Endlich konnte Mirra Andrejewa aller Welt zeigen, wie lustig sie ist. Bei früheren Anlässen hatte die Russin ihr frech-fröhliches Unterhaltungsprogramm zwar gelegentlich darbieten dürfen, aber in Paris bot sich ihr erstmals die Gelegenheit auf großer Grand-Slam-Bühne.Also schlüpfte Andrejewa am Samstag in ihre Trainingsjacke, auf der ihr Running Gag geflockt ist, und gab den Spruch wie gewohnt am Ende ihrer ausschweifenden Siegesrede zum Besten. Sie dankte diesem und jenen für die Unterstützung und schließlich ganz doll sich: „I want to thank myself“, wie es auf der Jacke geschrieben steht, ist das Mirra-Mantra.Die Selbstdanksagung hat die Neunzehnjährige vom US-Rapper Snoop Dogg abgekupfert und erstmals nach ihrem Durchbruch im Frühjahr 2025 nach ihren Turniersiegen in Dubai und Indian Wells verwendet. Am Anfang sei es nur als Witz und Ausweis ihres Humors gemeint gewesen, erzählte die frischgebackene French-Open-Siegerin nach ihrem 6:3, 6:2-Endspielerfolg gegen die polnische Qualifikantin Maja Chwalinska am Samstag in Paris. „Jetzt ist es so etwas wie mein Markenzeichen.“ Das Problem dabei: Kaum jemand wusste davon.Vor dem ScheidewegMirra Andrejewa war viele Monate nicht am Stadionmikro gefragt, weil sie nicht siegte und deshalb für nichts danken konnte. Auch die frisch beflockte Jacke blieb in der Sporttasche, weil die Russin viele Matches und oft die Nerven verlor. Sie schimpfte wie ein Rohrspatz, schmiss den Schläger, pflaumte ihre Trainerin Conchita Martinez an, schickte ihre Mutter aus dem Stadion, beleidigte in Indian Wells sogar das Publikum.Und so tauchte allmählich die Frage auf, ob die als „Teenage Sensation“ gefeierte Russin die sehr hohen Erwartungen jemals bestätigen würde. Oder ob sie an ihrem Perfektionismus und ihren Flausen im Kopf ebenso scheitert wie vor ihr andere hochveranlagte Tennisspielerinnen, die vom Vorschusslorbeer schier erdrückt wurden.In ihrer Profilaufbahn schienen zwei Abzweige möglich: in Richtung Gipfel wie einst Maria Scharapowa, die auch aus Sibirien stammt, mit 17 in Wimbledon gewann und vier weitere Grand-Slam-Titel folgen ließ. Oder in Richtung Sackgasse wie Nicole Vaidišová, die in den Nullerjahren kurz nach Scharapowa mit 14 auf die WTA-Tour kam, mit 15 ihr erstes Turnier gewann, mit 17 zwei Grand-Slam-Halbfinals erreichte und mit 20 wegen Lustlosigkeit aufhörte.Auf der Liste der erfolgreichen TenniswunderkinderMirra Andrejewa hat mit ihrem ersten Grand-Slam-Titel gezeigt, dass sie sich eher auf der Liste der erfolgreichen Tenniswunderkinder sieht. So, wie es ihre Mutter Raisi vorgesehen hatte, als sie von Sibirien auszog, ihre beiden Töchtern zu Tennisstars zu machen. Dafür zogen sie wegen der besseren Trainingsbedingungen erst nach Sotschi und dann ins südfranzösische Cannes.Erika reüssierte als Profi, die fast drei Jahre jüngere Mirra wurde zum Champion, der nie genug bekommt. Während sie am Samstag mit ihrer Coupe Suzanne Lenglen vor Journalisten saß, redete die Russin schon von ihren Zielen in der Rasensaison. Das Gefühl, Grand-Slam-Turniersiegerin zu sein, „macht ein bisschen süchtig“.Steile Karrierekurve: Im Finale beendet Andrejewa die Cinderella-Geschichte ihrer polnischen Gegnerin Maja Chwalinska.EPADie Karrierekurve bekam Andrejewa offenbar erst kurz vor den French Open: neulich in Madrid, wo sie im Achtelfinale gegen die Ungarin Anna Bondar eine 5:1-Führung im dritten Satz verspielte und bei 5:6 zu Martinez rief: „Ich bin kein Champion, ich bin kein Champion! Ich werde verlieren!“ Andrejewa gewann im Tiebreak, verlor später das Finale – und bewies fünf Wochen später, dass sie doch das Gewinner-Gen hat.Sie sei „superstolz“ auf Andrejewa, sagte Trainerin Martinez: „In Roland Garros war sie total konzentriert, hat sich auf dem Platz sehr gut verhalten und die Selbstbeherrschung gewahrt.“ Zwar müsse der Teenager immer noch vieles lernen, sagte die 54 Jahre alte Spanierin, die früher selbst als Jungstar umjubelt wurde und 1994 Wimbledon gewann. Doch für Andrejewa sei „nur der Himmel die Grenze“.Roger Federer als VorbildAuftreten und Ankündigungen in Paris deuten darauf hin, dass die neue Weltranglistensechste nicht in die Pop-und-Promi-Falle tappen wird. Anders als Emma Raducanu, die Gefahr läuft, ein „One-Slam-Wonder“ zu bleiben. Seit sie bei den US Open 2021 als 18 Jahre alte Qualifikantin den Titel gewann, fällt die Britin mehr mit Trainerwechseln und Verletzungen auf als mit guten Ergebnissen.Dagegen hat die gelegentlich widerborstige Andrejewa gelernt, auf ihr Team zu hören: auf Conchita Martinez, mit der sie Späße macht wie mit einer großen Schwester. Und auf ihre Mentaltrainerin, die ihr nicht nur diverse Konzentrations- und Beruhigungsübungen nahebrachte, sondern auch erklärte, dass sie selbst darüber entscheide, was für eine Art Spielerin und Person sie sein wolle. „Also habe ich mich entschieden, eine Kämpferin zu sein“, sagte Mirra Andrejewa nach ihrem dritten Turniersieg in diesem Jahr. Ihre Bilanz auf Sand ist die beste von allen Frauen: 22 Siege, drei Niederlagen.Ein Vorbild hatte Andrejewa schnell gefunden: den 20-maligen Grand-Slam-Champion Roger Federer, der in jungen Jahren auch ein nervtötender Heißsporn war und zum coolen Maestro wurde. Auch sie wolle sich nun gut benehmen und sich nicht mehr ersichtlich über alles Mögliche ärgern. Damit schindete sie bei ihrer Finalgegnerin Eindruck. „Sie war so stark und klug auf dem Platz“, sagte die fünf Jahre ältere, aber weniger erfahrene Polin Chwalinska nach dem Endspiel voller Windböen und Nervenflattern: „Ich bewundere sie dafür, wie sie mit den Bedingungen umgegangen ist.“Bleibt Mirra Andrejewa ihrer Linie treu, dürften weitere große Titel folgen. Und Reden, in denen sie sich herzlich bei sich selbst bedankt dafür, hart zu arbeiten, stets ihr Bestes zu geben und immer an sich zu glauben. „Sie ist reif auf dem Tennisplatz, aber im Herzen immer noch ein kleines Mädchen“, sagte Chris Evert bei Eurosport. Evert weiß, wovon sie spricht: Den ersten ihrer 18 Grand-Slam-Titel gewann die Amerikanerin 1974 als Neunzehnjährige bei den French Open.
Frech Open: Mirra Andrejewas Verwandlung nach Roger Federers Vorbild
Mirra Andrejewa galt viele Jahre als sehr talentiert, aber schrecklich hitzköpfig. Nach ihrer jüngsten Tenniskrise hat die Russin nun die French Open gewonnen. Und bedankt sich dafür – bei sich selbst.












