Dreizehn Tage über dem Abgrund: Vier Alpinistinnen klettern an der patagonischen Wand durch Sturmböen und Minusgrade – mit 300 Kilo GepäckAls erste Frauenseilschaft gelingt dem Team der Schweizer Bergführerin Caroline North die schwierige «South African Route». Dabei gehen sie manches anders an als Männer.03.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Schweizer Bergführerin Caroline North ist gerne in Frauenseilschaften unterwegs – die Kommunikation empfindet sie als offen.Julia CassouDie vier Bergsteigerinnen haben längst aufgehört, die Tage zu zählen. Wie lange sie schon klettern, wissen sie nicht mehr. Über ihnen ragt der Torre Central in den blauen Himmel, spitz wie eine Nadel. Sie wollen das Schönwetterfenster nutzen und ziehen die schweren, zylinderförmigen Transportsäcke an den Fixseilen hinauf, die sie zuvor in tagelanger Arbeit in der Granitwand befestigt haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch das Wetter in Patagonien bleibt unberechenbar. Auf einmal ziehen Wolken auf, es beginnt zu schneien und zu stürmen. Die Temperatur sinkt auf minus 10 Grad. Der Wind wirbelt Schnee auf, wie Gischt peitscht er ihnen ins Gesicht. Die Frauen hängen in den Seilen, sie bringen das letzte Material nach oben, wo sie das Portaledge aufbauen, denn ohne das Wandzelt wären sie der Witterung schutzlos ausgeliefert.Durchnässt und durchgefroren kriechen sie in die beiden Zelte. Sie schmelzen Schnee auf dem Gaskocher, giessen das heisse Wasser in Thermoskannen und stecken sie in ihre Schlafsäcke. Sie hören, wie der Wind krachend um die Felswände tobt, die eisige Luft zerschneidet. Unter ihnen klafft der Abgrund. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als abzuwarten.Wegen Klischees begann sie, mit Frauen zu kletternDas war Anfang März. Die Schweizerin Caroline North kletterte gemeinsam mit der Deutschen Amelie Kühne, der Französin Julia Cassou und der Argentinierin Belén Prados in Chile die «South African Route» – als erste Frauenseilschaft. Seit einigen Wochen ist North zurück in der Schweiz. Kühne weilt noch immer in Patagonien, sie hat ihr Studium pausiert, um weitere Expeditionen zu unternehmen. Im Videoanruf berichten die beiden von jenem stürmischen Tag, der sich besonders in ihr Gedächtnis eingebrannt hat.Dreizehn Tage verbrachten sie an der Wand, lebten dort. North sagt: «Ich kenne wenige Leute, die so lange unterwegs sind: Zwei Wochen sind selbst für eine Big-Wall-Expedition aussergewöhnlich.»Die 35-Jährige wuchs in Darmstadt und in der Westschweiz auf. Sie wusste früh, dass sie Bergführerin werden wollte. Heute ist North eine von 42 Frauen in der Schweiz mit Bergführerdiplom und übt damit einen Beruf mit tiefem Frauenanteil aus: Ihr stehen 1514 Bergführer gegenüber.Im Winter lebt Caroline North in Patagonien, im Sommer im Unterwallis. Ihr Palmarès ist reich an Klassikern wie der Eigernordwand oder «The Nose» am El Capitan im Yosemite-Nationalpark, umfasst aber auch Expeditionen in abgelegene Regionen wie die Antarktis oder Grönland, oftmals waren es Erstbesteigungen. Meist ist sie in reinen Frauenteams unterwegs.Ursprünglich brachten sie Klischees dazu, in Frauenseilschaften zu klettern. Sie erzählt, dass sie sich als junge Frau nach schwierigen Touren oft anhören musste, dass bestimmt der Mann die schwierige Seillänge vorgestiegen sei. «Das fand ich schrecklich», sagt sie. Also begann sie, vieles in Frauenteams zu machen – damit ihr niemand mehr die alpinistische Leistung absprechen kann.Für North war die «South African Route» in Patagonien eine der schwierigsten Expeditionen überhaupt. Die Route liegt an der Ostwand des Central Tower, einem der drei Granittürme namens Torres del Paine. Die Wand erstreckt sich über 1200 Meter – höher als der El Capitan. Die Kletterei dauert Tage, ja Wochen. Die Wand ist senkrecht, an gewissen Stellen überhängend. Nur erfahrene Alpinistinnen und Alpinisten bezwingen die Route im neunten Schwierigkeitsgrad nach der UIAA-Skala. Gefragt sind körperliche Kraft und Ausdauer, mentale Stärke und logistisches Geschick.Die deutsche Kletterin Amelie Kühne, 24 Jahre alt, hat viel Erfahrung mit schwierigen Wänden – unter anderem hat sie den El Capitan in den USA bezwungen.Julia CassouKein Bodenkontakt, keine PrivatsphäreNorth und ihr Team beschreiben Big-Wall-Klettern als «geniales Abenteuer». Doch sie wussten: Wollen sie diese riesige Wand klettern, benötigen sie viel Zeit. Während andere Alpinisten Geschwindigkeitsrekorden hinterherjagen, gilt für sie: je länger, desto besser.Entsprechend viel Material nahmen sie mit: unter anderem 400 Meter Statikseil, an dem sie das Material hochzogen, Verpflegung für zwanzig Tage, Kleidung für jede Witterung. Der Einstieg in die Route war nur über einen zehnstündigen Fussmarsch erreichbar, tagelang schleppten die Frauen fast 300 Kilo Gepäck Richtung Felswand. Danach fixierten sie die ersten Seillängen mit Statikseilen in der Wand, damit sie die Transportsäcke, die sogenannten Haulbags, nach oben ziehen konnten.Sie übernachteten in einer winzigen Höhle, beobachteten die Wand, analysierten Wind und Wetterwechsel. Der Steinschlag erwies sich als grosse Gefahr. Steine donnerten den Berg hinunter, einmal traf ein faustgrosser Felsbrocken Belén Prados. Unter starken Schmerzen entschied sie sich, die Wand zu verlassen und sich eine Nacht im Biwak auszuruhen.Nach drei Wochen Vorbereitung ging es erst richtig los. Im «capsule style» kletterten sie weiter, übernachteten zwei Wochen lang nur noch im Wandzelt. Bodenkontakt hatten sie von da an keinen mehr. In der Höhe wurde alles mühsamer: Kochen, Essen, selbst der Gang zur Toilette. Sie verrichteten ihr Geschäft in Tüten, die sie aus dem Nationalpark mitnahmen, um die Wand sauber zu halten. Privatsphäre? Gab es keine mehr.Wann immer es das Wetter erlaubte, gingen sie an die Wand und bauten die Route nach oben um einige Seillängen aus – oft mit Hammer und Schlaghaken, da die Risse im Felsen zu klein waren für die Klemmgeräte. North und Kühne nutzten ihre Erfahrungen aus dem Expeditionskader des Deutschen Alpenvereins.Der Weg zum Gipfel war beschwerlicher, als sie sich vorgestellt hatten. Und kurz bevor sie ihn erreichten, zog sich Amelie Kühne leichte Erfrierungen am Fuss zu. Die letzte Seillänge forderte sie noch einmal heraus: Die Griffe waren vereist, die Risse verschneit, die Luft eiskalt. Doch schliesslich, nach dreizehn Tagen in der Wand und fünf Wochen Expedition, standen sie auf dem Gipfel.Bilder Julia CassouAmelie Kühne, Belén Prados, Caroline North und Julia Cassou (von links nach rechts) suchen das Abenteuer – und müssen dafür manchmal leiden. Rechts kämpft sich Caroline North durch Schnee und Wind.Auch Reinhold Messner gratulierteAngesichts der Schwierigkeiten hätten sie zwar oft diskutiert. Aber gestritten nie, erzählen sie. North sagt: «Ich habe den Eindruck, dass man in Frauenseilschaften anders kommuniziert, offener sagt, wie es einem geht. Wenn man über seine Stärken und Schwächen offen spricht, kann man das nutzen.» Als Beispiel nennt sie ihren Zyklus, der die Leistung beeinflusst. Wenn sie ihre Periode hat, fürchtet sie sich mehr – und bittet die anderen, vorzusteigen.North beobachtet, dass es immer mehr Frauen in die Berge zieht, «es verändert sich gerade etwas», sagt die Bergführerin. Anspruchsvolle Expeditionen in reinen Frauenseilschaften sind aber noch immer eine Besonderheit. Und während in den USA das Big-Wall-Klettern auch bei Frauen an Beliebtheit gewinnt, ist die Disziplin in der Schweiz kaum verbreitet. Eine der erfahrensten Big-Wall-Kletterinnen ist die Bündnerin: 2018 bezwang sie gemeinsam mit der Amerikanerin Lynn Hill die Route «The Nose» im Yosemite-Nationalpark.Die Expedition von Norths Team zog in der Alpinistenszene deshalb viel Aufmerksamkeit auf sich: Klettermagazine griffen die Geschichte auf, in den sozialen Netzwerken erhielten Beiträge darüber Tausende Likes, auch der Bergsteiger Reinhold Messner gratulierte.Ende Februar stellten der Amerikaner Tommy Caldwell, einer der berühmtesten Big-Wall-Kletterer der Welt, und der Belgier Siebe Vanhee einen Rekord auf. Ihnen gelang es, die «South African Route» frei zu begehen – sie kletterten sämtliche Seillängen, ohne ihre Ausrüstung zur Fortbewegung zu benutzen, ohne zu fallen, in einem einzigen Tag.North sagt: «Was Caldwell und Vanhee geschafft haben, ist der Wahnsinn.» Die meisten könnten sich nicht vorstellen, was diese Leistung bedeute. Sie spricht von einem lustigen Zufall, dass sie zeitgleich unterwegs waren. Für sie und ihr Team bleibt ein solcher Rekord unerreichbar. Doch darum geht es ihnen ohnehin nicht: Wer länger unterwegs ist, erlebt mehr Abenteuer.NZZ Live-Veranstaltung: Zwischen Fels und Freiheit – mit Dani Arnold und Nadine WallnerExtrembergsteigen zwischen Rekordjagd und Risiko: Dani Arnold und Nadine Wallner sprechen über ihre Erfahrungen in den Steilwänden der Welt. Ein Einblick in die Psychologie des Alpinismus und den Umgang mit extremen Herausforderungen am Berg. Dienstag, 25. August 2026, 19.30 Uhr, Volkshaus, ZürichTickets und weitere Informationen finden Sie hier.Passend zum Artikel
13 Tage über dem Abgrund: Frauenseilschaft gelingt legendäre Route in Patagonien
Als erste Frauenseilschaft gelingt dem Team der Schweizer Bergführerin Caroline North die schwierige «South African Route». Dabei gehen sie manches anders an als Männer.







