InterviewReiseunternehmer Karim Twerenbold:«Busreisen sind schon oft totgesagt worden – doch wir wachsen immer noch»Die Aargauer Familienfirma hat zwei Weltkriege und die Covid-Pandemie überstanden. Nun kämpft das Unternehmen gegen die Vorurteile gegenüber Flusskreuzfahrten.04.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenUnterwegs in der vierten Generation: Karim Twerenbold.Severin Bigler / CH MediaHerr Twerenbold, der Iran-Krieg hat viele Leute verunsichert, ob sie im Moment noch Fernreisen buchen sollen. Sind Sie mit Ihrem Fokus auf Flusskreuzfahrten und Busreisen in Europa ein Profiteur der Situation?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Profiteur ist der falsche Ausdruck. Eine gewisse Verschiebung zu näheren Destinationen hat sicher stattgefunden. Allerdings ist etwa unsere Tochterfirma Vögele Reisen, mit der wir Fernreisen anbieten, von der Problematik ebenfalls betroffen. Doch ich stelle etwas weiteres fest.Was?Die Kunden buchen zurückhaltender als in den Vorjahren. Sei es wegen erhöhter Unsicherheit oder wegen der zum Teil gestiegenen Preise. Allerdings stehen wir im Vergleich mit anderen Firmen verhältnismässig gut da. Wenn ich mit Kollegen in der Branche spreche, dann kämpfen manche mit einem Umsatzrückgang von 10 oder 20 Prozent. Wir sind als Gruppe umsatzmässig ungefähr stabil auf Vorjahresniveau.Der Krieg hat Kerosin, Schiffsdiesel und Benzin verteuert. Wie gross ist der Anteil von Treibstoff an Ihren Kosten, und wie holen Sie das bei der Kundschaft wieder herein?Im Bus- und insbesondere im Schiffsbereich ist das ein relevanter Faktor. Wir haben vergangenen Herbst glücklicherweise für das Jahr 2026 und zum Teil sogar für 2027 einen grösseren Teil der Treibstoffkosten abgesichert als sonst, weil die Preise sehr attraktiv waren. Das bedeutet, dass wir bei den reinen Busreisen sowie bei den Schiffsreisen bis Ende Jahr keine Treibstoffzuschläge erheben werden.Wenn dereinst die Strasse von Hormuz wieder für die Erdöltanker aufgeht, wird sich die Lage noch mehr entspannen.Warten wir ab, was passiert und wie schnell sich die Situation tatsächlich normalisiert. Denn auch wenn wir uns einen attraktiven Preis gesichert haben, nützt uns das nur , wenn unser Treibstofflieferant die nötige Menge dann auch rechtzeitig liefern kann. Im Moment gehe ich zwar nicht davon aus, dass es zu einer Rationierung kommt. Doch ich kann es nicht völlig ausschliessen.Als Reiseveranstalter wurden Sie in den vergangenen Jahren arg auf die Probe gestellt. Erst die Covid-Pandemie, dann der Ukraine-Krieg, jetzt der Krieg in Iran. Härtet das ab?Beim Ukraine-Krieg war das Problem, dass einige unserer Destinationen in Osteuropa weniger gefragt waren, dafür waren andere Reiseziele beliebter. Das Thema war also damals eher eine Verschiebung. Corona war für die Reisebranche hingegen der Super-GAU. Wenn ich in unserer Firmengeschichte nach grösseren Krisen zurückschaue, kommen mir eigentlich nur der Erste und der Zweite Weltkrieg in den Sinn. Sie müssen sich das einfach einmal vorstellen: 2020 hatten wir einen Umsatzrückgang von 90 Prozent gegenüber einem normalen Jahr in der Vor-Corona-Zeit. 2021 war es dann immer noch ein Rückgang von 60 Prozent.Wie übersteht man so etwas als KMU?Als Familienunternehmen sind wir finanziell konservativ unterwegs. Was wir erwirtschaften, bleibt in der Firma. In guten Jahren haben wir die Mittel investiert – in Busse, Schiffe, Terminals und unsere Mitarbeitenden. Klar gab es für die Reisebranche – quasi als Härtefall unter den Härtefällen – staatliche Hilfezahlungen oder Kurzarbeitsgelder. Aber die Pandemiezeit hat uns dennoch Substanz gekostet. Vielleicht noch mehr als andere Firmen, die schlanker aufgestellt sind. Denn bei unseren Bussen und Schiffen fallen Betriebskosten an, auch wenn sie nicht im Einsatz sind.Dafür haben Sie wie andere Reiseanbieter nach der Pandemie vom «Revenge Tourism» profitiert, also dem Phänomen, dass sich die Leute gesagt haben: Jetzt reise ich erst recht und lasse es mir auch etwas kosten – oder?Absolut. Da haben wir extrem von einem Aufholeffekt profitiert. Ich glaube, Reisen hat heute in der Bevölkerung einen höheren Stellenwert als früher. Lieber spart man woanders, als dass man auf Reisen verzichtet. Wir haben zudem den Vorteil, dass wir im Segment der über 60-Jährigen stark sind. Unsere Kundschaft bewegt sich grundsätzlich finanziell in relativ stabilen Verhältnissen und hat Zeit und Musse.Mit den ganzen Babyboomern, die in Rente gehen, wächst dieser attraktive Kundenstamm quasi von selbst nach!Wir haben schon vor Jahren damit begonnen, uns auf diese sehr relevante Generation auszurichten. Aber Achtung, das ist kein Selbstläufer: Ein 60-Jähriger heute ist anders als ein 60-Jähriger vor fünf Jahren. Das ändert sich ständig, und in fünf Jahren ist es wieder anders. Heute sind diese Kunden zunehmend fitter und digital aktiver. Das heisst, wir müssen unser Programm, die Vermarktung und die Vertriebskanäle anders konzipieren. Gleichzeitig wollen wir unsere Stammkundschaft, die vielleicht schon seit zehn Jahren oder mehr mit uns unterwegs ist, auf diesen Weg mitnehmen.Wirkt das Klischee, dass Fluss- und Busreisen nur etwas für Rentner sind, nicht auch abschreckend – selbst für Kunden, die selber im Pensionsalter sind?Genau, deshalb haben wir unsere Angebote gezielt angepasst. Die Zeiten, als alle dieselben Sehenswürdigkeiten anschauten und dem Fremdenführer mit dem Fähnchen hinterherspazierten, sind vorbei. Man muss beispielsweise als Passagier nicht alle Landausflüge mitmachen. Heute gibt es auch andere Formate, etwa mit Kulinarik oder Vorträgen von Fachreferenten.Und das funktioniert?Wir schaffen es, unseren Altersdurchschnitt immer ein klein wenig nach unten zu bewegen – nicht dass wir nun plötzlich bei 45 oder 50 sind, das ist nicht realistisch, aber das ist auch gar nicht das Ziel. Doch etwa beim Excellence-Gourmetfestival mit unseren Flussschiffen zwischen Basel und Strassburg haben wir sehr viel jüngeres Publikum. Solche Angebote helfen, Vorurteile abzubauen.Wo sehen Sie noch Wachstumsmöglichkeiten?In der Nische, in der wir uns bewegen, sehe ich noch viel Potenzial. Wie oft sind Busreisen schon totgesagt worden. Und doch wachsen wir immer noch. Das hat auch damit zu tun, dass wir rechtzeitig Trends entdeckt haben wie beispielsweise vor 15 Jahren Reisen mit dem E-Bike und unterdessen auch E-Mountainbike oder E-Gravelbike. Um dieses Thema haben wir ein ganzes Ökosystem mit 400 Velos aufgebaut, 120 Veloreiseleiter ausgebildet und neue Routen in ganz Europa zusammengestellt.Kreuzfahrten sind derzeit in den Schlagzeilen wegen des Hantavirus, das sich auf einem Schiff verbreitet hat. Inwieweit können solche Zwischenfälle der ganzen Branche das Geschäft vermiesen?Hochsee- und Flusskreuzfahrten sind nur begrenzt vergleichbar. Ich sehe da nur beschränkt eine direkte Konkurrenz und entsprechend auch keine Auswirkungen für uns. Aber selbst wenn man die ganze Branche betrachtet, beschäftigt das Virus die Unternehmen und die Kunden nur mässig. In einer aktuellen Umfrage eines Branchenportals sagen 70 Prozent der Unternehmen, das Virus habe keinen Einfluss auf das Buchungsverhalten. 20 Prozent sehen einen leichten Einfluss, und nur 10 Prozent bejahen die Frage. Insofern bin ich überzeugt, dass das kein grosses Thema sein wird.In der Reisebranche hat es in den letzten Jahren eine Konsolidierung gegeben. Kann Twerenbold auch in Zukunft als Familienunternehmen bestehen?Es ist offensichtlich, dass Badeferien-Pauschalreisen, die mit hohen Volumen und geringeren Margen operieren, unter Druck kommen: Mit Thomas Cook und FTI sind zwei grosse Akteure pleitegegangen. In der Schweiz ist nach damals Kuoni nun auch Hotelplan verkauft worden. Darum sind wir in Nischen tätig. Wenn jemand mit unseren Schiffen oder Bussen unterwegs sein will, muss er das grundsätzlich bei uns buchen. Und ja: Mein Ziel ist es, die Firma in die fünfte Generation überzuführen.Wie gehen Sie das an?Das wird noch eine Weile dauern. Unsere Tochter ist erst fünf Jahre alt. Sie soll eines Tages selber entscheiden können. Auch ich musste irgendwann meinem Vater sagen, ob ich die Firma übernehmen will, und er schaute dann, ob ich es auch kann.Offenbar konnten Sie es.Seit ich 15 bin, habe ich jedes Jahr mindestens vier Wochen in den einzelnen Unternehmen irgendetwas gearbeitet: Busse geputzt, Reiseprogramme zusammengestellt oder Rechnungen geschrieben. 2011 bin ich als Projektverantwortlicher in die Firma eingestiegen. 2013 habe ich die operative Leitung der Gruppe übernommen. Zwischen 2012 und Mitte 2015 haben mein Vater und ich die Nachfolge geregelt. Kurz danach ist mein Vater bei einem Unfall gestorben, so dass ich schon mit 30 – fünf Jahre früher als geplant – die gesamte Verantwortung übernehmen musste.Von der Kutsche zum E-Bikedba. 1895 gründete Karim Twerenbolds Urgrossvater mit einer Kutsche und sechs Pferden in Ennetbaden (AG) eine Fuhrhalterei. Später kamen Busreisen und Flusskreuzfahrten dazu. Heute hat das Aargauer Unternehmen 85 Reisebusse und 10 Schiffe und beschäftigt 800 Mitarbeitende (400 Vollzeitstellen). Zur Gruppe gehören auch der Fluss- und Kreuzfahrtenspezialist Excellence Cruises – Reisebüro Mittelthurgau, Imbach Reisen (Wanderferien), Vögele Reisen und die Reederei Swiss Excellence River Cruise. Umsatzzahlen nennt die Firma keine, in der Branche kursiert eine Schätzung von rund 200 Millionen Franken. Am Swiss Economic Forum (SEF), das vom 4. bis zum 5. Juni in Interlaken stattfindet, wird Karim Twerenbold (41) zum Thema Familienunternehmen sprechen.Passend zum Artikel