Was kann man von den jungen Leuten lernen? Weniger das Motzen, als vielmehr die Gabe, bisweilen überall das Schöne zu sehen. Zum Beispiel erkennen die Macher des Festivals „Stustaculum“ im durchaus beklagenswerten Leerstand der Plattenbauten in der Studentenstadt Freimann weniger ein Ärgernis, als dass sie sich hier am „unvergleichlichen Lost-Place-Character“ erfreuen. Quasi als Kontrapunkt zum angeblich glattgebügelten München.Ja, sie romantisieren das Atrium, also die betongefasste Wiese zwischen den Hochhäusern, gar. Nachmittags könne man hier „chillen“ und bei einem „kühlen Hellen“ Bands auf der Bühne erleben, und „sobald die Sonne hinter den Betonriesen untergeht, wird abgerissen“. Also nicht die Gebäude, die sollen ja bis Ende 2028 alle endlich saniert sein für weitere 1000 Studenten. Die Abrissbirne schwingt aber als Stimmungsmetapher über dem Open-Air-Dancefloor zwischen den Häuserschluchten.So verklärt wird das Atrium heuer zum Zentrum des viertägigen Stustaculums. Das ist das größte von Studenten organisierte Festival Deutschlands in einer der größten Studentensiedlungen des Landes, die derzeit etwa noch 1500 Bewohnern Platz bietet, wunderschön gelegen am Rand des Englischen Gartens. Jahr für Jahr, seit der Feier zum 25-jährigen Bestehen 1989, demonstrieren die Studentenstädter, wie lustig und bunt so ein Studentenleben bisweilen sein kann.Das Stustaculum ist freilich nicht Alltag, sondern Ausnahmezustand für Bewohner und 30 000 Gäste. Zusammen erlebt man mehr als 100 Auftritte auf fünf Bühnen, es gibt Workshops, Performances, viele Imbissbuden, Bars und Lounges, und das zum höchst studentischen Festivalpreis von 13 Euro für alle vier Tage. Für den Schirmherren, Oberbürgermeister Dominik Krause, steht diese ehrenamtliche, gleichwohl professionelle Organisation „exemplarisch für das große Engagement junger Menschen in München“ und zeige, „welchen wichtigen Beitrag sie zum kulturellen Leben“ leisten.Außer vielen Nachwuchs-Acts aus allen Pop-Sparten sowie Impro-Theaterleuten, DJs, Feuerartisten und Performern, hat der Verein „Kulturleben in der Studentenstadt“ diesmal auch einige bekanntere Künstler gebucht und explizit als „Headliner“ ausgewiesen: Das sind etwa die Berliner Deutschrocker Treptow, die Ska-Band The Neighbours, die Epic-Speed-Metal-Band Don’t Drop The Sword (richtige Langhaar-Rocker aus Erding), der vom bayerischen Pop-Elite-Pool geförderte Beat-Bastler EZ Kamil oder Bekkaa. Die Frankfurterin befasst sich in ihren Songs, Internetbeiträgen, Podcasts und Büchern („Fühlst Du? Texte übers Loslassen und sich selbst Auffangen“) mit dem Lebensgefühl ihrer Generation Z: Selbstfindung, Liebeskummer, mentale Gesundheit und so weiter.Diese Generation gilt bekanntlich als sehr sensibel und kunstsinnig. Solche Anwandlungen können Gäste (jeden Alters) auf dem Stustaculum in vielen Kursen („Balaklava Nähen“, „Cyantype Collage“, Siebdruck, Blumenkronen binden, Grafitti, Bieryoga) ausleben, und sie können sich als lebendiger Bestandteil einbringen in die Spontan-Kunstwerke „Istant Icons“, inspiriert von den „One Minute Sculptures“ des Künstlers Erwin Wurm – hochgradig instagramable oder tiktok-bar!Auf den Straßen zwischen den Wohnhäusern kommen die Besucher des Stustaculums in gemütlicher Runde zusammen. Robert HaasDie Gen Z – also viele der aktuell Studierenden – gilt gemeinhin als weniger kompetitiv. Das ist beim Stustaculum ein wenig anders, hier wird sich an allen Ecken miteinander gemessen. Zum Beispiel in der Hans-Scholl-Halle, die endlich wieder eröffnet. Hier steigt nicht nur am Mittwoch ein „Hip-Hop-Battle“ in den Disziplinen „Viben und Dancen“, sondern nach endlosen sechs Jahren kehrt auch die Legende zurück aufs Stustaculum: der Kleinkunstwettbewerb um die „Goldene Weißwurst“, der schon einigen später bekannteren Kabarettisten und Comediens als erste Bühne diente. Diesmal konkurrieren Max Beier und Ben Pandelka aus München, Christina Kiesler aus Wien und Mika Pues aus Bonn um die Trophäe und 1000 Euro Preisgeld. Auch die Besucher können sich auf Stand-up-Bühnen, beim Bierkastenklettern, bei Schach- und Schafkopfturnieren miteinander messen, wobei freilich nicht der verbissene Ehrgeiz, sondern die studentische Gaudi im Mittelpunkt stehen soll.Stustaculum, Studentenstadt Freimann, 3. bis 6. Juni, Mittwoch 17 bis 3 Uhr, Donnerstag 10 bis 3 Uhr, Freitag und Samstag 14 bis 5 Uhr, www.stustaculum.de