Ein typisch norddeutscher Sommerregen verwandelt das Heavy-Metal-Walhalla in Wacken regelmäßig in eine Schlammfläche. Irgendwo brummt ein Generator, während 80.000 Fans trotzig „Metal“ grölen. Auch beim englischen Open-Air-Klassiker Glastonbury zieht gerne ein frischer Wind über die „Pyramid Stage“, Bierbecher fliegen, imposante Drohnenvideos gehen viral um die Welt. Das sind die tausendfach vermittelten Bilder der Open-Air-Saison: Ekstase, Gemeinschaft, Freiheit und vollgepackte Shows.Doch hinter den Kulissen rumort es gewaltig. Auf langen Excel-Tabellen werden bedrohlich steigende Kosten offenbar. Spätestens seit Ende der Corona-Pandemie bröckelt in klimatisierten Büros fernab der euphorischen Moshpits das Bild scheinbar unbeschwerter europäischer Pop- und Rockfestivals. Was für das Publikum nach ausverkauftem Sommerspaß aussieht, entpuppt sich als immer fragileres System, in dem sich Risiken, Kosten und Macht zunehmend unrund verteilen.Wirtschaftliche Unsicherheiten werden nach unten weitergereichtEine aktuelle Analyse von „Live DMA“ und dem „Reset! Network“, einem Verbund der europäischen Livemusik-Verbände, der seit 2012 mehr als 3000 Spielstätten, Clubs und Festivals in 17 Ländern vertritt, zeigt erstmals, wie stark der Livemusik-Markt bereits konzentriert ist.Das Wallhalla der Metalfans: Auftritt in Wacken der Band Within TemptationJustus Rudolph/WOA Festival GmbHMehr als 150 der größten Festivals Europas stehen heute direkt oder indirekt unter dem Einfluss von nur vier Konzernen: Live Nation, AEG, CTS Eventim und Superstruct. Besonders Superstruct, 2024 vom Private-Equity-Investor KKR (mit CVC) übernommen, kontrolliert mittlerweile über 80 Festivals in Europa und Australien.Live Nation arbeitet mit rund 120 Tochterfirmen in Europa, AEG verbindet Konzertpromotion mit dem Besitz zentraler Arenen, CTS Eventim verknüpft Ticketing, Spielstätten und Veranstaltungsbetrieb. Zwischen 2022 und 2025 ist die Zahl der von Großkonzernen kontrollierten Festivals deutlich gestiegen. Kapital, Marktmacht und Infrastruktur bündeln sich – während die vielen kleineren, unabhängigen Veranstalter am Katzentisch sitzen. Wirtschaftliche Unsicherheiten werden nach unten weitergereicht.Was es mit der „Superstar Economy“ auf sich hatEin ähnliches Bild bei den Spielstätten. Große Unternehmen konzentrieren sich auf Arenen und Stadien, also auf jene Orte, an denen sich Reichweite und Erlöse maximieren lassen. Die Clubs bleiben zwar oft unabhängig oder kommunal getragen, geraten aber unter Druck, weil der „Entertainment Dollar“ beim Publikum längst nicht mehr so locker sitzt. Denn wer für 300 Euro eine Karte bei Harry Styles für ein Konzert im Mai in Amsterdam oder London ergattert, wird allein schon aus ökonomischen Gründen einige Indie-Shows um die 35 Euro sausen lassen müssen, zumal Anreise und Übernachtung für diese Metropolen ebenfalls zu Buche schlagen.Dazu kommt die deutlicher gespürte Attraktivität großer Namen. Der aktuelle „Music In The Air“-Report des New Yorker Investment-Bankhauses Goldman Sachs analysiert: Generation Y und Z binden sich stärker an einzelne Überkünstler wie Drake, Beyoncé, Adele, Taylor Swift oder Harry Styles. Man spricht hier von „Superstar Economy“, wo die Milliarden-Umsatz-Schallmauern längst durchbrochen sind. Wer jung ist, fährt heute eher für den Lieblingspopstar in die Arena, als drei Tage in einem muffigen Zelt mit Dosenravioli und saurem Rotwein aus Tetra-Packs zu verbringen. Komfort schlägt Gummistiefel, Sitzplatz gewinnt gegen Schlammbad.Das Mega-Festival Sziget mit Fans aus ganz Europa ist seit 2025 wieder fest in ungarischer HandMarton MonusDie Ökonomie macht allen zu schaffen. Laut dem „European Festival Report“ des Londoner Fachblattes „IQ Magazine“ und der Dachorganisation Yourope, der auf Daten von über 220 europäischen Festivals basiert, nennen 28 Prozent der etablierten Adressen steigende Produktionskosten als größte Herausforderung. Alle Befragten berichten, dass ihre Kosten stärker steigen als die Inflation, vor allem bei Infrastruktur, Technik, Personal, Sicherheit und Energie.Zwei bis drei Millionen Euro für Festivals, fünf bis sechs für die SoloshowDie Ticketpreise ziehen zwar an, halten mit der Kostenentwicklung aber kaum Schritt. 2025 stiegen die Kartenpreise je nach Festivalgröße um vier bis elf Prozent, der Durchschnittspreis für einen Festivalpass liegt inzwischen bei 203 Euro. Viele Veranstalter deckeln die Erhöhungen bewusst, um ihr Publikum nicht vollends zu verprellen. Die Folge sind weiter schrumpfende Margen.Über diese Probleme reden große wie kleinere Veranstalter gerne in Hintergrundgesprächen, offen zitiert werden möchte kaum jemand. Die anstehende Saison soll nicht auch noch mit „Bad Vibes“ aus dem Maschinenraum belastet werden. Gleichzeitig werden die Unterschiede innerhalb der Branche größer. Für fast ein Drittel der Befragten ist die Akquise von zugkräftigen Stars inzwischen ein großes Problem. Ein Hinweis auf steigende Gagen, knapper werdende Tour-Slots und die wachsende Marktmacht der großen Player. Für internationale Headliner werden auf Festivals Gagen von zwei bis drei Millionen Euro aufgerufen. Genaue Summen kann selbst die bestens informierte US-Bibel „Pollstar“ nur hochrechnen, was die Foo Fighters oder Korns dieser Welt wirklich einstreichen, bleibt Vertragsgeheimnis.Sommer, Musik, beste Laune: Das Hurricane Festival bei Scheeßel ist eines der größten des LandesJulia SchwendnerGleichzeitig erlösen Soloshows etablierter Acts in Arenen fünf bis sechs Millionen Euro Umsatz. Pro Show. Für Künstler wie Management ist das die klar bessere Rechnung. Megafestivals stehen auch häufiger im politischen Kreuzfeuer: Ein Drittel war zuletzt Ziel von Protesten oder Boykottaufrufen, etwa aus der israelfeindlichen BDS-Bewegung oder von propalästinensischen Gruppen. Das erhöht ohnehin hohe Sicherheitskosten und verprellt Sponsoren. In Fachkreisen spricht man von „Reputationsrisiken“.Selbst finanzkräftige Player bleiben nicht verschontTrotz der sprichwörtlichen Easyjet-Raver bleibt das Publikum überwiegend lokal: 80 Prozent der Festivals berichten, dass weniger als ein Fünftel ihrer Besucher aus dem Ausland kommt. Internationale Zugewinne sind damit begrenzt. Ausnahmen bilden etwa das „Primavera“ in Barcelona oder das gigantische „Sziget“-Festival in Budapest. Doch frühere Vorteile entfallen heute oft, etwa bei den dortigen Bierpreisen. Selbst beim „Positivus“ in Riga gibt es in der Halbliter-Plastikbecher-Währung kaum noch einen Unterschied zu den Thekentarifen beim rockigen „Hurricane“ in Scheeßel oder beim Reggae-Treff „Summerjam“ in Köln.Veranstalter aller Stilrichtungen setzen auf moderate Preiserhöhungen. Kleinteilige Einsparungen in allen Gewerken sind weder sexy noch Rock ‘n‘ Roll, aber helfen. Das stabilisiert etwas. Der angespannte Blick auf die Saison 2026 bleibt. In Kombination mit der Marktkonzentration verschiebt sich der Druck immer stärker auf die örtlichen Veranstalter, während Kontrolle und Wertschöpfung bei wenigen Konzernen liegen. Eine Geschichte aus dem Frankfurter Allgemeine Quarterly, dem Zukunftsmagazin der F.A.Z. Mehr erfahren Eine Folge: Etablierte kleinere Festivals pausieren oder sagen ab – vom „Maifeld Derby“ über „Rocco del Schlacko“ bis zum Ruhrgebiets-Spektakel „Juicy Beats“, das neuerdings zum DEAG-Konzern gehört und mit einem abgespeckten Eintages-Set ein Comeback wagt. Selbst ein auf Party-Solidarität und Crowdfunding erbautes Electro-Happening wie die „Fusion“ an der Müritz musste mehrfach größte Kostenlücken schließen. 2026 soll die alternative Megasause steigen, für 2027 ist eine Pause angekündigt.Selbst finanzkräftige Player bleiben nicht verschont. Der weltweit zweitgrößte Veranstalter Superstruct trennt sich von Beteiligungen an Großfestivals wie Sziget, andere Veranstalter schicken langjährige Formate in den Vorruhestand. Das Hamburger Elbjazz-Festival wiederum kehrt 2026 mit neuer Gesellschafterstruktur zurück – ein Hinweis darauf, wie tiefgreifend sich die Branche überall neu sortiert.Die Krise der Festivals ist kein vorübergehendes Stimmungstief. Der Strukturwandel ist im vollen Gange, in allen Bereichen. Die Frage lautet nicht mehr, ob Menschen Livemusik wollen. Sondern in welcher Form – und zu welchen Bedingungen – Festivals künftig in der aktuellen Bandbreite noch möglich sind.Mitarbeit Manfred Tari.
Livemusik-Events: Können nur große Festivals überleben?
Der Sommer wird für viele erst durch Musikfestivals richtig schön. Aber immer höhere Gagen der zugkräftigen Stars und steigende Kosten auf allen Ebenen gefährden selbst etablierte Events.








