gekommen. Dass das Reich Zerfallserscheinungen zeigte, war den Menschen durchaus bewusst. Ab dem 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. immer mehr. Sie schrieben es dem Verfall der Sitten zu, erklärten es damit, dass Geschichte in Zyklen verlaufe und jedes Reich zwangsläufig auch einmal untergehe. Oder gaben den Christen die Schuld.Der Gedanke, die Überfremdung des Reichs sei die Ursache dafür, dass Einfälle von Germanen, Vandalen, Goten und anderen Völkern immer häufiger wurden und immer schlechter pariert werden konnten, kam erst in der Neuzeit auf. Im 19. Jahrhundert wurde er erstmals formuliert und vermischte sich bald mit der Idee, die Durchmischung von Rassen und Kulturen habe die Widerstandskraft der Römer geschwächt. Das Römische Reich sei an der «Ausrottung der Besten» gescheitert, so fasste der Historiker Otto Seeck die These zusammen.Diese Theorie verkennt zum einen, dass das Römische Reich nie eine Nation war mit gemeinsamer Kultur, Sprache oder Tradition. Und erst recht keine ethnisch homogene Gruppe. Osker, Umbrer, Sabiner, Etrusker, Volsker, Samniten: Rom entstand von allem Anfang an durch die Unterwerfung «fremder» Stämme. Später kamen Gallier, Griechen, Phryger, Galater, Ägypter und viele andere dazu. Das Prinzip blieb: Sie wurden in den Staat integriert. Ab dem 2. Jahrhundert kamen auch Kaiser aus den Provinzen. Das Reich hatte über Jahrhunderte Bestand.Dass es sich im 5. Jahrhundert auflöste, hatte vor allem mit wirtschaftlichen und finanziellen Problemen zu tun. Mit militärischen Schwierigkeiten, politischer Instabilität und dem zunehmenden Druck auf die Grenzen des Reichs, dem die Armee nicht mehr gewachsen war. Dass die Übermacht der Fremden im Reich selbst den Ausschlag gab, ist wenig wahrscheinlich: Das Imperium Romanum bestand aus Fremden. Fast tausend Jahre lang. Wenn man das oströmische Reich dazuzählt, noch wesentlich länger.Theorie mit SprengkraftDer Gedanke, Rom sei an seiner Fremdenfreundlichkeit erstickt, ist wenig plausibel. Aber er hat bis heute Sprengkraft. Ende des Jahres 2015 schrieb der Historiker Alexander Demandt einen Text, in dem er die Ansicht vertrat, der Untergang Roms hänge mit der Überfremdung der spätantiken Gesellschaft zusammen. Auch Rom habe Einwanderer nur in überschaubarer Zahl aufnehmen können, argumentierte Demandt. Der Ansturm der Goten Ende des 4. Jahrhunderts habe die Integrationskraft des Reichs überstiegen: Versorgungsprobleme, Unruhen, Bürgerkrieg. Schliesslich hätten die Fremden die Macht übernommen.Erscheinen sollte der Text in der Zeitschrift «Die politische Meinung», die von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben wird. Die Redaktion lehnte die Publikation ab: In der gegenwärtigen politischen Situation könnte der Text falsch interpretiert werden, fand sie. Hunderttausende von Syrern waren damals auf der Flucht nach Europa, ein paar Monate zuvor hatte die Kanzlerin dekretiert: «Wir schaffen das!» Da wollte die mit der CDU eng verbundene Adenauer-Stiftung alles vermeiden, was als Widerspruch hätte verstanden werden können. Selbst wenn es nur um eine Theorie über das Ende des Römischen Reichs ging.Passend zum Artikel
Überfremdungsdebatte: Ging das Römische Reich tatsächlich wegen der starken Einwanderung zugrunde?
Kein 10-Millionen-Land, sondern ein 60-Millionen-Reich: Das Imperium Romanum war ein Schmelztiegel von Menschen, Sprachen und Religionen. Und hatte über Jahrhunderte Bestand, trotz Dichtestress.






