Mit dem Wort „Ushoss“ kann man Suchmaschinen zum Halluzinieren bringen. Aufgüsse beim Saunieren tauchen auf, aber auch ein kurioses „Ritual des einzelnen Schuhs“, das bei der Amtseinführung von irischen Clan-Häuptlingen im 15. Jahrhundert eine Rolle spielte. Nichts findet man jedoch über jenes „Ushoss“ oder „Uchoss“, für das in dem Film „Dao“ von Alain Gomis eine Frau namens Gloria mit ihrer Tochter Nour aus Frankreich in das westafrikanische Guinea-Bissau reist. Sie wollen dort den Vater von Gloria treffen, zwei Jahre nach dessen Tod. Eine Ahnenbegegnung, vermittelt von den Ältesten in einem Dorf in der Region Cacheu, im Nordwesten des Landes. Das Ritual mit dem rätselhaften Namen ist der Sache nach nichts Außergewöhnliches. Die Verstorbenen spielen im Leben der meisten Menschen eine wichtige Rolle. Für Nour, die davor noch nie in der Heimat ihrer Mutter gewesen ist, wird die Feier zu einer Initiation in ihre Herkunft aus dem Afrika südlich der Sahara. Danach ist sie bereit, ihren Freund James zu heiraten.„Dao“ ist ein dreistündiger Film, der um zwei Rituale kreist: einen Totenabschied und eine Hochzeit. In der erzählten Zeit liegt zwischen den Ereignissen ein Jahr, aber Alain Gomis lässt es so wirken, als gingen die beiden Feiern ineinander über. Er beginnt mit einem Casting. Eine Reihe von Frauen sprechen für die Rolle der Gloria vor, aber auch für andere Mitglieder einer großen Familie, auf die „Dao“ abzielt. Katy Correa wird schließlich die Gloria, um sie herum entsteht dann sukzessive eine Geschichte.Familie ist bei Gomis ein Zusammenhang, der sich bei Festen zeigt – das Epische der Abfolge von Generationen verdichtet sich dann auf intensive Momente der Begegnung, aber auch der Konfrontation. Familie ist auch ein Zusammenhang, der über das Dorf oder die Stadt hinausgeht. In „Dao“ ist Cacheu ein Ausgangspunkt, von dem die Linien bis nach Marseille und Paris reichen. Frankreich und Senegal, Frankreich und die einstige portugiesische Kolonie Guinea-Bissau gehören in einen gemeinsamen Kontext, den Menschen mit ihren Lebensentscheidungen konkret machen.Schlechte Karten in Cannes – gute in BerlinAlain Gomis vertritt diesen afroeuropäischen Kontext im heutigen Weltkino mit besonderer Kraft. Er kam in Paris zu Welt, arbeitet aber vorwiegend in Afrika. „Felicité“ (2017) erzählte von einer Sängerin in Kinshasa im Kongo, die ihren Sohn in einer verzweifelten Odyssee vor einer Amputation zu bewahren versucht. Wie kürzlich auch „Dao“ lief „Felicité“ auf der Berlinale – aus unerfindlichen Gründen scheint Alain Gomis bei der Auswahlkommission in Cannes schlechte Karten zu haben, sodass das Festival in Berlin ihn inzwischen zu seinen wichtigsten Stars zählen kann.Gloria (Katy Correa) ist zu einer Ahnenbegegnung mit ihrem Vater in ihre Heimatdorf zurückgekehrt.Films That MatterIn die Geschichte von „Dao“ ist er in hohem Maß persönlich involviert. Eine Fotografie, die Gloria und Nour bei ihrer Ankunft im Dorf zu sehen bekommen, zeigt den Vater von Gomis – der einst aus dem Dorf in Cacheu nach Marseille ging, in dem gedreht wurde, ein Vertreter der ersten Generation der afrikanischen Migration nach Europa. Im Film heißt er Louis Mendy, und je länger die Vorbereitungen auf das große, dreitägige Fest dauern, desto klarer wird auch die ambivalente Rolle, die er im Leben seiner Familie innehatte. In „Dao“ geht es in hohem Maß um Geschlechterverhältnisse zwischen den Zeitaltern und Kulturen. Gloria, eine starke Frau, die sich aber auch sehr zurücknimmt und sich oft auf die Rolle einer Beobachterin (mit skeptischem Blick) beschränkt, tritt aus dem Schatten ihres Vaters, bindet gleichzeitig die Autonomie ihrer Tochter an die Umstände des dörflichen Ursprungs zurück.An einer Stelle wird die Weltgesellschaft, die aus Cacheu heraus entstanden ist, an den vielen Kuverts mit Bargeld deutlich, die für das Fest eingetroffen sind. 3600 Euro sind zusammengekommen, davon kann man 300 Liter Palmwein kaufen und einige Kühe. Mit ein paar Trankspenden beginnt dann schon der offizielle Teil: Das Dorf ruft Louis Mendy herbei, indem jemand Wasser in die Handfläche von Nour gießt, ihr dann ein Stück Erde in die Hand drückt, mit der sie sich das Gesicht „waschen“ soll.Ein Film, den man nicht klar zuordnen kannGomis filmt alle diese Vorgänge in einer fließenden Bewegung. Die Kamera fängt ein, was sich aus einem Durcheinander von Spiel und Alltag ergibt. „Dao“ lief seit der Premiere auf der Berlinale auch auf Dokufilmfestivals, eine klare Zuordnung soll gerade vermieden werden. Die ersten Szenen mit dem Casting sind offensichtlich dokumentarisch, danach entfaltet sich eine fiktionale Erzählung, die aber auf der Präsenz realer Menschen beruht. Die freie Form, in der Gomis sich durch die afrikanische Dorfgemeinschaft und die Hochzeitsgesellschaft in Frankreich bewegt, hält zu den beiden orthodoxen Formen deutliche Distanz, zwischen denen er sich bewegt. „Dao“ zielt nicht auf eine ethnographische Studie eines animistischen Kults ab, wie sie im 20. Jahrhundert vielfach gedreht wurden. Vor diesem Hintergrund ist die genaue Bedeutung des Wortes „Ushoss“ dann auch nicht wirklich wichtig. „Dao“ folgt aber auch nicht der Logik von „bürgerlichen“ Filmen über Familienfeste, die in der Freude nach Drama suchen – oder nach komischer Überhöhung.Mit dem Titel seines Films deutet er an, dass er nach einer Form gesucht hat, die sich den geläufigen Linienführungen (des Fortschritts, der Identitätssuche, des Aufbrechens und Zurückkehrens) entziehen wollte. „Dao“ ist der Begriff aus der chinesischen Philosophie, der aufgrund des berühmten Buchs „Daodejing“ vielfach geläufig ist. Gomis definiert Dao zu Beginn als eine „ständige Kreisbewegung, die alles durchzieht“ – es ist dabei durchaus von Gewicht, dass er eine große Meditation über die Verhältnisse zwischen Europa und Afrika in das Zeichen eines der ältesten Begriffe aus China stellt, das ja als politischer und wirtschaftlicher Akteur gerade die bisherige postkoloniale Welt neu konfiguriert.Ritual als SpielDas zweite „Prinzip“ in „Dao“ ist der Jazz. Die Musik bleibt eher im Hintergrund, Piano und Orgel sind aber ständig präsent. 2022 hat Gomis unter dem Titel „Rewind & Replay“ einen Film über Thelonious Monk gemacht, den vielleicht größten Pianisten des Jazz. Er griff dafür auf französische Fernsehaufnahmen aus dem Jahr 1969 zurück. Der Soundtrack von „Dao“ wirkt im Vergleich zu dem avancierten Spiel von Monk diskret und beiläufig, er dient eher einer Akzentuierung der Kamera, die sich an einer Stelle ausdrücklich ein Programm vorgibt: „die Tradition filmen“.Dieser große Begriff der „Weitergabe“ lässt sich als Schlüssel zu „Dao“ nehmen. In der politischen Debatte wird Tradition gern instrumentalisiert. Rechtspopulisten wollen „traditionelle“ Familien schützen, als wären sie durch eine Anerkennung von lange diskriminierten Identitäten bedroht. Ländliche Bräuche gelten als ursprünglich, Traditionsverlust ist eines der Klischees, das sich abwehrend auf die Zumutungen der Moderne richtet. Bei Gomis ist aber schon der Besuch von Gloria und Nour in Cacheu keine Affirmation von Tradition per se. Die beiden Frauen bleiben durchaus auf Distanz, das Ritual ist deutlich als Spiel durchschaubar, wichtig ist nur, dass in diesem Moment der Kreislauf der Weitergaben neu belebt wird.
"Dao" von Alain Gomis: Die Kreise der Traditionen
Eine Hochzeit als Ergebnis von siebzig Jahren Migration: Alain Gomis rasanter Film „Dao“ erzählt von zwei Familienfesten zwischen Guinea-Bissau und Paris und lässt die Grenze zwischen Phantasie und Dokumentation verschwinden.









