Britische Zurückhaltung in Backsteinrot: Das mexikanische Architektenteam Lanza Atelier entwarf den diesjährigen Pavillon der Serpentine GalleryDie fünfundzwanzigste Ausgabe des Sommerhauses in den Kensington Gardens ist bereit, die ersten Gäste zu empfangen. Zum Jubiläumsjahr aber wird nicht etwa aufgetrumpft. Vielmehr ist die architektonische Struktur im königlichen Park dieses Mal so diskret wie nie zuvor.Marion Löhndorf, London05.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Architekten nennen die diesjährige Ausgabe des Serpentine Pavilion «Serpentine», Schlange, wegen der Wände, die in Schlangenlinien mäandern.Iwan Baan / Courtesy SerpentineDer Entwurf des mexikanischen Studios Lanza Atelier wirkt offen und fliessend – und ist dennoch durch einfache Formen klar definiert. In Backsteinrot duckt sich der langgezogene Bau mit flachem Dach in den Windschatten der Kunstgalerie. Auffallend sind nur seine Wände, die in Schlangenlinien mäandern. Das ist seine Besonderheit. Die Architekten nennen die diesjährige Ausgabe «Serpentine», Schlange, in Anspielung auf einen 1730 angelegten Kunstsee in der Nähe und eben auf die Kunstgalerie desselben Namens, zu der er hinführt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Struktur sieht aus wie ein Teil des Hauptgebäudes, der Serpentine Gallery. Als gehöre sie dazu. Wie kein anderer Bau zuvor schmiegt sich der Pavillon dem Gebäude an, dem er vorgelagert ist. Und wie nur wenige andere stellt er sich bescheiden in den Dienst der Sache: Er wird als sommerlicher Austragungsort für Veranstaltungen aller Art dienen.Mit seinen fast undurchlässigen Wänden – von kleinen Öffnungen in der Ziegelmauer abgesehen – schützt er vor den Wechselfällen des englischen Sommers. Diesen Zweck erfüllten nicht alle Vorgänger – und es stand auch nicht auf der Liste der Erfordernisse dieser weitgehend zweckfreien, verspielten Bauten. Die Mexikaner hingegen verpassten ihrem Pavillon ein nützliches Plexiglasdach, über das Tauben spazieren und das schon am ersten Besichtigungstag den Regen fernhält.Die Mexikaner verpassten ihrem Pavillon ein nützliches Plexiglasdach.Iwan Baan / Courtesy SerpentineDer neue Serpentine Pavilion schmiegt sich dem Gebäude an, dem er vorgelagert ist: der Serpentine Gallery.Iwan Baan / Courtesy SerpentineDas Dach ruht nicht nur auf den Mauern, sondern auch auf mehreren Pfeilern im Inneren, die ebenfalls aus Backsteinen hergestellt wurden. Die Pfeiler sollen an eine Baumgruppe erinnern, informieren die Architekten. Diese Anspielung muss allerdings bei der Umsetzung in die Wirklichkeit verlorengegangen sein. Die Pfeiler sehen aus wie das, was sie sind.Der Boden besteht aus demselben roten Ziegelstein, er verläuft über die Begrenzungen des Pavillons hinaus wie ein Steg bis zur vorderen Fensterfront der Galerie. Damit wirkt das Gartenhaus wie ein Foyer oder eine vorgelagerte Eingangshalle der Serpentine Gallery – ein Effekt, den noch keiner der Vorgänger erzielt oder angestrebt hatte. Alle anderen, darunter Zaha Hadid, Jean Nouvel und Peter Zumthor, hatten indirektere Verbindungen zum umliegenden Park und Gebäude hergestellt.Impulse von aussenDie grossen Namen der Branche machten die jährlichen Pavillons zu den wichtigsten Architekturereignissen des Sommers. Es sind Phantasiegebilde, die immer nur ein paar Monate lang Bestand haben, von Juni bis Oktober. An ihre von der Serpentine Gallery in Auftrag gegebene Entstehung ist nur die Bedingung einer Premiere geknüpft: Die jeweiligen Architekturbüros dürfen bis dato noch nie in Grossbritannien gebaut haben. Man wünscht sich neue Stimmen, Impulse von aussen, am liebsten von ausserhalb Europas. Die Welt ist gross, man will alles im Auge behalten, bedenken und verstehen.Die ersten Bauten der Serie stammten aus den Werkstätten der Stars des Metiers. Nach der 2013 von Sou Fujimoto erdachten, abstrakten Metallstruktur entwickelte sich der Pavillon zu einer Plattform für aufstrebende Talente, unter ihnen Frida Escobedo (Mexiko), Diébédo Francis Kéré (Burkina Faso) und Bjarke Ingels (Dänemark). Dazu gehört auch das mexikanische Architekturbüro Lanza Atelier. Das junge, von Isabel Abascal und Alessandro Arienzo 2015 gegründete Architekturbüro ist dafür bekannt, vertraute Materialien und Formen durch seine Auseinandersetzung mit Traditionen des Handwerks, der Technik und der Raumgestaltung neu zu interpretieren.Warum sich das neue Sommerhaus so, als sei es schon immer da gewesen, ins Ensemble des Parks und der Serpentine Gallery fügt, hat vor allem mit dem Material zu tun. Es tritt in einen Dialog mit der bestehenden Ziegelfassade der Serpentine South Gallery, die in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Teehaus gebaut wurde: Das Rot der Ziegel wiederholt sich in der Fassade der Kunstgalerie.Wettersicher: ein idealer Pavillon als sommerlicher Austragungsort für Veranstaltungen aller Art.Iwan Baan / Courtesy SerpentineKultureller AustauschForm und Material des neuen Pavillons wollen auch die Tradition des englischen Gartens würdigen. Diese Art von ondulierenden Mauern, meistens in elegant verwittertem Zustand, ist besonders typisch für die Grafschaft Suffolk, dort «crinkle crankle walls» genannt. Die abwechselnd der Sonne zugewandten und im Schatten liegenden Bögen schaffen Mikroklimata, die das Gedeihen von Obstbäumen begünstigen. Die Architekten fanden heraus, dass diese Mauern, deren geschwungene Form weniger Ziegelsteine erfordert als langweilige, gerade Mauern, schon im alten Ägypten existierten. Nach England gelangten sie im 17. Jahrhundert durch die Niederländer. In London von mexikanischen Architekten neu errichtet, wirken diese Formen und Materialien wie eine Hommage.Das ist Architektur als kultureller Austausch. Oder auch als frommer Wunsch nach Gemeinsamkeiten in einer sich immer mehr fragmentierenden Zeit: ein schwankender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Ägypten, den Niederlanden, England und Mexiko.Passend zum Artikel