Bei diesen French Open spielen sich ja wahrlich wundersame Dinge ab, in der ersten Woche war es heiß wie in der Sauna, reihenweise gab es Duelle, die drei, vier, fünf Stunden dauerten, im Grunde fanden am Bois de Boulogne Boxkämpfe statt, nur statt Fäustlingen trugen die Akteure Tennisschläger. Erstaunlicherweise scheiterten zahlreiche Favoriten, und so stand bereits vor den Entscheidungen am Wochenende fest: Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen wird es jeweils Champions geben, die erstmals in ihren Karrieren eine Grand-Slam-Trophäe in Empfang nehmen werden. Faktisch ist diese Paris-Auflage das erste Grand-Slam-Turnier seit 1977, bei dem sich in beiden Wettbewerben kein ehemaliger Grand-Slam-Sieger im Halbfinale befindet.Bei den Frauen spielten am Donnerstag zunächst die Ukrainerin Marta Kostjuk, 23, und die Russin Mirra Andrejewa, 19, gegeneinander, ehe die Polin Maja Chwalinska, 24, und die Russin Diana Schnaider, 22, folgten sollten (nach Veröffentlichung dieses Artikels). Erstmals wurden alle vier Halbfinalistinnen in den 2000er Jahren geboren, das nächste Novum. Es war dann Mirra Andrejewa, die nach gerade 1:15 Stunden mit 6:1, 6:3 siegte. Die Weltranglisten-Achte hat damit bei ihrem 13. Start im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers erstmals ein Endspiel erreicht. Sie ist auch die jüngste Grand-Slam-Finalistin seit der Amerikanerin Coco Gauff, die bei den French Open 2022 gegen die Polin Iga Swiątek im Finale verlor.„Ich war sehr nervös vor dem Match“, sagte Andrejewa bei dem Interview auf dem Court Philippe-Chatrier und lobte Kostjuk, „sie ist eine tolle Spielerin“. Ihre 19 Jahre klangen jetzt durch, auch wenn sie vorhin auf dem Platz vielmehr den Eindruck einer erfahrenen Spielerin gemacht hatte. „Ich bin super glücklich, wie ich gespielt habe. Und ich bin sehr glücklich, mein erstes Grand-Slam-Finale zu erreichen“, sagte sie mit erfrischender Begeisterung. Sie gab zu: „Ich habe so etwas noch nie gefühlt. Ich freue mich riesig.“Streckte sich vergebens: Marta Kostjuk aus der Ukraine. Stephanie Lecocq/ReutersAndrejewa zählt seit Jahren zu einer Kategorie von Spielerinnen, die gerne als Wunderkinder bezeichnet werden. Doch Wunder gibt es auch im Tennis nicht wirklich. Andrejewa ist eine extrem begabte Sportlerin in ihrer Disziplin, und als ihr Talent früh erkannt wurde, setzten die Eltern alles auf eine Karte und investierten in ihre Tochter. Es war vor allem Mutter Raisa, die ihr Kind fördern wollte, der Australian-Open-Sieg des Russen Marat Safin 2005 hatte sie maßgeblich dazu animiert, ihrem zukünftigen Nachwuchs einen ähnlichen Weg zu ermöglichen. Die Familie zog, wegen besserer Trainingsbedingungen, von Krasnojarsk in Sibirien nach Moskau und dann nach Cannes, wo Andrejewa in einer Akademie zweier französischer Trainer angeleitet wurde.Das Halbfinale Andrejewas gegen Kostjuk war genauso einseitig, wie sich das Ergebnis liest, zu keinem Zeitpunkt konnte Kostjuk ihr Niveau erreichen, mit dem sie zuletzt eine furiose Serie von 17 Matchsiegen hintereinander verbucht hatte. In Paris hatte die Weltranglisten-15. aus der Nähe von Kiew einen besonders belastenden Spagat zu bewältigen. Zweimal war sie mit der schrecklichen Nachricht aufgewacht, dass in ihrer Heimat wieder Bomben auf Kiew fielen, bei einem russischen Angriff wurde das Haus ihrer Familie, in dem sich ihre Mutter, Schwester und Großtante aufhielten, nur um 100 Meter verfehlt. Ihren Viertelfinalerfolg gegen ihre Landsfrau Elina Switolina, 31, widmete Kostjuk unter Tränen dem ukrainischen Volk, das Widerstand leiste.„Ich wünschte, es gäbe eine klarere Haltung zu den aktuellen Geschehnissen – besonders dann, wenn das eigene Land andere Menschen tötet“, sagt Kostjuk in Bezug auf russische GegnerinnenIn dieser Gefühlswelt musste sie im Halbfinale dann gegen die Russin Andrejewa antreten, eine per se emotionale Konfrontation. Duelle zwischen Ukrainerinnen und Russinnen im Tennis sind nach wie vor ein Stresstest für beide Seiten, selbst vier Jahre nach dem ersten Angriff der Russen auf die Ukraine. Bekanntlich verweigern die Ukrainerinnen nach Matches auch Russinnen den Handschlag, und so war es auch diesmal. Und ein wenig persönlich war das Duell schon. Vor dem Halbfinale hatte Kostjuk indirekt Andrejewa kritisiert und gemeint, als es um ihre bevorstehende Gegnerin ging: „Ich wünschte, es gäbe eine klarere Haltung zu den aktuellen Geschehnissen – besonders dann, wenn das eigene Land andere Menschen tötet. Ich weiß nicht, wie man nachts ruhig schlafen kann, wenn man weiß, dass so etwas geschieht, und man nichts dazu zu sagen hat.“Andrejewa, die den Eindruck erweckt, als sei sie längst eine Weltbürgerin – sie spricht sehr gutes Englisch, die frühere spanische Wimbledonsiegerin Conchita Martínez, mit der sie gerne auch herrlich herumwitzelt, ist ihre Trainerin –, wirkte jedenfalls kein bisschen gestresst von diesem Duell, und auch nicht von der Bedeutung dieser Partie. Locker und unbeschwert zielte sie ihre harten Grundlinienschläge übers Netz, sie ist immer noch erst 19 und strahlt doch schon eine stattliche Reife aus. Kostjuk ihrerseits war völlig außer Form, ihre Vorhand praktisch nicht existent, und so applaudierte das Publikum schon aus Mitgefühl, als ihr mal Punkte und einzelne Spielgewinne gelangen.Bei 1:6, 1:4 wurde das Dach geschlossen, offenbar wurde mit Regen gerechnet. Prompt kam Kostjuk auf 2:4 heran. Nach einem langen Ballwechsel ertönten „Marta, Marta“-Rufe. Das 3:4 war aber nur ein kurzer Hoffnungsschimmer, Andrejewa blieb cool wie eine 35-Jährige, konstruierte schlaue Schlagfolgen und bewies auch Geduld. Nach 75 Minuten war es sie, die vor Freude den Schläger fallen ließ.
Tennis: Erst 19 und schon im Finale der French Open
Die Russin Mirra Andrejewa erreicht in einem einseitigen Match ihr erstes Grand-Slam-Endspiel. Gegnerin Marta Kostjuk aus der Ukraine wirkt dabei erschöpft von ihrem emotional aufreibenden Turnier.












