Wie soll eine Stadt aussehen, in der sich die Menschen wohlfühlen, vor allem die jungen Menschen? München ist bekannt für schöne Fassaden, ein oft beschworenes Lebensgefühl der Lässigkeit, und natürlich wird die Stadt – das München-Klischee überhaupt –immer wieder als nördlichste Stadt Italiens bezeichnet. Aber wie sieht es aus mit Freiräumen in einer Millionenstadt, die auch für Wohlstand steht, in den vergangenen Jahren immer teurer geworden ist und in der es immer weniger bezahlbaren Raum gibt, sowohl zum Wohnen als auch für die Kultur?Schlecht sieht es aus, findet die Initiative „Mehr Lärm für München“, die die „Krachparade“ veranstaltet. Das ist eine Mischung aus Demo und Party, die wie ein fröhlicher Umzug durch die Stadt daherkommt, aber einen ernsten Hintergrund hat.Es geht darum, dass man auch mal laut sein darf, denn dort, wo Menschen zusammenkommen, ist es eben nicht mucksmäuschenstill. „Sozialen Lärm“ nennt die Initiative das. Man sehe die Verdrängung des Lärms als „Symbol für die Verdrängung der Bewohner aus dem öffentlichen Raum und dessen Gestaltungsfreiheit“, hieß es schon in der Ankündigung der Demo. „Die Stadt wird gemeinsam mit Investoren ruhig gestellt.“SZ Good News:Gute Nachrichten aus München – jetzt auf Whatsapp abonnierenMehr positive Neuigkeiten im Alltag: Die Süddeutsche Zeitung verbreitet jeden Tag auf Whatsapp ausschließlich schöne und heitere Nachrichten aus München und der Region. So können Sie ihn abonnieren.Diese Auffassung teilen viele in München: Am Samstag haben sich wieder Tausende vorwiegend junge Menschen getroffen, um für mehr Freiräume und eben mehr Lärm zu demonstrieren. Bei den vergangenen Ausgaben der Krachparade waren nach Angaben der Veranstalter etwa 15 000 bis 20 000 Demonstranten dabei.So viele sind es am Geschwister-Scholl-Platz an diesem Samstag zunächst nicht. Etwa 5000 seien gekommen, schätzt Julia Richter aus dem Team von „Mehr Lärm für München“. Doch bis zur Schlusskundgebung auf der Theresienwiese würden noch deutlich mehr Demonstranten dazukommen, glaubt sie. Und sie sollte sich nicht irren: Am Abend sind es je nach Schätzung in der Spitze tatsächlich zwischen 25 000 und 30 000 Menschen.Mehrere Tausend Menschen sind am Samstag mit der Krachparade auf der Ludwigstraße unterwegs. Robert HaasUnd die künftige Feier-Generation ist auch dabei. Robert HaasAber laut genug sind die Demonstrantinnen und Demonstranten auch schon mit einer vierstelligen Teilnehmerzahl. Schon bei der Auftaktkundgebung ist der Geschwister-Scholl-Platz gerammelt voll. Kurz bevor sich der Zug gegen 16 Uhr in Bewegung setzt und vorbei an der Staatskanzlei über den Altstadtring Richtung Theresienwiese rollt, strömen immer noch Menschen zum Startpunkt, wo sich etwa 40 Wagen mit engagierten Menschen aus Subkultur, Clubs, Kulturinitiativen, Gewerkschaften und der Mietenbewegung schon am frühen Nachmittag startbereit aufgestellt haben.Bässe wummern, Menschen tanzen vor der Bühne, viele halten Transparente in die Höhe. „Mehr Kultur nach 0 Uhr“ steht da zum Beispiel drauf, oder „Lobby für den Lärm“, „Bass statt Hass“ oder „Hertz statt Merz“. Weil es eine Demo ist, kommen auch Stadtpolitiker verschiedener Parteien von der Linken bis zur CSU auf die Bühne, um sich für das Anliegen der Veranstalterinnen und Demonstranten auszusprechen – mal mit mehr, mal mit weniger Applaus.Das Anliegen der Initiative ist nicht neu: Die erste Krachparade rollte bereits 2014 durch die Stadt, nachdem der Neubau an der Feilitzschstraße in Schwabing fertig war, an dessen Stelle vorher die alte „Schwabinger 7“ und das Monopol-Kino über Jahrzehnte als Horte der Subkultur heimisch waren.Mit verschiedensten Instrumenten machen sie auf ihr Anliegen aufmerksam ... Robert Haas... laute Stimmen gehören natürlich auch dazu. Robert HaasDer Protest richtete sich damals gegen die Profitmaximierung und die Zerstörung von lebendigen Stadträumen. Die Voraussetzungen haben sich seither nicht gebessert, im Gegenteil: Mieten sind weiter gestiegen, es gibt immer mehr Konflikte wegen des Lärmschutzes, wie vor allem das Beispiel der Maxvorstadt zeigt, wo das Ruhebedürfnis von Anwohnern und die Feierlaune junger Leute jeden Sommer Ärger auslösen.Doch soll man die Bürgersteige deshalb überall um 22 Uhr hochklappen, auch am Wochenende? „Große Teile der Stadtgesellschaft sind unzufrieden mit der aktuellen Raum- und Lärmverteilung“, schreiben die Veranstalter. „Deshalb verstehen wir uns als Lobby für den sozialen Lärm – für Orte, an denen München lebendig bleibt.“Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde am Sonntag mit neuen Angaben zur Teilnehmerzahl aktualisiert.