Anja Blacha ist die erfolgreichste Höhenbergsteigerin Deutschlands. Die Fünfunddreißigjährige, geboren in Bielefeld, hat zwölf der 14 Achttausender erfolgreich ohne Flaschensauerstoff bestiegen. Zur Jahreswende 2019/2020 lief sie über gut 1300 Kilometer allein zum Südpol. In diesen Tagen ist sie auf dem Weg zum Gipfel des Lhotse, dem der Aufstieg zum 14. Achttausender, der Shishapangma, folgen soll. Ihre Berichte werden an dieser Stelle regelmäßig aktualisiert. Aufgezeichnet werden sie von Stephanie Geiger.Teil 12: Und nun zum WetterNeben der eigenen Konstitution ist das Wetter beim Höhenbergsteigen entscheidend für den erfolgreichen Aufstieg zum Gipfel. Es darf wegen der Lawinengefahr nicht zu viel Neuschnee haben und auch nicht zu viel Wind. Wie viel Wind tolerabel ist, hängt von der Höhe des Berges ab, der Routenexposition und ob man mit oder ohne Flaschensauerstoff unterwegs ist. Alison Hargreaves, eine britische Bergsteigerin, starb 1995 am K2 (8611 Meter). Sie hatte den Gipfel erreicht. Beim Abstieg zog schlechtes Wetter auf. Es wird vermutet, dass der Sturm sie vom Berg gefegt hat.Dass Expeditionen sich Wetterprognosen geben lassen, begann in vollem Umfang erst in den Nullerjahren. Der deutsche Höhenbergsteiger und Expeditionsveranstalter Ralf Dujmovits probierte das 1999 am Broad Peak (8051 Meter) aus. Mit dem Wetterbericht von Karl Gabl aus Innsbruck war seine Expedition die einzige erfolgreiche in dieser Saison.Heute geht fast niemand mehr ohne Wetterprognose. Hier im Basislager hat jede Expedition einen eigenen Meteorologen, die einen in Belgien, die anderen in der Schweiz. Einige Bergsteiger haben noch dazu eine eigene Quelle. Und andere hören auf eine Bergwetter-App, die aber eher willkürliche bis erratische Prognosen liefert, ähnlich einem Horoskop.Die Wettermodelle unterscheiden sich oft stark. Deshalb sind auch die Prognosen unterschiedlich. Da kann man dann auswählen, wem man mehr vertraut. Als ich bei der zweiten Rotation mit einem polnischen Bergsteiger im Lager drei war, bekam der aus Chamonix eine Prognose, die besagte, dass vom 11. bis 22. Mai keine Chance für einen Gipfelaufstieg bestehe.Seine Nerven lagen blank. Überhaupt gingen die Prognosen ziemlich durcheinander. Entsprechend war die Stimmung im Basislager. Ich bat Gabl um eine weitere Prognose. Sein Ausblick klang positiver als erwartet. Angesichts der Anspannung im Basislager war das nicht nur taktisch wichtig, sondern auch emotional.Aber auch in den folgenden Tagen gab es wegen des Wetters heftige Diskussionen. Klar war: Der Jetstream sollte sich über Nepal legen. Manche wollten ihn abwarten, andere sahen die Dringlichkeit, noch vorher die Fixseile bis zum Gipfel des Mount Everest (8848 Meter) zu verlegen. Dieser Strahlstrom mit seinen hohen Windgeschwindigkeiten, den die meisten vom Fliegen kennen, weil sich durch ihn die Flugzeit gerne mal verkürzt, ist bei Bergsteigern gefürchtet.Die Wetterprognose hat einen unglaublichen Wert. Im Essenszelt ist das Wetter Hauptgesprächsthema. Bei meinen ersten Achttausender-Expeditionen waren die Wetterprognosen ein heiliger Gral. Der Wetterbericht ist teuer, Wetterfenster wollte man für sich nutzen. Da wurde keinem anderen Team verraten, was der eigene Meteorologe sagt. Da war die Geheimniskrämerei groß.Und bei allen Vorhersagen kommt es auch darauf an, dass man als Bergsteiger selbst schaut, was am Himmel passiert. Am Dhaulagiri (8167 Meter) ziehen zum Beispiel regelmäßig am Nachmittag Wolken auf, und es schneit meist leicht.Bei all dem habe ich den Eindruck, dass der Luftdruck völlig unterbewertet wird. Während ich die eingeatmete Menge an Sauerstoff noch durch Hyperventilieren ausgleichen könnte, funktioniert bei zunehmender Höhe der Gasaustausch in der Lunge immer weniger, weil schlicht der Luftdruck fehlt. Von 12.000 Metern Höhe an würde selbst das Atmen reinen Sauerstoffs ohne künstlichen Druck nicht mehr zum Überleben reichen.Als ich 2021 den Everest ohne Flaschensauerstoff versucht habe, war gerade ein Zyklon im Anmarsch. Es hat sich deutlich härter angefühlt als vier Jahre später, als ich den Gipfel ohne Flaschensauerstoff erreichte. Je höher der Luftdruck, desto weniger hoch fühlt sich ein Berg an. Und an den ganz hohen Bergen zählt wirklich jeder einzelne Höhenmeter. Aber sicher kommen da auch noch andere Faktoren hinzu.Vom Lhotse (8516 Meter) heißt es, die Route sei vom Lager vier an nicht so sehr dem Wind ausgesetzt. Das werde ich bald erfahren. Wenn ich mir das Wetter für den Lhotse wünschen könnte: null Wind, strahlender Sonnenschein, und für milde Temperaturen nachts eine Wolkendecke, damit die Wärmeausstrahlung nicht zu groß ist.Teil 11: BergdiebeBis zum Bergschrund unterhalb der Lhotse-Flanke in etwa 6700 Meter Höhe mit Stöcken zu gehen, würde Sinn ergeben. Auch Reinhold Messner und Peter Habeler haben 1978 Stöcke benutzt, als sie auf den Mount Everest (8848 Meter) gestiegen sind. Aber dass der Stock noch an dem Ort steht, an dem man ihn zurückließ, das ist heute Glückssache. Deshalb bin ich ohne unterwegs.An Bergen mit Massendurchlauf wie Manaslu (8163 Meter), Makalu (8485 Meter) und Everest, wo vieles anonym ist, kommt immer wieder mal etwas weg. Das passiert am Dhaulagiri (8157 Meter) oder Kangchendzönga (8586 Meter) kaum. Mir ist am Kangchendzönga tatsächlich einmal ein Stock abhandengekommen, aber das war in einem Gruppendepot, und ich gehe davon aus, dass er vertauscht wurde, weil viele mit so einem Exemplar unterwegs waren.Besonders gefährdet am Everest sind die Sauerstoffdepots. Sauerstoff ist teuer, der Transport in 7950 Meter Höhe ins Lager vier aufwendig. Es kann extrem gefährlich sein, wenn man vom Gipfel zurückkommt, auf halbem Weg den hinterlegten Flaschensauerstoff erwartet, dann aber keinen vorfindet, weil er entwendet wurde.Viele Expeditionsteams sichern ihre größeren Sauerstoffdepots mittlerweile mit einem Stahlseil und einem Zahlenschloss. Im Notfall kann man mit den entsprechenden Teams Funkkontakt aufnehmen, sodass man trotzdem an Flaschensauerstoff kommt, wenn es um Leben und Tod geht.Kameradschaft ist wichtig in den Bergen. Manchmal aber wird sie auch ausgenutzt.Anja BlachaEinander gegenseitig auszuhelfen, gehört zur Kameradschaft am Berg. Kommt jemand ins Lager und man hat Schnee geschmolzen, bietet man dem anderen Wasser an. Man teilt Snacks, leiht sich die Schaufel, geht beim Zeltaufbau zur Hand. Es gibt aber auch Bergsteiger, die das ausnutzen. Sie kokettieren damit, dass sie nichts hätten und nichts bräuchten. Letztlich schnorren sie sich alles von anderen zusammen. Sie kennen die Route nicht, haben kein Zelt, keinen Funkkontakt und keine Wetterprognosen. Sie bitten um Lebensmittel und legen sich unabgestimmt in Zelte, die gerade nicht genutzt werden.Ich mag es nicht, wenn jemand ungefragt Zelt oder Schlafsack von mir nutzt. Am Nanga Parbat (8125 Meter) war ich 2023 zum ersten Mal autark mit meinen eigenen Sachen unterwegs. Eine Amerikanerin breitete sich einfach in meinem Zelt aus. Sie hatte stinkenden getrockneten Fisch dabei und als Teil ihres Depots dort hinterlassen. Unabhängige Bergsteiger sprechen sich oft ab und sparen sich so Arbeit. Das ist vielfach sinnvoll. Entscheidend ist – Notfälle ausgenommen – aber die Absprache. Sonst kann es vorkommen, dass spät am Tag die eigentlichen Besitzer des Zelts auftauchen und es eng wird.Umgekehrt habe ich hin und wieder auch schon in Zelten meines Expeditionsanbieters geschlafen. Vergangene Woche habe ich in der ersten Nacht im Lager drei ein Zelt benutzt, das die Sherpas schon aufgestellt hatten und das mir angeboten worden war. Mit einem anderen Bergsteiger habe ich es aus den Schneemengen der letzten Tage befreit, während unsere beiden eigenen kleinen Zelte nur noch als Kopfkissen für die Nacht dienten. Am nächsten Tag haben wir dann eine Plattform gegraben, um im Gegenzug ein weiteres Zelt für die kommerzielle Expedition aufzubauen.Kommerzialisierung und Professionalisierung reduzieren die Ressourcenknappheit und so zumindest einen Anreiz für Diebstahl am Berg. Ich vertraue deshalb darauf, dass alles noch da ist, wenn ich in den nächsten Tagen Richtung Gipfel aufsteige. Ich habe im Lager zwei (6400 Meter) ein Depot gemacht, das ist recht sicher. Ein Depot im Lager drei (7100 Meter) ist schon etwas unsicherer. Trotzdem habe ich auch dort eine Daunenhose, Socken, Handwärmer, Flaggen, Essensvorräte, Gaskartuschen, Topf und Kocher in einem Beutel verpackt hinterlassen.Teil 10: Oh Mann!„Wo ist dein Guide?“ Das wurde ich in den vergangenen Tagen, als ich für die Akklimatisation allein am Berg unterwegs war, mehrmals von Sherpas gefragt. Wenn ich dann erkläre, dass ich allein unterwegs bin, sind die Männer erst mal verwundert. Kurz darauf heißt es meist anerkennend: „Strong girl!“Insgesamt mache ich als Frau eher positive Erfahrungen. Mittlerweile kommt dazu, dass ich nach zwölf Achttausendern recht viel Erfahrung habe – meist mehr als andere bei den Expeditionen, was den Vergleich entspannter macht. Mein Eindruck ist, dass es für manche Männer schwierig sein kann, wenn sie am Berg womöglich langsamer und schwächer sind als ich, beispielsweise weil sie etwa die Höhe nicht so gut vertragen. Meine langjährige Erfahrung als Faktor mit einzubeziehen, macht es da einfacher, damit umzugehen.Heute sind mehr Frauen unterwegs als vor zehn Jahren. Für den Lhotse wurden in dieser Saison 35 Permits an Frauen und 85 an Männer vergeben. Kristin Harila, die Norwegerin, die innerhalb von 92 Tagen auf den Gipfeln aller 14 Achttausender stand, habe ich vor wenigen Tagen im Lager drei getroffen. Lenka Poláčková, die es schon ohne Flaschensauerstoff auf den Mount Everest geschafft hat, will diesmal mit ihrem Mann auf den Lhotse.Kristin Harila erreichte die Gipfel aller Achttausender binnen 92 TagenAPUnd dann gibt es da einen Expeditionsveranstalter, mit dem überdurchschnittlich viele Frauen unterwegs sind und bei dem der Beauty-Standard sehr hoch ist. In den frühen Tagen nach Gründung des Unternehmens wurden die limitierten Expeditionsplätze Gerüchten zufolge nicht zuletzt nach Aussehen und Influencer-Reichweite oder -Potential vergeben. In diesem Camp sind Lippenstift und Make-up weit verbreitet.Frauen, die ohne Sherpa unterwegs sind, gibt es dagegen leider derzeit wenige. Dabei glaube ich, dass es viel mehr Frauen könnten, wenn sie es sich nur zutrauten. Es hilft nicht weiter, Probleme und Barrieren zu sehen, wo keine sind, Kleinigkeiten überproportional zu vergrößern oder sich in der Opferrolle oder als benachteiligt zu sehen und Erwartungen an andere zu haben, statt bei sich anzufangen.Frauen haben nicht nur, aber doch einige physiologische Vorteile für das Höhenbergsteigen. Beispielsweise haben Frauen einen höheren Anteil an den ausdauernden Typ-1-Muskelfasern, eine effizientere Fettverwertung und ein stärkeres Immunsystem. Das alles sind Faktoren, die sich positiv auf Ultra-Ausdauerleistungen auswirken, wie sie auf mehrwöchigen Expeditionen in großer Höhe gefordert sind.Frauen haben eine effizientere Fettverwertung und ein stärkeres ImmunsystemAlex TreadwayKürzlich habe ich eine Studie gelesen, wonach praktisch alle der gemessenen Regenerations- und Anpassungsprozesse auf zellulärer Ebene bei Frauen schneller und effizienter ablaufen – egal ob sie strapazierte Mitochondrien, Mikrobiom-Destabilisierung oder DNA-Schäden durch extreme UV-Belastung betrafen. Und im Laufsport sehen wir: Während Frauen auf Kurzstrecken kaum mit Männern mithalten können, holen sie immer mehr auf, je länger die Strecke ist.Auch wenn ich insgesamt viel positive Resonanz erfahre, gab es auch Erlebnisse, die nicht so schön waren. Die Teamdynamik meiner Everest-Expedition 2017 war anspruchsvoll. Der Everest war mein erster Achttausender, mit Flaschensauerstoff und Sherpa-Unterstützung – genauso wie für alle anderen im Team. Trotzdem erschien es mir ungleich schwieriger, meiner Stimme in der Expeditionsplanung Gehör zu verschaffen.Mit den Sherpas habe ich mich allerdings sehr gut verstanden. Die haben mich direkt aufgenommen, einer von ihnen war es dann auch, der mich dazu bewegte, 2019 mit an Broad Peak und K2 zu kommen. Es gab und gibt viele großartige Männer, die mich auf meinem Weg unterstützt haben und weiterhin bestärken und die sich wünschen, dass Frauen gleichberechtigt und selbstbestimmt ihren Weg gehen.Teil 9: Müll am BergAm Freitag bin ich von meiner zweiten Rotation ins Basis­lager zurückgekommen. Ich war zwei Nächte im Lager 3 in 7100 Meter Höhe. Die Route durch den Eisbruch wird immer besser. Es gibt jetzt eine zweite Brücke aus mehreren Leitern und weiter weg vom kritischen Sérac eine Abseilstelle. Mittlerweile sind da auch riesige Tritte von allen, die dort schon durchgelaufen sind.Beim Abstieg hatte ich nicht nur meinen Müll im Rucksack. Seit diesem Jahr sind sogenannte Wag-Bags Pflicht am Berg, in denen die Fäkalien ins Basislager zurückgebracht werden müssen. In den Wag-Bags sind kleine weiße Kügelchen, die Feuchtigkeit aufsaugen, dazu Handdesinfektionsmittel sowie Toilettenpapier. In einem zweiten Beutel mit Ziplock lässt sich das alles luft- und geruchsdicht ver­packen und im Basislager entsorgen.Alle Wag-Bags sind mit einer Seriennummer versehen, die bei der Rückkehr vermerkt werden sollte. Endlich wurden die Wag-Bags Pflicht. Die Menge an Bergsteigern ist das Problem. In diesem Jahr wurden 492 Permits für den Everest und 120 für den Lhotse vergeben. Es gibt Bergsteiger, die sich an beiden Bergen versuchen. Geschätzt sind noch einmal so viele einheimische Führer, Hochträger und Küchenkräfte am Berg. Man kann sich vorstellen, was das bedeutet, wenn sie mehrere Tage oberhalb des Basislagers unterwegs sind.Besonders der Mount Everest steht im Ruf, ein Müllberg zu sein. Das ­Lager 4 auf dem Südsattel ist eine ­Katastrophe. Als ich im vergangenen Jahr einen Spaziergang durch das Lager in fast 8000 Meter Höhe gemacht habe, fand ich alles Mögliche: vom Sturm zerrissene Zelte, Sauerstoff­flaschen, leere und nagelneue Gaskartuschen, Proteinriegel, Trockenrationen, Schokomüsli, Tofu. Da bleibt wirklich alles liegen. Auch ­Fäkalien.„Alle, die von der Couch aus urteilen, sollten gerne auch mit offenen Augen durch ihre Stadt gehen.“Anja BlachaIm Lager 4 am Lhotse, in dem ich vergangenes Jahr auch war und zu dem ich bald wieder aufsteige, lag ein nagelneuer Helm. Den habe ich einem Sherpa im Basislager mitgebracht. Die Teams haben dort auch Reißverschlüsse an Zelten offengelassen. Das hatte ganz klar ein Ziel: Die Zelte sollten schneller mit Schnee vollgeweht und dann darunter begraben werden.Dass Sachen zurückbleiben, passiert schnell – wenn man erst denkt, man würde noch einmal aufsteigen, es dann aber lässt, weil etwa das Wetter nicht mehr passt. Für Waffeln und ­Tüten mit Karamellbonbons, wie ich sie im vergangenen Jahr im Lager 3 gefunden habe, noch einmal aufzusteigen, das macht niemand, schon gar nicht, wenn die Lawinengefahr groß ist. Die Sachen waren eindeutig von deutschsprachigen Bergsteigern. Sie wurden zu Müll am Berg.Kritik daran ist berechtigt. Es passiert aber auch leicht, dass einem durch den Sturm etwas aus der Hand gerissen wird, man es mit den dicken Handschuhen nicht schafft, zum ­Beispiel die Kokosriegelfolie in die Jacken­tasche zu stopfen. Alle, die von der Couch aus urteilen, sollten gerne auch mit offenen Augen durch ihre Stadt gehen. Wo da überall Müll liegt, obwohl es an jeder Ecke Mülleimer gibt, ist ebenfalls ärgerlich.Gerade in ­Pakistan habe ich beobachtet, wie Einheimische leere Dosen und Flaschen nur liegen lassen. Ich erinnere mich an Armeecamps, da wurde von Dieselkanistern über Blechdosen bis zu mit Blut getränkten Mullbinden alles in der Natur entsorgt. Mir hat eine achtlos zurückgelassene Cola-Flasche aber auch schon den Weg gewiesen, wenn ich nicht genau wusste, wo die Route weiter verläuft.Am Mount Everest wurden sogar Tote zu Wegweisern. Auf der Nordseite gab es den Leichnam eines Bergsteigers mit grünen Stiefeln. Er wurde zwischenzeitlich an einen anderen Ort gebracht, ist aber noch immer am Berg. Am Südgrat muss man sogar über einen Toten drübersteigen. Es ist an dieser Stelle, auf 8790 Meter, schwierig, ihn wegzubringen.Teil 8: Sherpa PowerIn Kommentaren lese ich regelmäßig den Vorwurf, die Einheimischen würden ihr Leben für uns Bergsteiger riskieren oder sogar wegen uns sterben. Ja, Expeditionen sind ein riskanter Job. Und ja, ich habe in den vergangenen Jahren Männer kennengelernt, für die Expeditionen eine zugleich ungeliebte und auch bevorzugte Möglichkeit sind, Geld zu verdienen und den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu sichern.Diese Männer sind oft schon älter, und sie machen das seit sehr vielen Jahren. Sie hoffen, dass ihre Kinder die Arbeit als Träger, Küchenkraft oder Führer nicht mehr machen müssen. Aber die Zeiten, in denen Sherpas – die meisten gehören tatsächlich der Volksgruppe an, die um das Jahr 1500 aus Tibet eingewandert ist und sich in der Everest-Region niedergelassen hat – bereit waren, große persönliche Risiken für zahlende Kunden auf sich zu nehmen, sind vorbei.Hier in unserem Camp gibt es viele junge und auch ältere Männer, die voller Freude auf hohe Berge steigen. Jangbu Sherpa zum Beispiel. Er lebt das Jahr über in der amerikanischen Stadt Seattle, wo er Bergsteiger etwa auf den Mount Rainier (4392 Meter) führt. Während der Saison kommt er nach Nepal und übernimmt dort nur private Expeditionen mit langjährigen Kunden. Damit hat er ein gutes Einkommen.Es gibt aber auch junge zertifizierte Bergführer wie Vinayak Malla, die durch Expeditionen das Bergsteigen lernen und dann in ihrer Freizeit selbst eigene Expeditionen machen und auf schwierigen Routen auf hohe Berge steigen.Ich denke besonders an Dipan Gurung, Jahrgang 2001. Er hat 2022 mit dem Bergsteigen angefangen. Vorher war er Felskletterer. Dipan macht das aus purer Freude, und weil er Spaß an der Herausforderung hat. Als er dieses Jahr mit einem kleinen Team nach einer Route durch den Khumbu-Eisbruch gesucht hat, hat er hinterher den ganzen Tag gestrahlt, weil ihm die Herausforderung so viel Energie gegeben hat.Im Winter war er zur Fortbildung in Indien, hat dort Bergsteigerkurse absolviert. Und mittlerweile hat er sogar einen ersten Sponsor. Irgendwann will er sein eigenes Business gründen, wie er mir erzählt hat. Das finde ich toll, so etwas beeindruckt mich.Mir fällt überhaupt auf, dass immer mehr Sherpas sich nach einigen Jahren selbständig machen. Es gibt in den vergangenen Jahren viel mehr kleinere Expeditionsagenturen. Das sieht man hier im Basislager ganz deutlich.Der Umgang mit den Sherpas ist sehr unterschiedlich. Manche Kulturkreise sind dafür bekannt, dass sie den Sherpas gerne Befehle erteilen. Sie sehen in ihnen bezahlte Lastenträger. Umgekehrt gibt es Kunden, die die Sherpas reich beschenken und ihnen ein großes Trinkgeld geben.Und manchmal erwächst aus dem Bergsteigen sogar noch mehr. In den vergangenen Jahren haben sich auch „Gspänli“ gefunden, wie man in der Schweiz sagen würde, wo ich seit einigen Jahren lebe. Sophie Lavaud zum Beispiel aus der Schweiz ist weiterhin mit Dawa Sangay Sherpa in den Bergen unterwegs, mit dem sie auch schon auf einige Achttausender gestiegen ist.Und Adriana Brownlee, die Britin, die als jüngste Frau auf dem Gipfel des K2 (8611 Meter) stand, hat mit Gelje Sherpa, mit dem sie bereits an einigen Gipfeln erfolgreich war, jetzt sogar eine eigene Expeditionsagentur gegründet.Teil 7: Keine LimitsDie lange Zeit, die ich im Basislager (5370 Meter) verbracht habe, hat sich bezahlt gemacht. Mein Körper ist schon an die Höhe gewöhnt. Drei Nächte war ich jetzt im Lager 2 auf 6400 Meter Höhe. Es war mein erster Aufstieg am Berg, siebeneinhalb Stunden habe ich dafür gebraucht. Weil praktisch nur Sherpas unterwegs waren, bildeten sich an den schwierigeren Passagen im Khumbu-Eisbruch keine Staus. In diesem Jahr ist eine Spalte so groß, dass die Icefall Doctors fünf Leitern zusammenbinden mussten, um sie zu überwinden.Am Mount Everest und am Lhotse ist Lager 2 quasi ein vorgeschobenes Basislager. Alle größeren Teams platzieren dort eine eigene Küchenmannschaft samt Essenszelt. Neben mir ­waren schon einige Sherpa-Teams dort, um mit dem Material, das im vergangenen Jahr oben deponiert worden war, und neu hochgetragener Ausrüstung das Lager 2 einzurichten.Anja Blacha ist nach ihrem ersten Aufstieg am Berg zurück im Basislager angekommen.Anja BlachaIch hatte nicht viel zu tun. Ich bin ein bisschen herumspaziert, habe im Zelt gedöst und Schnee geschmolzen. In der Höhe muss man sehr viel ­trinken. Trockene Luft und verstärkte ­Atmung führen zu schneller ­Dehydrierung. Das Blut wird dickflüssiger, der Sauerstofftransport dadurch erschwert. Das Risiko für ein Höhenödem steigt.Bei meinen Aufstiegen am Berg bin ich auf mich allein gestellt. Ich nutze natürlich die Leitern im Khumbu-Eisbruch und die Fixseile dort und im weiteren Verlauf. Für alle Fälle habe ich einen Funkkontakt im Basislager und sei es nur für ein Update der ­Wetterprognose.Kürzlich habe ich gehört, dass einer Frau aus Indien ein besonderes Angebot gemacht wurde. 500.000 Dollar würde ihre Expedition auf den Mount Everest kosten. Das ist das Maximal-Angebot mit zehn Sherpas, zwei ­Ärzten, unbegrenzten Hubschrauber­flügen ins Basislager und unlimitiertem Flaschensauerstoff. Ob sie das Angebot annehmen wird, steht noch aus.Wer nach oben will, muss früh aufbrechen: Bei Sonnenschein wird es in der Höhe schwer erträglich.Anja BlachaBei der Zahl der Sherpas, die die Bergsteiger begleiten, gibt es Abstufungen. Auch private Domzelte mit mehr Platz kosten mehr. Diese Zelte haben manchmal sogar einen Luft­befeuchter gegen den Hustenreiz in der trockenen Luft. Am Makalu (8485 Meter), wo sauberes Wasser ein Problem ist, habe ich erlebt, dass eine Bergsteigerin sich abgefülltes Wasser mit dem Hubschrauber hat einfliegen lassen. Sogar der Reis wurde für sie mit diesem Wasser gekocht. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt.Früher gab es auch Expeditionen, bei denen man zwar selbständig unterwegs war, ein Hochträger-Team aber das Hochlager vorbereitet hat. Da ist man als Expeditionsteilnehmer ins gemachte Lager gekommen und musste sich nur noch ins Zelt legen. So etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Und dann gibt es auch Expeditionen, die einen internatio­nalen Bergführer dabeihaben. Das ist aber nicht unbedingt immer die beste Konstellation. Ich habe schon erlebt, dass dieser Bergführer sich vor Ort überhaupt nicht ausgekannt hat und nicht einmal wusste, welcher der ­vielen Berge eigentlich sein Ziel ist.Meine Art der Expedition ist ein Low-Cost-Modell. Den Service vieler anderer habe ich nicht. Zelt aufbauen, zuvor eine Plattform vorbereiten, auf der das Zelt steht, Schnee schmelzen und den Transport der gesamten Ausrüstung, das übernehme ich selbst.Am Samstag bin ich ins Basislager zurückgekehrt. Dafür bin ich um fünf Uhr aufgestanden. Trotz einiger Gesprächspausen habe ich nicht einmal drei Stunden hinunter gebraucht. Den Eisbruch durchquerte ich, ehe er von der Sonne erreicht wurde und Schneebrücken sowie Séracs durch die Wärme der Sonne instabiler wurden. Jetzt genieße ich ein paar Tage den Komfort im Basislager. Es gibt eine Dusche und Toiletten. Hier wird ­natürlich auch für mich gekocht. Und auch die Siebträgermaschine ist inzwischen repariert. Gegen guten Kaffee habe ich jetzt nichts einzuwenden.Teil 6: Die Hilfe der GötterWir hatten heute die Puja. Viele Sherpas würden vor dieser religiösen Zere­monie, die der Expedition Wohlergehen bringen soll, nicht aufsteigen. Es ist eigens ein buddhistischer Lama in unser Camp gekommen. Von sechs Uhr morgens an verzierten Sherpas einen Steinaltar mit Gebetsfahnen und goldenen Tüchern. Süßigkeiten, Gebäck und Obst wurden als Gaben ausgelegt. Wir haben unsere Stiefel, Helme, Steigeisen und Pickel an den Altar gelegt und segnen lassen.Mit der Puja werden die Erlaubnis und das Wohlwollen der Götter erbeten, den Berg besteigen zu dürfen. Dahinter steht der Gedanke, dass wir Bergsteiger Gäste sind am Berg, von ihm geduldet werden, er zulässt, dass wir auf ihn steigen, auch wenn es nicht unser Terrain ist. Als Darbietung werfen die Teilnehmer Reis in die Luft und bestreichen sich, um Glück zu ersuchen, gegenseitig das Gesicht mit Tsampa, dem für die Gegend typischen Gerstenmehl. Auch Halsbänder wurden uns umgelegt, die Glück ­bringen sollen. Manche trinken auch ­Raksi, den typischen Schnaps, oder Whisky, Rum oder Bier.„Ich wiege meinen Rucksack nie, das ist wohl auch besser so“, sagt Anja Blacha über ihre Expeditionen.Anja BlachaIch bin froh, dass es jetzt losgehen kann mit der Höhenanpassung am Berg. Seit Wochen hatten die Icefall Doctors aus Sicherheitsgründen ­wegen eines Séracs, eines Eisturms, ­keine Fixseile und Leitern durch den Khumbu-Eisbruch angebracht. Es gab Krisensitzungen in Kathmandu und im Basislager.Mingma G, ein sehr erfahrener Sherpa, mit dessen Agentur ich unterwegs bin, hat sein Netzwerk in Gang gesetzt. Er war die treibende Kraft. Jetzt ist der Eisbruch versichert. Am Dienstag haben es die Sherpas zum Lager 2 geschafft. Bei den Rotationen bringe ich Ausrüstung auf den Berg, die ich dann für die nächsten Aufstiege oben lasse.Der Rucksack ist so gut wie gepackt. Zelt, Matte, Schlafsack, Kocher, Gas, Lebensmittel. Ich beneide zumindest beim Packen all jene, denen es in der Höhe den Appetit verschlägt. Die müssen nicht so viel zu essen mitnehmen. Ich wiege meinen Rucksack nie, das ist wohl auch besser so. Zehn Kilogramm sind es mindestens.Mit dem schweren Gepäck werde ich morgen bestenfalls ins Lager 2 in etwa 6400 Meter Höhe aufsteigen. Alles hängt von meiner Verfassung ab. Vielleicht bleibe ich eine, vielleicht zwei oder ­sogar drei Nächte am Berg. Die letzten Male bin ich erst gegen fünf Uhr morgens gestartet. Heute Nacht will ich schon um zwei Uhr los. Je später ich starte, desto mühsamer wird es. Ab Lager 1 wird es bei Sonnenschein unerträglich. Im Western Cwm, dem Hochtal, das sich vom oberen Rand des Khumbu-Eisbruchs bis an den Fuß des Lhotse erstreckt, es wird auch „Tal der Stille“ genannt, ist es sehr warm und meist windstill.Als ich das 2021 erstmals erlebt habe, war ich zwar informiert darüber, aber dass es so unangenehm sein würde, hatte ich nicht erwartet. Wenn der Himmel klar ist, die Sonne scheint, kein Wind weht, ist es heiß und mühsam. Dabei geht es dort nicht mal richtig bergauf. Morgen werden auch einige Sherpas aus meinem Camp aufsteigen und Ausrüstung nach oben bringen. Wahrscheinlich ist auch Bartek Ziemski unterwegs, ein polnischer Bergsteiger, der mit Ski vom Lhotse abfahren möchte.Bin ich alleine unterwegs, klippe ich mich noch gewissenhafter in die Fixseile ein. Dafür verwende ich meist einen einfachen Karabiner und an Steilpassagen entweder einen ­Abseilachter, ein Sicherungsgerät, das man auch beim Klettern verwendet, oder eine Jumar-Steigklemme. Die wenige zusätzliche Zeit, die ich für das Einklippen brauche, nehme ich mir.Ich habe im vergangenen Jahr erlebt, wie wichtig das ist, umso mehr, wenn man alleine unterwegs ist. Ein Bergsteiger hat das an der Annapurna wohl nicht gemacht. Er stürzte und hatte Glück im Unglück. Er fiel in eine Gletscherspalte. Er hätte aber auch hunderte Meter den Berg hinabstürzen können. Er wurde schwer verletzt.Teil 5: Die Frage des RisikosDie Icefall Doctors, die die Route durch den Khumbu-Eisbruch suchen und versichern, haben vor über zwei Wochen die Arbeit eingestellt. Das Problem ist ein 30 Meter hoher Eisturm, ein sogenannter Sérac. Bricht dieser Sérac zusammen, können Menschen, die sich gerade in dieser Passage befinden, unter Eismassen begraben werden.Am vergangenen Mittwoch hieß es dann, die Icefall Doctors würden noch bis Ende dieser Woche mit ihrer Arbeit pausieren. Deshalb brodelte zuletzt die Gerüchteküche im Basislager. Es war zu hören, die Regierung würde die Expeditionen ganz stoppen wollen. Andere meinten, man verzögere die Sache nur, damit Bergsteiger, die sich jetzt nicht weiter akklimatisieren konnten, Genehmigungen für niedrigere Berge kaufen und auf Island Peak (6189 Meter) oder Lobuche (6119 Meter) ausweichen.Ich habe mir die Passage am Freitag mit zwei anderen Bergsteigern angeschaut. 2021, als ich zum ersten Mal von der Südseite auf den Mount Everest (8848 Meter) gestiegen bin, war die Route durch den Eisbruch insgesamt viel gefährlicher, so mein Eindruck. Mir scheint die Route diesmal auch problemloser als im vergangenen Jahr. Die Schneeauflage ist gut, es gibt nur kleinste Gletscherspalten, nicht eine davon musste bisher mit einer Leiter überbrückt werden. Wie gut die Routenführung bis auf 5900 Meter aktuell ist, lässt sich wohl am besten daran erkennen, dass einer aus der Gruppe die Route direkt in einem Durchgang auf Skiern abfuhr.Wir sind an einem Berg unterwegs. Da gibt es Gefahren. Es gehen immer mal wieder Lawinen ab, und auch Eisblöcke brechen ab und liegen auf manchen Streckenabschnitten. Wie akzeptabel ein Risiko ist, bleibt immer auch eine subjektive Einschätzung. Dabei mag die persönliche Risikobereitschaft durchaus höher sein, als wenn man Verantwortung für nachfolgende Bergsteiger trägt.Expedition Lhotse: Anja Blacha berichtet für die F.A.Z. aus dem HochgebirgeIch beobachte, dass ausländische Bergsteiger sich zunehmend in eine passive Rolle einordnen, den Expeditionsveranstaltern und ihren Sherpas die Entscheidungen überlassen. Umso mehr noch, wenn sie sich im Kollektiv der Gruppe verstecken können. Ich gehöre derzeit sicher nicht zu den einflussreichsten Personen im Basislager, aber ich versuche trotzdem, ein paar Leute anzustupsen, sie mit Informationen zu versorgen, und ich hake auch nach. Ich versuche, Impulse zu geben, will mich nicht allein darauf verlassen, dass andere irgendwelche Entscheidungen treffen.Würde ich, wenn es notwendig ist, nicht hin und wieder pushen, wäre ich im vergangenen Jahr nicht auf den Dhaulagiri (8167 Meter) gekommen. Und am Kangchendzönga (8586 Meter) war es 2024 ähnlich. Da waren die Expeditionen schon beendet. Auch ich war schon zurück in Kathmandu. Und dann konnte ich noch einmal ein Team zusammenstellen, und wir sind Anfang Juni noch einmal an den Berg.Einen gewissen Druck zu spüren, empfinde ich grundsätzlich als positiv. Es bedeutet, dass ich am richtigen Ort bin, dass es mir wichtig ist, hier erfolgreich zu sein. Druck erzeugt die Energie und Anspannung, die ich brauche, um in hohem Maße leistungsfähig zu sein. Aber ich mache mich frei davon, meinen Selbstwert über das Erreichen eines Berggipfels zu definieren.Angesichts der Ungewissheiten und Verzögerungen steigt der Druck bei mir langsam. Weil ich noch Zeit habe, ist es aber noch nicht schlimm. Ich muss am Lhotse nicht so gut akklimatisiert sein wie am Mount Everest, der 300 Meter höher ist, deshalb bin ich noch nicht auf der kritischen Timeline. Aber es ist natürlich noch unklar, ob ich den Gipfel des Lhotse in dieser Saison erreichen werde. Und damit auch, ob ich im nächsten Frühjahr vielleicht wieder am Lhotse sein werde oder andere Termine wahrnehmen kann. Bei aller Toleranz für Unsicherheit stehe ich jetzt im Konflikt mit dem Wunsch nach Verbindlichkeit.Teil 4: Anpassung an das Leben in der HöheWeil ich ohne Flaschensauerstoff unterwegs bin, ist die Höhenanpassung entscheidend für den Erfolg meiner Expedition. Ich habe zwar ein Hypoxie-Zelt zuhause, mit dem ich den Sauerstoffmangel in größeren Höhen simulieren kann. Man schläft aber schon allein wegen des Zelts und des Geräuschpegels nicht so gut darin. Weil ich nicht schon zuhause ungemütlich schlafen will, nutze ich es nur selten.Für die Höhenanpassung ist es am effektivsten, wenn ich zu Fuß zum Basislager gehe, auf diese Weise langsam an Höhe gewinne und dann Rotationen am Berg mache. So gewöhne ich den Körper auch an die hypobare Umgebung, also den verminderten Luftdruck, was deutliche Vorteile gegenüber der normobaren Akklimatisierung im Höhenzelt daheim hat. Das heißt, ich bleibe erst im Basislager und gewöhne mich an die Höhe, steige zum ersten Hochlager auf, trage Ausrüstung wie Zelt, Schlafsack und Kocher hinauf, schlafe dort oben und steige wieder ins Basislager ab. Beim nächsten Mal steige ich dann zum Lager 1 und weiter zum Lager 2. Ziel dieser Rotationen ist, dem Körper einen Impuls zu geben, weniger Sauerstoffzufuhr und geringeren Luftdruck auszuhalten und im Basislager wieder zu regenerieren.Ich würde jetzt gerne mit diesen Rotationen beginnen, doch die Arbeiten an der Route durch den Khumbu-Eisbruch, in dem ein Sherpa-Team jede Saison Leitern und Seile anbringt, um Gletscherspalten und Eisabbrüche zu überwinden, verzögern sich. Also bleibe ich im Basislager auf Stand-by.Man sieht wenig, hört aber viel über Medikamente am Berg. Es gibt Trekking- und Expeditionsveranstalter, die Diamox, das bei der Höhenanpassung unterstützen soll, vom ersten Tag an empfehlen. Wir hatten gerade eine Trekkinggruppe für eine Nacht bei uns im Basislager zu Besuch, deren Teilnehmer sehr freizügig Diamox und Co. eingenommen haben.Eine regelrechte Zeltstadt auf über 5000 Metern Höhe: Im Basislager herrscht reger Betrieb.Anja BlachaAm K2 (8611 Meter) war ich mal mit einem Amerikaner unterwegs. Er war sehr sportlich und ambitioniert, hatte es im Jahr vorher aber nicht auf den Gipfel geschafft. Medizin gehörte für ihn dazu. Er hat sich meinem Tempo angeschlossen und gesehen, dass mein „go slow to go fast“ ungemein hilft.Ich will spüren, wie mein Körper mit der Höhe klarkommt und wie es mir geht, deshalb nehme ich am Berg keine Medikamente. Ein einziges Mal habe ich ein Aspirin genommen, weil es mir nicht gut ging, sich eine Erkältung anbahnte. Hinterher ging es mir noch schlechter. Das war am Broad Peak (8051 Meter). Seither nehme ich nichts mehr. Ich habe aber immer etwas für den Notfall dabei. Dexamethason, ein Notfallmittel gegen ein Höhenhirnödem, als Ampulle und auch in Tablettenform, Nifedipin, das für die Behandlung bei einem Höhenlungenödem verwendet wird, Diamox, Paracetamol und Ibuprofen.Am Makalu hatte ich im Jahr 2024 relativ zur Höhe die kürzeste Höhenvorbereitung. Ich stand nach 23 Tagen auf dem 8485 Meter hohen Gipfel. Auch der Aufstieg auf die Annapurna (8091 Meter) im vergangenen Jahr war sportlich: Insgesamt waren es 18 Tage von Kathmandu bis zum Gipfel. Und am Manaslu (8163 Meter) waren es nur 15 Tage. Bin ich nicht gut an die Höhe angepasst, bin ich auf den höheren Etappen zunehmend langsamer und kälteempfindlicher.Es heißt, der Körper erinnere sich an die Höhe. Aus der persönlichen Beobachtung bin ich da unsicher. Ich habe solche und solche Erfahrungen gemacht. Es gibt wohl einen Erinnerungseffekt bei der Muskulatur, beispielsweise bei den Quermuskeln an den Rippen. Das trainiert man über die Zeit. Auch die durch das Bergtraining verbesserte Kapillarisierung, also die Versorgung der Muskeln durch Blutgefäße, bleibt recht lange erhalten. Aber der Vorrat an roten Blutkörperchen, den man sich in der Höhe zulegt, ist schon zwei, drei Wochen nach einer Expedition wieder abgebaut.Teil 3: Das Leben im BasislagerMount Everest (8848 Meter), Lhotse (8516 Meter) und Nuptse (7861 Meter) bilden eine Art Hufeisen. An ihrem Fuß liegt in etwa 5300 Meter Höhe das Basislager auf dem Khumbu-Gletscher. Als ich vor etwas mehr als einer Woche hier angekommen bin, war ich in dieser Saison eine der ersten internationalen Bergsteigerinnen. Langsam werden es mehr. Vorgestern ist ein Chinese angekommen, der mit derselben Agentur unterwegs ist wie ich. Ein Kanadier ist seit gestern hier. Es gibt Schätzungen, wonach das Basislager bis zu 2000 Menschen beherbergt.Noch ist es eine Baustelle. Der Khumbu-Gletscher ist keine ebene Fläche. Auf der Stein- und Eislandschaft, die aussieht wie ein erstarrtes aufgewühltes Meer, entsteht jedes Jahr ein Dorf aus Zelten. Bei meinem Spaziergang durch das Lager ist mir aufgefallen, dass die Zahl der großen Domzelte pro Expedition Jahr für Jahr zunimmt. Dort sind die Cafés untergebracht, die Fernsehlounge oder Couchbereiche zum Entspannen. Für VIP-Kunden gibt es bisweilen auch kleinere private Domzelte. Ich habe ein gelbes Box-Tent, ein Steilwandzelt. Eine Expedition hat eine Terrasse aus Holz auf den Gletscher gebaut, darauf wurde Kunstrasen ausgelegt. Zwar darf der Gletscher nicht mehr stark eingeebnet werden, ob das aber immer so genau umgesetzt wird?Kunstrasen auf dem Boden, bequeme Sitzgelegenheiten, eine (derzeit kaputte) Siebträgermaschine: Der Ausblick im Café des Basislagers ist gewaltig.Anja BlachaIn diesem Jahr sind nur noch drei Hubschrauberlandeplätze zugelassen. Aber ob drei, fünf oder zehn – für den Geräuschpegel ist das egal. Von morgens um sechs an dröhnt es, dann ist Dauerlärm den ganzen Vormittag.Während des Trekkings habe ich mich riesig auf das Basislager gefreut. Nicht einmal auf eine Dusche müssen wir hier verzichten. Dafür gibt es ein kleines Zelt, das von der Sonne schön aufgewärmt wird. Möchte ich duschen, sage ich das der Küchenmannschaft. Eine halbe Stunde später habe ich warmes Wasser in einem Eimer und eine Kelle. Mir ist das lieber als die Campingdusche mit dem Beutel. Wäschewaschen funktioniert übrigens analog. Dafür bekommt man Schüsseln zum Waschen und Spülen.Ich lebe mit dem zirkadianen Rhythmus. Die Sonne geht im Basislager gegen halb sechs auf, um halb sieben geht sie unter. Ich stehe ein, zwei Stunden nach Sonnenaufgang auf. Im Moment habe ich zwei Köche für mich allein. Zum Frühstück machen sie mir Porridge, Reispudding oder Müsli. Es gibt Eier, Gemüse, Obst, Masala-Tee. Mittags gibt es etwa Salat, Kartoffeln, Gemüse. Am Abend erst eine Suppe mit Croutons oder Popcorn, kürzlich hatte ich frische Kürbiscremesuppe, anschließend zwei oder drei verschiedene Kohlenhydratspeisen, mit Käse gefüllte Teigtaschen, Reis, Pasta, Kartoffelpuffer, dazu Gemüse. Und noch Obst zum Nachtisch. Das ist der absolute Food-Overload. Im vergangenen Jahr hatten wir auch ausgezeichneten Kaffee. Weil die Siebträgermaschine kaputt ist, gibt es derzeit aber nur Wasser und Tee.Anja Blacha schaffte es schon als 26-Jährige auf den Gipfel des Mount Everest und ist aktuell auf dem Weg zum Gipfel des Lhotse.Picture AllianceFür die Besteigung kann ich im Moment nicht viel tun. Die Icefall Doctors, die die Fixseile verlegen, haben noch keine ausreichend sichere Route durch den Eisbruch des Khumbu-Gletschers gefunden. Heute Vormittag war ich auf dem Kala Patthar (5675 Meter), einem Vorgipfel des Pumori (7161 Meter), eine fünfstündige Wanderung. In den vergangenen Tagen habe ich Telefonate geführt, E-Mails beantwortet, Vorträge abgestimmt. Weil Dawa Sonam, einer der Sherpas im Basislager, im vergangenen Winter in Österreich gearbeitet hat und gerade Deutsch lernt, versuche ich nun, jeden Tag mit ihm zu üben.Die Zeit geht schnell vorbei. In dieser Höhe braucht alles ein bisschen länger, alles geht etwas langsamer. Die Entschleunigung hat aber auch ihr Gutes. Die kleinen Dinge, Momente und Interaktionen rücken in den Fokus und lassen einen viel bewusster wahrnehmen, was es für einen erfüllten Tag braucht – oder eben auch nicht.Teil 2: Gut eingepacktUm nichts zu vergessen, habe ich Packlisten. Ich nehme die Liste vom letzten Mal und streiche, was ich nicht gebraucht habe. Den Daunenanzug habe ich diesmal zu Hause gelassen. Ich hatte ihn als Back-up bei allen Expeditionen dabei. Es ging aber auf den letzten zehn Gipfeln ohne. Ich bin am Berg lieber mit einer zweiteiligen Kombination aus Daunenjacke und Daunenhose unterwegs.Auf meiner Packliste stehen rund 250 Dinge. Zelt, Kocher und Topf, eine Matte für die Hochlager, Klettergurt, Eispickel, Steigeisen, Helm und Karabiner. Dann das Essen für die Hochlager: Riegel, Nüsse, Trockenfrüchte und Expeditionsnahrung, das mit warmem Wasser angerührt wird – mein All-time-Favorite ist Couscous mit Linsen und Spinat.Ich habe Handwärmer, Handschuhe und ein Reparatur-Kit mit Tape, Reepschnur und Flicken für Matratze und Zelt dabei. Und natürlich die schweren Stiefel für den Aufstieg, bequeme Booties und Adiletten fürs Basislager und Sneaker für das Trekking und Wanderungen nahe dem Basislager. Insgesamt sind es 60 Kilogramm plus acht Kilogramm Handgepäck.Was für eine Aussicht auf dem K2dpaMit dem Packen beginne ich zwei, drei Wochen vor der Abreise. Ich bemühe mich, alles möglichst redundant auf die Taschen zu verteilen. Den einen Pickel packe ich in Tasche eins, den Ersatzpickel in Tasche zwei, die dicken Fäustlinge in Tasche eins, die warmen Fingerhandschuhe in Tasche zwei, Skibrille in Tasche eins, Sonnenbrille in Tasche zwei.Im Basislager sortiere ich dann alles um, um einen besseren Überblick zu haben: in die eine das Essen und die Kochausrüstung, in die andere die gesamte Hardware, in die dritte die Bekleidung. Die Daunensachen habe ich im Zelt aufgehängt, damit sie nicht zu lange komprimiert sind. Das ist besser für die Isolationsleistung.Über die Jahre sind meine Packlisten eher kürzer geworden. Für den Lhotse habe ich nur ein Zelt für die Hochlager dabei, in Pakistan waren es immer zwei. Wenn mir hier in Nepal das Zelt kaputtgeht, bekomme ich recht einfach Ersatz aus Kathmandu oder kann das Zelt von anderen mitbenutzen. In Pakistan ist es viel komplizierter, sich Ersatz bringen zu lassen. An manchen Bergen dort muss man seinen Zeltplatz sogar dauerhaft mit einem Zelt reserviert lassen, sonst findet man keinen Platz mehr.Am Nanga Parbat war das so. Da brauchte ich ein Zelt, das dauerhaft am Lager 2 blieb, und ein Zelt für die anderen beiden Hochlager. Ich bin überzeugt von meinen Listen: Es gibt Studien, wonach in Kliniken durch Checklisten Komplikationen um die Hälfte reduziert werden konnten. Einen Cybersecurity-Angriff ohne Eskalations-Checkliste managen? Pures Chaos!Ich führe solche Listen deshalb nicht nur fürs Packen. Haben alle, die ihn haben sollen, den Tracking-Link für mein Satelliten-Kommunikationsgerät? Habe ich meine Versicherungsnummern weitergegeben? Weiß ich, wer mein Funkkontakt ist? Mir geben meine Listen große innere Ruhe. Und sie funktionieren. Ich bin nun seit fast einer Woche im Basislager und scheine nichts vergessen zu haben.Teil 1: Die Beter beruhigenDas Basislager ist erreicht. Eine Woche nach meiner Abreise aus Europa habe ich mein Zelt auf dem Khumbu-Gletscher bezogen. Vier Tage war ich dorthin zu Fuß unterwegs. Natürlich könnte man auch mit dem Hubschrauber ins Basislager fliegen, ich nähere mich, wenn es die Zeit erlaubt, dem Berg aber lieber zu Fuß. Das ist mein persönlicher Expeditionsstil. Wie schön sind die gewundenen Pfade, auf denen man so viel entdecken und noch dazu die Gastfreundschaft der Menschen erleben kann.Ich hatte Glück mit meinem Flug von Kathmandu in die Everest-Region. Lukla, das Dorf mit dem Flugplatz, es heißt, es sei einer der gefährlichsten der Welt, ist der Ausgangspunkt der meisten Trekkings und Expeditionen in der Region. Zwei Tage lang war Lukla aufgrund des Wetters mit den kleinen Propellermaschinen kaum zu erreichen. Mein Flug war der erste, der von Kathmandu direkt nach Lukla flog. Mit mir an Bord war eine Gruppe betender Buddhisten. Angesichts der Turbulenzen hatte das etwas Beruhigendes.Beim F.A.Z.-Kongress im März 2026 gab Anja Blacha bereits Einblicke in ihren oft extremen Alltag.Anjou VartmannIn Lukla habe ich die Träger getroffen, die mein Expeditionsgepäck ins Basislager bringen sollten. Vom Teebeutel bis zum Baustahl wird ab Lukla alles auf dem Rücken von Menschen oder Tieren transportiert. Es gibt dort keine Straßen. Expeditionen nutzen heute oft Helikopter. Dagegen protestieren regelmäßig Yak- und Mulitreiber und auch die Trägergewerkschaft.Ein Porter trägt heute 30 Kilogramm. Die älteren Träger machen sich zwar lustig, wenn Träger dieses Gewicht als schwer monieren. Früher war das Doppelte üblich. Ich finde die Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen trotzdem richtig.Und nicht nur da konnte ich Veränderungen feststellen. Während der ersten Male, die ich in Nepal verbrachte, hat man überall indische Musik gehört. Im vergangenen Jahr dann ganz viel Nepali-Hip-Hop. Und jetzt mischt sich zunehmend internationaler Pop dazu. Auch die sozialen Medien setzen sich mehr und mehr durch. Mit meinen Portern habe ich über Whatsapp und Google Maps vereinbart, wo wir uns treffen.Weil der Flieger erst so spät landete, blieb ich zunächst noch eine Nacht in Lukla. Erst am nächsten Tag begann ich mit dem Trekking. Weil in den Vortagen so wenige Touristen nach Lukla gekommen sind, waren nur wenige Leute auf dem Trek unterwegs. In Namche, dem Hauptort der Sherpa-Region, habe ich Adriana Brownlee und Gelje Sherpa getroffen, alte Bekannte von mir. Die Britin und der Nepali waren die Jüngsten auf den 14 Achttausendern und haben jetzt eine eigene Expeditionsagentur gegründet. Ihr Ziel: der Mount Everest.Am nächsten Tag war dann zum ersten Mal das Ziel meiner Expedition zu sehen. In Namche geht es erst einmal eine lange Treppe hinauf zum Everest View Hotel (3880 Meter). Dort oben sieht man die Ama Dablam, einen wunderschönen Sechstausender, und links davon die Gipfel des Mount Everest, dem höchsten Berg der Welt, auf dem ich im vergangenen Jahr zum dritten Mal stand, und vom 8516 Meter hohen Lhotse, mein Ziel in diesem Jahr. Es ist ein Panorama wie gemalt.Je näher ich dem Lhotse an den nächsten Tagen gekommen bin, desto surrealer wurde es, mir vorzustellen, dass man dort hinaufkommt. So ging es mir schon oft bei Expeditionen. Aber es hat bisher immer noch eine Route auf den Gipfel gegeben. Jetzt gönne ich mir aber erst ein paar Tage Ruhe, um mich zu erholen. Immerhin liegt das Basislager auf 5300 Meter Höhe.