Handgeschriebenes Drehbuch: Die «Dogma 25»-Bewegung schickt die Filmbranche zur «Digital Detox»-Kur«Dogma 25» will die Rückkehr zum authentischen Film. So ist etwa der Gebrauch des Internets beim kreativen Prozess verboten. Aber die Revolution ist wohl gar nicht mehr nötig.31.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenTom Tykwer, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann, Nora Fingscheidt und Ilker Catak von «Dogma 25 Germany» wollen eine Erneuerung des Deutschen Kinos.PD«Das Drehbuch wird handschriftlich verfasst», so lautet die erste Regel. Die dritte: «Das Internet wird aus allen kreativen Prozessen ausgeschlossen.» Hier handelt es sich nicht um einen Verhaltenskodex eines Achtsamkeitsseminars für Filmschaffende, sondern das sind zwei von zehn Regeln aus dem Manifest von «Dogma 25 Germany». Fünf Filmschaffende des deutschen Kinos, Tom Tykwer, Kurdwin Ayub, Ilker Catak, Nora Fingscheidt und Helene Hegemann, stellten «Dogma 25 Germany» am vergangenen Filmfestival in Cannes vor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Männer und Frauen hinter Filmen wie «Lola rennt», «Systemsprenger» oder «Das Lehrerzimmer» schliessen sich mit ihrem Manifest der Gruppe dänischer Filmschaffender an, die «Dogma 25» letztes Jahr in Cannes vorstellten.Die neue «Dogma»-Bewegung will, was schon in den 1960ern in Frankreich die Nouvelle Vague und 1995 Dänemarks erste «Dogma»-Bewegung wollten: die Erneuerung des Kinos. Weg vom Kommerz, der zu kreativem Stillstand führe. Dafür eine Rückkehr zur Authentizität, zu wahrhaftigen Erzählungen von echten Menschen an echten Schauplätzen.Für «Dogma 25» bedeutet eine Rückkehr zur Authentizität offenbar, das Filmschaffen einer «Digital Detox»-Kur zu unterziehen. Die Bewegung leistet Widerstand gegen KI, die im Filmgeschäft gefürchtet wird, aber trotzdem immer öfter zur Anwendung kommt. Man hat genug von der flachen Ästhetik der algorithmisch optimierten Filme, von computergenerierten Inhalten in Hochglanzqualität. Statt der Vermarktbarkeit soll kreatives Risiko wieder das höchste Ziel sein dürfen.Die Regel 4 von «Dogma 25» verbietet es, mit Geldgebern zusammenzuarbeiten, die sich einmischen: «Wir akzeptieren nur Finanzierungen ohne inhaltliche Auflagen.»Zeit für IdealismusEin handgeschriebenes Drehbuch, kein Internet für die Recherche, nicht mehr als zehn Personen hinter der Kamera (Regel 5) – das klingt nach einem Hirngespinst von Idealisten. Aber ein wenig Idealismus ist notwendig. Das Mainstreamkino überrascht nur noch selten mit Kreativität. Es dominieren seit Jahren Fortsetzungsfilme, Superhelden-«Universen» und sogenannte IP, also Intellectual Property. Das sind Filme, die auf bekannten Stoffen beruhen.Aus Angst vor dem Flop wärmt man die Hits von früher wieder auf – und das Publikum nimmt dankend an. Zu den weltweit erfolgreichsten Filmen der letzten fünf Jahre gehören: Fortsetzungen von «Avatar», «Jurassic Park», «Top Gun», Fortsetzungen von Superheldenfilmen wie «Spider-Man», «Batman», «Superman». Fortsetzungen von Animationsfilmen wie «Inside Out 2», «Moana 2», «Despicable Me 4» – und die IP-Königin heisst «Barbie». Sie spielten Milliarden ein.Diese globalen Grosserfolge haben auch das Schweizer Filmschaffen inspiriert. Obwohl sich der vergleichsweise komfortabel geförderte Schweizer Film keinem Marktdruck ausgesetzt sieht wie die privat finanzierte Filmindustrie, setzt man hier neuerdings auch auf IP.Seit 2025 kamen «Hallo Betty» (die Köchin der Nation), «Ewigi Liebi» (nach dem Musical), «Stiller» (nach dem Roman von Max Frisch), «Mein Freund Barry» (als dritte Neuverfilmung) in die Kinos, bald folgt «The Death of Sherlock Holmes». Ausser «Stiller» wurden diese Filme zu grossen Erfolgen.Hätte die Zürcher Filmemacherin Natascha Beller doch auf IP wie «Heidi» statt auf eine originäre Geschichte gesetzt. Dann müsste sie sich jetzt nicht mit enttäuschenden Eintrittszahlen für ihren neuen Film «Plitsch Platsch Forever!» beschäftigen.Obwohl dieser Kinderfilm über zwei Freundinnen, die ihre Badi retten wollen, ein idealer Sommerfilm ist, obwohl es um Freundschaft, Trennungsschmerz und um direkte Demokratie geht, fremdelt das Publikum. «In der Schweiz gibt es fast nur IP-Kinderfilme und kaum originäre Storys», sagte Beller neulich im Gespräch. «Wenn Eltern und Kinder die Titel ‹Heidi› und ‹Schellen-Ursli› hören, dann wollen sie die Verfilmung sehen. Bei originären Geschichten passiert das nicht.»Natürlich hätte Beller einen IP-Stoff verfilmen können, aber: «Wenn ich Zeit und Energie investiere, dann in etwas, für das mein Herz wirklich schlägt», sagt sie.Nicht marktkonform erzählen, auf Originalität statt kommerziellen Erfolg setzen – das ist eine Haltung, wie «Dogma 25» sie mag. Aber manche Filmschaffende mögen «Dogma 25» nicht. Neuerungen provozieren Widerstand bei solchen, die eine breit aufgestellte Förderung gewohnt sind. Unter Social-Media-Posts von «Dogma 25» liest man von dem Vorwurf, das sei doch nur ein Selbstprofilierungsprojekt von Privilegierten. - Tom Tykwer ist einer von drei Autoren und Regisseuren von «Babylon Berlin», der teuersten und einer der erfolgreichsten deutschen Serien.Bürokratie schnürt die Luft abSolche Argumente kennt das Swiss Fiction Movement nur zu gut. So heisst das Kollektiv von Schweizer Filmschaffenden, das seit 2014 ebenfalls für eine Vereinfachung und Modernisierung des Förderwesens kämpft. Auch sie wollen Filme schneller und mit kleinem Budget realisieren. Aber statt ihre Ideen umsetzen zu können, schnürte ihnen die Bürokratie bald die Luft ab.Aber vielleicht ist eine «Dogma 25»-Revolution gar nicht mehr nötig. Eine Trendwende scheint bereits eingesetzt zu haben: In Cannes war kein Hollywood-Remake wie «Top Gun: Maverick» anzutreffen. Und nach einem Jahrzehnt, das dominiert war von Action-Sequels wie «Fast & Furious» und Superhelden, finden sich in den Top 20 der globalen Filmhitparade auf einmal originäre Geschichten: «Project Hail Mary», «The Housemaid», «Marty Supreme», «The Drama», wilde Kreativität in «Wuthering Heights» oder Horror wie im auf Youtube entstandenen «Iron Lung».Das Filmpublikum scheint genug zu haben von digitalem Eventkino. Auch hier. 2025 lagen die Kinoeintritte in der Schweiz um 7,18 Prozent tiefer als im Vorjahr. Der erfolgreichste Schweizer Film war «Heldin» von Petra Volpe. Das ist keine IP, kein Remake, aber es geht um Pflege. Das ist ein Thema, das die Menschen beschäftigt und interessiert.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Recherche ohne Internet, Drehbücher von Hand verfasst: «Dogma25» will das deutsche Kino revolutionieren
«Dogma 25» will die Rückkehr zum authentischen Film. So ist etwa der Gebrauch des Internets beim kreativen Prozess verboten. Aber die Revolution ist wohl gar nicht mehr nötig.












