Wahrscheinlich ärgert man sich in Wacken, oder ist zumindest neidisch. Denn eines der wichtigsten Rockereignisse des Jahres steigt nicht etwa auf dem schleswig-holsteinischen Mega-Metal-Open-Air, sondern im Backstage in Bayern. Die „Deutsche Luftgitarrenmeisterschaft“ wird wieder einmal in Münchens Rock-Reggae-Punk-Zentrale ausgerichtet, und diesmal, am 25. Juli, sogar die 20. Auflage dieses spektakulären Wettstreits mit den unsichtbaren Saiten. Das ist nicht etwa irgendein Gaudi-Event.Zwölf ausgefuchste Spezialisten und Spezialistinnen wie Ehrwolf van Airhoven, Toastair Woman oder Onkel Mosh haben sich ihr Rocker-Leben lang auf dieses „fu­riose Battle um Ruhm und Ehre“ vorbereitet. „Es wird wieder gefluchtet, geföhnt und gefin­ger­tappt“, tönt die Ankündigung in voller Kennerschaft. Doch dem nicht genug, mehrere Live-Gruppen fachen diesen Musik-Konserven-Contest an: eine Queen-Tribute-Show, Münchens nun bis ins Mutterland der Haudrauf-Filme Italien bekannter Bud Spenzer Heart Chor, das eventuell mit diesem verbandelte Terence Hillbilly Trio und die Schotterebener Blasmusik. „Stadion-Vibes garantiert!“Und das ist längst nicht alles, was an diesem einen Tag im Backstage passiert. Zudem ist das Luftgniedler-Turnier eingebettet in ein Festival, das nicht 350 Euro für das Wochenende kostet, sondern bei dem man 16 Tage lang gut 200 Konzerte, Partys, Filme, Aktionen, Lesungen und mehr vollkommen gratis besuchen kann. Es ist allerdings möglich, sich Reservierungstickets zu kaufen, die Einlass auch bei den überlaufensten Shows garantieren.Voll dürfte es beim „Free & Easy“, das heuer sein 30-Jähriges feiert, an vielen Abenden werden. Zwar hat man keine Superstars wie das „Wacken Open Air“, aber doch überaus prominente Musiker zu bieten. Zum Beispiel: Iron Maiden kommen nicht, wohl aber deren Sänger. Nicht Bruce Dickinson, aber dessen Nachfolger und zugleich Vorgänger: Blaze Bayley spielte einst im Vorprogramm der britischen Metal-Heroen, die ihn 1994 baten, ihr Mikro zu übernehmen. Zwei Alben lang sang er mit. Allerdings mit eigener, dunklerer Stimme, sodass Ur-Fans meuterten und er 1999 wieder friedlich an Dickinson übergab. Im Backstage spielt er eine „Iron Maidon Anniversary Setlist“ (26. Juli).Stark ist das „Free & Easy“ auch bei deutschsprachigen Hip-Hoppern besetzt: Lostboi Lino aus dem Stuttgarter Umfeld von Orsons und Cro, der den Emo-Rap prägte, etwa mit seiner Version von Grönemeyers „Männer“ (24. Juli). Der bestens vernetzte Berliner Megaloh (2. August). Oder Rap-Guru Curse, der inzwischen auch als Bestseller-Autor („Stell dir vor“), Meditationslehrer, Podcaster und Speaker erfolgreich ist (am 31. Juli mit den Bayern Liquid & Maniac).Das Backstage bietet alles auf, wofür es in diversen Genre-Magazinen stets in den Bestenlisten geführt wird: Die Indiepopper Jupiter Jones, die mit „Still“ 2011 den Radiohit des Jahres lieferten (6.8.); den britischen, gleichwohl auch in Jamaika berühmten Reggae-Künstler und Aktivisten Macka B (29.7.). Oder die unfassbar komischen Lottery Winners, die als Vorgruppe im Olympiastadion 2025 fast ihrem Kumpel Robbie Williams die Show stahlen (7.8.). Dazu alles, was der Backstage-Fan begehrt: Metalcore aus den USA mit Pro Pain (24.7.), aus München Folk mit Vroudenspil (29.7.) und Ska mit Santeria And The Porn Horns (24.7.) und gleich ein ganzes „Punkmass“-Sommerfest, bei dem schon die Bandnamen einen angrinsen: Radikale Rüben, Piss-Test, Busenneid … (5.8.).Die Masse an Konzerten auf sieben Indoor- und Outdoor-Bühnen allein macht das „Free & Easy“ aber noch nicht einmal aus. Es ist vor allem der irre Mix, der die Gäste an allen Ecken des Club-Labyrinths anspringt: Da hört man eine „Star Wars“-Live-Electro-Oper (30.7.), macht beim Metal-Yoga mit, Kinder freuen sich auf die Percussion-Mitmach-Lesung von Lomäus Barthaar (3.8.), die Tier-Helfer laden zu Diskussionen wie „Gibt es Klimaschutz ohne Veganismus?“ (2.8.), man lernt etwas über Urban Gardening (9.8.) oder etwas vom Bundesliga-Kenner Jacob Obst über das Leben von Uli Hoeneß, das mehr als eine Netflix-Serie füllen könnte (27.7.). Passenderweise läuft dazu im Sommer-Kino die Doku „Profis“ über die Saison 78/79 mit Hoeneß und Paul Breitner.Bei „Karaoke Till Death“ kann man zu einer Live-Hardrock-Combo selbst ins Mikro brüllen (9.8.) – ein Spaß, den die Band auch schon in Wacken verbreitet hat. Was beim Metal-Open-Air allerdings noch nie zu Gast war: Der „Rock’n’Roll Wrestling Bash“, ein irres Ding aus Show-Ringkampf, Theater, Rockkonzert, Striptease und Schnapsgelage, das seit Jahren im Backstage die Hallen füllt.„Free & Easy“ im Backstage, München, 24. Juli bis 9. August, geöffnet täglich ab 17 Uhr, Konzerte ab 18.30 Uhr, Partys ab 23 Uhr, www.backstage089.de