Kontroversen arten heute ja schnell mal in Kulturkämpfe aus, verdientermaßen oder künstlich hochgehypt. Der Fall der Buntglasfenster von Notre-Dame de Paris ist ein Kulturkampf im vielleicht buchstäblichsten und ehrlichsten Sinn: Da streiten sich zwei Lager mit sehr unterschiedlichem Verständnis für den Umgang mit dem nationalen Kulturerbe.Es geht um sechs bunte Glasfenster in den Kapellen des südlichen Seitenschiffs. Als die Kathedrale im April 2019 niederbrannte, blieben diese Kunstfenster des Architekten Eugène Viollet-le-Duc aus dem 19. Jahrhundert unversehrt. Klar, sie waren verrußt, aber der Ruß ließ sich leicht wegwaschen. Als dann die Arbeiten zum schnellen Wiederaufbau liefen, kam die Idee auf, der berühmten Kirche bei ihrer unfreiwilligen Renovation auch gleich eine zeitgenössische Note zu verleihen: ein Siegel des 21. Jahrhunderts. Die sechs alten Fenster sollen modernen weichen.Wer die Idee als Erster hatte, ist nicht schlüssig geklärt. Infrage kommen zwei Männer: der Erzbischof von Paris, Laurent Ulrich, und der Präsident der Republik, Emmanuel Macron. Die Gegner zeigten lieber auf Macron, der wolle sich da ein Denkmal setzen. Andere französische Präsidenten hätten Museen, Opern, Bibliotheken gebaut. Macron wolle sich wenigstens im südlichen Seitenschiff von Notre-Dame verewigen. Der Austausch der Fenster, sagen die Kritiker, sei ein Bruch mit dem Kanon der Denkmalpflege: Man ersetze nichts, was intakt sei, schon gar nichts vom großen Viollet-le-Duc. Die Tribune de l'Art, die Onlinezeitung des Kunstkritikers Didier Rykner, setzte eine Petition gegen den Plan auf. 350 000 unterzeichneten sie.In Frankreich sind die meisten Kirchengebäude im Besitz der Gemeinden oder des StaatesDas Kulturministerium schrieb den Auftrag trotz der Proteste aus. Was man in diesem Zusammenhang wissen muss: In Frankreich sind die meisten Kirchengebäude im Besitz der Gemeinden oder des Staates, der hat also eine gewisse Gestaltungsfreiheit. Den Wettbewerb gewann Claire Tabouret, eine bekannte französische Kunstmalerin. Die machte sich an die Arbeit und malte Farben auf Glas, die vor einigen Jahrhunderten wahrscheinlich noch gar nicht bekannt waren, viel Rosa auch. Maria? Ist plötzlich eine Frau mit hohem Haupt und ausgestreckten Armen.Claire Tabouret verwendete Farben für die Glasfenster, die vor einigen Jahrhunderten wahrscheinlich noch gar nicht bekannt waren, darunter viel Rosa. Vincent Isore/IMAGO/IP3pressDie Werke wurden im Grand Palais ausgestellt. Manche Besucher fanden sie ganz toll, andere ganz schrecklich, aber auch das liegt in der Natur der Sache. Das Lager der Bewahrer rief nun kürzlich das Pariser Verwaltungsgericht mit einem Dringlichkeitsantrag an, es möge die bevorstehende Demontage der alten Fenster stoppen. Doch das Gericht verwarf das Ansinnen: Der Fall sei nicht dringend. In der Sache selbst mochte sich das Tribunal nicht äußern. Und so hoffen die Gegner auf eine neue Chance, irgendwann.Im Juni beginnt jetzt mal der Austausch der Fenster. Die von Viollet-le-Duc werden herausgelöst und restauriert, sie sollen dann bald mal öffentlich ausgestellt werden. Claire Tabourets Buntglas wird im Oktober montiert. Viel Zeit wird dafür nicht nötig sein, denn alles passt ganz genau in die Halterungen der alten Fenster. Da passiert also nichts Irreversibles, nichts Ewiges. Der Kulturkampf ließe sich leicht durch einen Kompromiss lösen: im Sommer jeweils die neuen Fenster, im Winter die alten, oder umgekehrt. Aushängen, einhängen. Und amen.
Buntglas in Notre-Dame de Paris: Verewigt sich da Macron?
Der schnelle Wiederaufbau von Notre-Dame war ein Erfolg: Nun debattiert Frankreich über sechs moderne Buntglasfenster, die der Präsident in der Kathedrale montieren lässt.







