Wolfgang Kubicki soll die FDP aus der Versenkung holen. Das ist ungefähr so, als wolle ein Traditionskaufhaus die digitale Revolution mit seinem dienstältesten Verkäufer bewältigen. Die Partei müsste sich nach ihrem Absturz aus dem Bundestag neu erfinden. Stattdessen hat sie einen Politiker an die Spitze gewählt, der wie kaum ein anderer ihre Vergangenheit mitverantwortet. Was für eine verpasste Chance, denn die politische Großwetterlage spielt den Liberalen eigentlich in die Hände.

Das Misstrauen gegenüber Behörden, Bürokratien und politischen Eliten wächst. Unternehmer klagen über Vorschriften. Bürger verlieren das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit staatlicher Institutionen. Die Menschen rufen immer lauter nach bürgerfreundlichen Reformen. Trotzdem steht die Partei der Freien Demokraten heute schwächer da als je zuvor – und sie ist gespaltener als jemals zuvor.

Zwei Kinder des Systems

Die Abstimmung zwischen den FDP-Urgesteinen Wolfgang Kubicki und Marie-Agnes Strack-Zimmermann auf dem diesjährigen Bundesparteitag war deshalb mehr als eine Personalentscheidung. Sie machte sichtbar, was viele Liberale seit Jahren verdrängen: Die Partei sucht noch immer nach ihrer Rolle.

Die einen wollen die FDP als staatstragende Kraft der Mitte neu aufstellen und setzten auf Strack-Zimmermann. Die anderen wünschen sich eine Partei, die wieder stärker aneckt, Konflikte sucht und den politischen Betrieb herausfordert – ein Angebot von Kubicki. Die Abstimmung fiel mit rund 60 zu 40 Prozent zugunsten Kubickis aus.