Der Rüstungskonzern Rheinmetall verkauft sein ziviles Geschäft an den Finanzinvestor Aequita. Das teilten die Unternehmen an diesem Mittwoch mit. Über die fortgeschrittenen Verhandlungen mit Aequita hatte die F.A.Z. zuletzt exklusiv berichtet. Der Kaufpreis liegt laut der Rheinmetall-Mitteilung bei 350 Millionen Euro, kann sich bis zum Abschluss aber noch ändern. Die Transaktion muss noch von den Aufsichtsbehörden freigegeben werden, abgeschlossen werden soll das Geschäft im vierten Quartal.Rheinmetall hatte schon im vergangenen Jahr 350 Millionen Euro auf sein ziviles Geschäft abgeschrieben und als „nicht fortgeführtes Geschäft“ klassifiziert. Nun stehen nochmals 200 Millionen Euro an einer „nicht zahlungswirksamen Wertberichtigung“ an. Der geringe Kaufpreis und die hohen Abschreibungen illustrieren den Druck, unter dem das Autozulieferergeschäft seit geraumer Zeit steht. In der Branche wurden allein in Deutschland im vergangenen Jahr Zehntausende Stellen abgebaut, auch Rheinmetall konnte sich der schwachen Marktkonjunktur nicht entziehen.In der Division „Power Systems“ stellt Rheinmetall etwa Komponenten für das Luft- und Abgasmanagement von Verbrennungsmotoren her, genauso Gleitlager oder Gussteile. In kleinerem Umfang entwickelt die Sparte auch Wasserstoff-Systeme und hat zuletzt mit in Bordsteinen verbauter Ladeinfrastruktur für E-Autos für Aufmerksamkeit gesorgt.Das zivile Geschäft steht für knapp zwei Milliarden Euro Umsatz. Mit einer Ergebnismarge zwischen vier und fünf Prozent lag die Sparte deutlich unter der operativen Marge des Gesamtkonzerns, die zwischen 18,5 und 19 Prozent liegt. Ohne das zivile Geschäft hat Rheinmetall im vergangenen Jahr rund zehn Milliarden Euro erlöst. Für dieses Jahr peilt der Vorstand abermals starkes Umsatzwachstum an, die Erlöse sollen um 40 bis 45 Prozent zulegen.Zivile Werke für Rüstung umgewidmetZwei zivile Werke, nahe Berlin und in Neuss, hatte Rheinmetall schon umgewidmet und produziert dort zukünftig auch Rüstungsgüter. In Neuss etwa montiert der Dax-Konzern in einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem finnischen Hersteller ICEYE Satelliten unter anderem für die Bundeswehr.Lange Zeit war die Autozuliefersparte ein wichtiger Geschäftsbereich, brachte sie doch Umsatz und Ergebnis jenseits der volatilen Aufträge von Militärs rund um die Welt. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und der „Zeitenwende“ hat das klassische Rüstungsgeschäft für Rheinmetall aber überragende Bedeutung angenommen.Angesichts der Aufrüstung und der stark wachsenden Auftragslage ist der Düsseldorfer Dax-Konzern über Jahre ausgelastet und erwartet anhaltend hohes Wachstum. Rheinmetall hatte im vergangenen Jahr angekündigt, sich von seiner Sparte Power Systems trennen zu wollen, und den Geschäftsbereich zuletzt schon unter „nicht fortgeführte Aktivitäten“ verzeichnet. Ursprünglich war der Verkauf für das erste Quartal geplant, die Verhandlungen mit den zuletzt noch zwei Interessenten hatten sich aber verzögert.Standort- und Arbeitsplatzsicherung vor Verkauf vereinbartIn der Zwischenzeit hatte sich Rheinmetall mit der Gewerkschaft IG Metall auf einen Überleitungstarifvertrag geeignet. Für die fast 3500 Beschäftigten in acht Betrieben bleiben auch nach dem Verkauf die Betriebsvereinbarungen, bestehende Regelungen und die Tarifbindung vollständig bestehen. Damit wären auch unter Aequita für drei Jahre nach Abschluss der Transaktion betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Auch Standorte dürfen in diesem Zeitraum nicht geschlossen werden, und die Tarifbindung bleibt bestehen.Aequita ist als Finanzinvestor bekannt, der auf Sanierungsfälle spezialisiert ist – ähnlich wie die ebenfalls in München beheimatete Beteiligungsgesellschaft Mutares. Beide erregten in diesem Jahr durch einen global bedeutenden Chemie-Deal Aufmerksamkeit: Der saudische Chemiekonzern Sabic verkauft weitestgehend sein Europageschäft. Mutares hat dabei den Zuschlag für die technischen Kunststoffe in Amerika und Europa mit 2,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz bekommen; Aequita übernimmt Geschäfte, die Sabic zu einem bedeutenden Teil einst von der niederländischen DSM übernommen hatte. Es geht um Olefin- und Polyolefingeschäfte mit 3,5 Milliarden Dollar Umsatz und vier Standorte, darunter Gelsenkirchen und das südniederländische Geleen.Finanzinvestoren konsolidieren sanierungsbedürftige GeschäfteAequita will den Zukauf zusammenfügen mit einem ähnlichen und ähnlich umsatzstarken Geschäft, das der Investor zuvor von Lyondellbasell erworben hatte. Damit betätigt sich Aequita als Konsolidator in einem Segment, das kaum mehr verkaufbar an hiesige Chemiekonzerne ist – Basischemie gilt in Europa als ein Teil der Chemie, der nur noch schwierig wettbewerbsfähig zu betreiben ist. Mutares will seinen eigenen Zukauf denn auch viel amerikalastiger machen. Aequita spricht von „bedeutendem Potential zur Hebung von Synergien“ – was euphemistisch für Kostenschnitte zu lesen ist.Auch im Autozuliefererbereich hat der Investor über die Jahre zugekauft: Verschiedene Mittelständler im Bereich Lenk- und Antriebstechnik, Bremsbeläge, mechatronische Systeme oder Komponenten gehören zum Portfolio. Hier kommt nun die Rheinmetall-Autozuliefersparte hinzu.Schon bei dem Sabic-Deal ließ sich Aequita von der Kanzlei Noerr beraten, die dem Vernehmen nach jetzt auch die Transaktion mit Rheinmetall juristisch begleitet. Aequita ist bei Arbeitnehmervertretern unbeliebt: Die Bergbau-, Chemie- und Energiegewerkschaft IG BCE protestierte kürzlich gegen Pläne, wonach Aequita beim Bremsbelaghersteller TMD Friction die Produktion nach China verlagere.Die IG Metall veröffentlichte gerade ein eigenes Dossier über den Investor. Überschrift: „Achtung Heuschrecke: Wie Aequita Betriebe abwickelt“. Sie führt das Vorgehen des Investors unter anderem in den Unternehmen Opti in Rhauderfehn, Durkopp in Halle (Westfalen) und SMAG an. Aequita reagierte auf Anfragen der F.A.Z. in jüngster Zeit nicht.
Rheinmetall verkauft Autosparte an Finanzinvestor Aequita
Anfang Mai berichtete die F.A.Z. exklusiv, dass Rheinmetall mit dem Finanzinvestor Aequita über den Verkauf seiner kriselnden Autosparte verhandelt. Jetzt ist das Geschäft besiegelt – und damit der Abschied aus dem zivilen Geschäft.











