Empathie schafft keine Gerechtigkeit: Was ist ein Opfer? Und wie kann man Opfern gerecht werden?Früher wurden Opfer stigmatisiert. Heute gibt es so etwas wie einen Opferwettbewerb. Zwei neue Bücher vermessen die Ambivalenzen dieser Entwicklung.Oliver Pfohlmann04.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenParis, November 2025: In der Nähe des Konzertsaals Bataclan haben Passanten Blumen und Kerzen für die Opfer der Terroranschläge niedergelegt.David Ramos / GettyWer oder was ist ein Opfer? Wer darf, wer will sich überhaupt so bezeichnen lassen? Und welche Folgen hat das Etikett für Betroffene? Das ist im Zeitalter von Social Media und Identitätspolitik unklarer denn je. Gleich vier verschiedene Kategorien von Opfern unterscheidet zum Beispiel die Rassismuskritikerin Alice Hasters in ihrem neuen Buch. Neben dem titelgebenden «Anti-Opfer» – ein Mehrheitsangehöriger, der sich viktimisiert fühlt, wenn Minderheiten Gerechtigkeitsansprüche stellen – wären das noch «wahre Opfer», «falsche Opfer» und – ja – «Opfer», nämlich Personen, denen ein Unrecht widerfahren ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Alles klar? «Warum wir Verletzlichkeit verachten» lautet der Untertitel von Hasters Buch, das damit bezeichnenderweise den Kontrapunkt zu einer anderen einschlägigen Neuerscheinung bildet: Maria-Sibylla Lotters Buch «Opfer: Über Verwundbarkeit als Selbstbild». Denn während die Rassismuskritikerin die Widerstände betont, die Opfern bei ihrem Ringen um Gerechtigkeit entgegenschlagen, spricht die Bochumer Philosophin von einer heute dominierenden «Opferkultur». In ihr werde die Verletzlichkeit Einzelner über alles gestellt, nicht zuletzt über Prinzipien unseres Rechtssystems.Lotter geht es in ihrem klugen und differenzierten Buch gleichermassen um Gewinne wie Kosten dieser Entwicklungen. Früher wurden Opfer, zum Beispiel einer Vergewaltigung, stigmatisiert. Wenn Gisèle Pelicot heute sagt: «Die Scham muss die Seite wechseln», ist das fraglos ein Fortschritt. Zugleich aber sei der Umgang mit Betroffenen aus dem Lot geraten, konstatiert Lotter – egal, ob es um Rassismus, Missbrauch oder Diskriminierung gehe.Das Rechtssystem steht kopfDenn längst gehe es nicht mehr nur um Fragen der Gerechtigkeit: Ein Opfer gelte heute als bewunderter Held und moralische Autorität, und dies allein deshalb, weil ihm etwas widerfahren sei. Die Überlebenden der Anschläge auf das Bataclan in Paris etwa erhielten eine eigens für sie geschaffene Medaille. Sie stehe protokollarisch höher als die Widerstandsmedaille und das Kriegsverdienstkreuz.Im Gegenzug zur moralischen Aufwertung des Opfers werde oft das Rechtssystem auf den Kopf gestellt: Beschuldigte gälten bis zum Beweis des Gegenteils als schuldig. Lotter verweist dabei auf den Fall des zu Unrecht der sexuellen Belästigung beschuldigten Berliner Grünen-Politikers Stefan Gelbhaar. Noch im Nachhinein sagte die damalige Bundessprecherin der Grünen Jugend Jette Nietzard, die Unschuldsvermutung sei in einer feministischen Partei nicht anwendbar. Lotter kritisiert das als Beispiel einer «Empathieblockade»: «Empathie, so heilsam sie für die Opfer sein mag, stiftet für sich noch keine Gerechtigkeit», hält sie fest, «im Gegenteil: Sie kann mit den Ansprüchen auf Fairness und Recht in Konflikt geraten.»Auffallenderweise, so Lotter, sei die Verehrung der Opfer meist an die Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Opfergruppe gebunden. Was sich immer dann zeige, wenn Betroffene es wagten, gegen die ihnen zugeschriebene Opferrolle zu verstossen, sie – wie der angeblich antisemitisch diskriminierte Musiker Gil Ofarim – unrechtmässig einzunehmen oder sich stereotypen Zuschreibungen zu verweigern: «So lehnen es zahlreiche Frauen und Afroamerikaner ab, allein aufgrund der Merkmale weiblich oder schwarz als Opfer betrachtet zu werden – darunter auch Personen, die tatsächlich Benachteiligungen erfahren.»Jeder hat ein «Trauma»Egal, ob es um «Hate-Speech» oder Gendersprache geht, «Alltagsrassismus» oder Triggerwarnungen, die Debatte um die Pandemiemassnahmen oder den Streit zwischen Transaktivistinnen und -aktivisten und Feministinnen: Maria-Sibylla Lotter schlägt in ihrem furiosen Buch in das mediale Debattendickicht unserer Tage erhellende Schneisen. Nicht zuletzt erklärt sie, wie und warum sich viele Debatten heutzutage an immer unschärfer werdenden Begriffen entzünden.Deren Bedeutung werde nämlich immer weiter ausgedehnt, von Betroffenen ebenso wie von wohlmeinenden Aktivisten, Medienschaffenden oder Forschern. Meist werde dabei ein Begriff für etwas Gefährliches auf etwas relativ gesehen Harmloseres angewendet: An einem «Trauma» litten einst Weltkriegsveteranen – heute jeder, der etwas Unangenehmes erlebt hat.«Gewalt», daran erinnert die Autorin, sei einst ein konkreter, theorieunabhängiger Begriff gewesen, heute sei die Rede von «symbolischer» oder «struktureller» Gewalt – Begriffe, die ohne Kenntnis der dahinterstehenden Theorien kaum nachvollziehbar seien. Und ob eine Vergewaltigung nicht auch rein «virtuell» stattfinden kann, liesse sich ergänzen, wird gerade am Fall der von Deepfakes betroffenen Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes diskutiert.«Woher kommst du?»Natürlich machten Begriffe wie «strukturelle Gewalt» oder «Mikroaggression» wichtige Phänomene sichtbar, räumt Lotter ein: Phänomene, die bis dahin unbeachtet geblieben seien. Sie führten zugleich zu einer überfälligen Sensibilisierung im Umgang mit marginalisierten Gruppen. Andererseits aber stülpten sie Alltagsphänomenen ein Täter-Opfer-Schema über, mit meist eher fatalen Folgen für das Zusammenleben.Man denke an die Debatte um die Frage «Woher kommst du?». Ob dahinter nun simples Interesse, fehlendes Taktgefühl oder tatsächlich ein Fall von «Othering», also von Ausgrenzung, steht: In der Frage in Bezug auf People of Color grundsätzlich eine rassistische Mikroaggression zu sehen, wie Vertreter der Critical Race Theory es tun, sei verfehlt: Die eine Seite fühle sich herabgesetzt und verletzt, die andere verwirrt oder eben in die rassistische Ecke gestellt.«Wenn ich der Zuschreibung stattgebe», schreibt Alice Hasters in ihrem Buch «Anti-Opfer», «und sage, dass ich ein Opfer bin, dann muss ich ständig eine Art Hilfs- und Machtlosigkeit performen, damit mir geglaubt wird.» Für Maria-Sibylla Lotter ist diese Erfahrung keine Überraschung, im Gegenteil: Für die Philosophin stellt die Opferrolle, wie sie in heutigen Diskursen dominiert, aufgrund des damit verbundenen Menschenbildes auch eine Art Falle für die Betroffenen dar.Schliesslich setzt diese Rolle nicht auf Autonomie, Eigenverantwortung und Resilienz im Umgang mit – zum Teil leider unvermeidlichen – Lebenserfahrungen. Sondern sie sieht den Menschen primär als schutzbedürftiges, fragiles Wesen in einer als bedrohlich wahrgenommenen Welt, angewiesen auf die Unterstützung Aussenstehender. Sich über die damit verbundenen Kosten klarzuwerden, scheint heute nötiger denn je.Maria-Sibylla Lotter: Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild. Hanser-Verlag, München 2026. 288 S., Fr. 37.90.Alice Hasters: Anti-Opfer. Warum wir Verletzlichkeit verachten. Ullstein-Verlag, Berlin 2026. 288 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel