Wenn Mirra Andrejewa aufgewühlt ist, summt sie gerne ein Lied. Bei dem Song ist sie nicht wählerisch, er muss nur den Zweck erfüllen, sie abzulenken und zu beruhigen. Natürlich weiß nur die Russin selbst, welche Melodie ihr im Laufe des Samstagnachmittags im Kopf herumschwirrte. Aber nach dem verwandelten Matchball, der ihr bei den French Open den ersten Grand-Slam-Titel ihrer immer noch jungen Profikarriere bescherte, wäre „The Winner takes it all“ sicher ein passendes Lied gewesen. Den Abba-Evergreen von 1980 sollte sogar ein Teenager von heute mitflöten können.Was Andrejewa nach ihrem 6:3, 6:2 im Pariser Endspiel gegen die polnische Qualifikantin Maja Chwalinska als Siegerin alles bekam: 2,8 Millionen Euro Siegprämie, 2000 Weltranglistenpunkte, die sie um zwei Plätze nach oben auf Position sechs brachten, und eine Fußnote im Buch der Roland-Garros-Rekorde: Mit ihren gerade einmal 19 Jahren und 39 Tagen wurde Andrejewa zur jüngsten Einzelsiegerin von Roland Garros seit der Amerikanerin Monica Seles, die 1992 als Achtzehnjährige ihren dritten (!) Titel nacheinander gewann. Andrejewa fiel am Samstag auf die Knie, als sie nach 82 Minuten ihren ersten Matchball nutzte und ihren ersten Major-Titel gewann.Diesmal ohne Chance: Maja ChwalinskadpaDie unterlegene Gegnerin Chwalinska, die sich zuvor durch die Qualifikation geschlagen und sensationell das Endspiel erreicht hatte, freute sich über traumhafte Trostpreise: 1,4 Millionen Euro Preisgeld, was auf einen Schlag 40 Prozent mehr ist als alles, was sie bisher insgesamt an Preisgeldern verdient hat. Und der Sprung auf Weltranglistenplatz 21, der ihr künftig freien Eintritt in jedes Hauptfeld eines WTA-Turniers ermöglicht. Und noch ein Trost für die Vierundzwanzigjährige aus dem schlesischen Bielitz-Biala: Mit neun Matchgewinnen siegte sie so oft wie keine andere Einzelspielerin bei diesen French Open.Mehr Klasse, mehr WuchtIhre Playlist im Kopf hatte Mirra Andrejewa gegen die in der Weltrangliste 106 Plätze tiefer eingestuften Polin vermutlich eher am Anfang des Matches abrufen müssen. Was nicht nur an Chwalinska lag, sondern an dem Wind, mit dem die sowieso schon nervösen Spielerinnen besonders beim Service zu kämpfen hatten. Beiden gaben jeweils ihre ersten zwei Aufschlagspiele ab, auch weil der Ballwurf durch die Böen auf dem Court Philippe-Chatrier erschwert wurde. Die Polin schien sich als Erste mit den Bedingungen anzufreunden und brachte ihr Service zur 3:2-Führung durch. Ihre vielen Landsleute auf den Tribünen machten mächtig Lärm und erhofften die Krönung von Chwalinskas sensationellen Laufs in Paris. Es sollte anders kommen – die Polin gewann nur noch zwei Aufschlagspiele.Andrejewa, die oft Flausen im Kopf hat, aber angesichts der Umstände bemerkenswert ruhig blieb, stellte der Gegnerin ihrerseits ständig knifflige Aufgaben. Vor allem zeigte sich, dass sie mehr Klasse und Wucht mitbringt – angefangen vom ersten Aufschlag, den sie Schnitt rund 30 Kilometer pro Stunden schneller übers Netz jagte als die Polin. Anders als in allen Runden zuvor gelang es Chwalinska immer weniger, ihr ebenso cleveres wie nerviges Spiel bis zum Ende durchzuziehen.Selbst als sie bei 0:2 im zweiten Satz ein Türchen öffnete, um die Niederlage hinauszuzögern oder ihr gar zu entgehen, konnte sie nicht hindurchschlüpfen. Ihre drei Chancen nacheinander, Andrejewa den Aufschlag abzunehmen, konnte Chwalinska nicht nutzen. Andrejewa spielte bis zum Ende mit der Autorität einer Spielerin, die überzeugt war, dass ihr die Coupe Suzanne Lenglen gebührte. Dass die Russin noch einmal ihren Aufschlag verlor, als sie beim Stand von 5:1 zum Matchgewinne servierte und die Sache hektisch zu Ende bringen wollte, war letztlich Ergebniskosmetik zugunsten der 1,64 Meter kleinen Polin.Andrejewa liebt die French OpenBeide Spielerinnen haben nun die Erfahrung hinter sich, in einem Grand-Slam-Finale gestanden zu haben. Für die polnische Aufsteigerin, die in der Weltrangliste so tief eingestuft war wie keine andere Teilnehmerin an einem French-Open-Finale, war der große Bühnenauftritt weitaus ungewohnter. Die Nummer 114 der Welt lief bis vor Kurzem noch bei WTA-Turnieren der untersten Kategorie und vor überschaubarem Publikum auf. Sie zeigte am Samstag aber, dass auch die große Bühne etwas für sie sein kann.Andrejewa kennt die Stadien längst: aus Dubai und Indian Wells, wo sie im vergangenen Jahr jeweils triumphierte und ihr der Durchbruch in die Top 10 gelang; und aus Paris, wo sie 2024 im Halbfinale und im vergangenen Jahr unter den letzten acht stand, ehe sie diesmal triumphierte. „Ich liebe die Stimmung, die Sandplätze, das Essen“, sagte die Russin, die stets von ihrer Mutter Raisi begleitet wird. Die French Open findet der Teenager sogar „heimelig“, weil sie jedes Frühjahr aufs Neue von denselben freundlichen Menschen empfangen wird.Im nächsten Jahr wird Mirra Andrejewa voraussichtlich besonders umgarnt. Wird sie doch als Titelverteidigerin zurückkehren in die Stadt ihrer Tennisliebe. Mit einem Chanson auf den Lippen?