PfadnavigationHomeKulturFensterstreit in Notre-DameAnmaßung vs. Erneuerung – das Pfingstwunder nach Claire TabouretStand: 13:43 UhrLesedauer: 6 MinutenClaire TabouretQuelle: picture alliance/abaca/Urman Lionel/ABACADie Künstlerin Claire Tabouret soll für Notre-Dame neue Glasfenster schaffen. In Frankreich ist darüber ein Kulturkampf entbrannt: Darf man die vom Brand verschonten Fenster von Viollet-le-Duc ersetzen?Wenn es eine Wette wäre, ein Zahlenspiel, dann stünde es jetzt wohl ganz banal eins zu eins. 324.000 Besucher haben die Ausstellung „D’un seul souffle“ (Aus einem Atem) von Claire Tabouret im Pariser Grand Palais gesehen. Zu sehen waren im Frühjahr 2026 lebensgroße Modelle und Vorarbeiten für die neuen Glasfenster von Notre-Dame. Die 44 Jahre alte französische Gegenwartskünstlerin, in wenigen Jahren zum Superstar der internationalen Kunstszene aufgestiegen, hatte ein Jahr zuvor den Wettbewerb gewonnen, den das Kulturministerium auf Wunsch der Pariser Diözese und Erzbischof Laurent Ulrich ausgeschrieben hatte.Etwa genauso viele Kunst- und Architekturliebhaber, auch deutlich über 300.000, haben die Petition unterschrieben, die der französische Kunstkritiker Didier Rykner im Dezember 2023 lancierte, also lange bevor entschieden war, wer die sechs farblosen Fenster, die sich in den Kapellen des südlichen Seitenschiffes von Notre-Dame befinden, ersetzen wird. „Lasst uns die Fenster von Viollet-le-Duc in Notre-Dame behalten“, lautet der Titel der Petition. Denn darum geht es: die 170 Jahre alten Grisaillen von Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc durch zeitgenössische Glasfenster auszutauschen.In Frankreich ist seither eine Art Fensterstreit entbrannt, eine Wiederauflage der „Querelle des Anciens et des Modernes“, des geistesgeschichtlichen Richtungsstreits, der an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert die Gemeinschaft der Dichter und Denker spaltete. Die absichtlich puritanisch und farblos gehaltenen Fenster von Viollet-le-Duc – im französischen Fachterminus Grisaille schwingt neben der Farbbedeutung auch ein Gefühl von Eintönigkeit und Öde mit – mögen kein Meisterwerk sein und auch nur aus dem 19. Jahrhundert stammen, nach den Kriterien des Denkmalschutzes, hätten sie bleiben müssen, weil sie das Feuer vom Abend des 15. April 2019 wie durch ein Wunder überlebt haben. Alle verbindlichen Texte der Denkmalschutzkonventionen schreiben vor, dass nach einer Katastrophe bei der Restauration der jeweils letzte Zustand wiederhergestellt werden muss.Lesen Sie auch„Wer gibt ihm das Recht?“, fragt deshalb Kunstkritiker Rykner, der sich mit seiner Zeitschrift „La Tribune de l’Art“ in den vergangenen Jahren zum Verteidiger des Kulturerbes aufgeschwungen hat. „Emmanuel Macron will die Kathedrale von Notre-Dame mit dem Stempel des 21. Jahrhunderts markieren. Ein bisschen mehr Bescheidenheit wäre angebracht“, so Rykner.Die ehemalige Direktorin für Kulturerbe im Kulturministerium, Maryvonne de Saint-Pulgent, eine namhafte Figur in Frankreich, stimmt in diesen Chor der Empörten mit ein: „Warum diese Verbissenheit gegen Viollet-le-Duc?“, fragt sie. Auch die Experten der Nationalen Kommission für Kulturerbe und Architektur (CNPA) sprachen sich 2024 einstimmig gegen den Einbau zeitgenössischer Glasmalereien aus. Umsonst.Lesen Sie auchWar es, wie Rykner suggeriert, der Präsident, der die modernen Fenster wollte, um wie seine Vorgänger eine Spur in der Pariser Kultur- und Stadtlandschaft zu hinterlassen? Oder ist doch Erzbischof Ulrich Schuld, der ein gläsernes Dach oder hängende Gärten über Notre-Dame zu verhindern wusste, aber auf ein zeitgenössisches Element in seiner Kathedrale pochte?Die Suche nach dem Sündenbock hat sich erübrigt. Inzwischen konnte sich nämlich jeder, der wollte, ein Bild machen, was einerseits für Euphorie gesorgt hat, andererseits die Kritik nicht komplett hat verstummen lassen oder den Streit gar gelöst hätte. Einige bezeichnen Tabourets Arbeit als Textilkunst, wiederum andere bemängeln die fehlende „spirituelle Tiefe“. Insgesamt wird von den Kritikern befürchtet, dass die Fenster die Lichtverhältnisse in der Kathedrale verändern werden, obwohl Vorgabe der Ausschreibung war, dies zu vermeiden. Kritisiert wird auch die Ästhetik, die von einigen als eindeutig zu zeitgenössisch empfunden wird.Als „absurd scheußliches Hustensaftrosé“ bezeichnete Stefan Tricks die Farbe des zentralen Fensters, das dem Pfingstwunder gewidmet ist. Die Apostel sehen in den Augen des „FAZ“-Kritikers „unausgeschlafen“, ja „bedröhnt“ aus, anderes erinnert ihn an die mit buntem Konfetti bestreuten Boden beim Kölner Karneval, „der genauso gut aus einem geschmacklosen Hotel der Neunziger Jahre stammen könnte“. Man fragt sich, warum nur deutsche Kunstkritiker ein umgekehrtes Stendhal-Syndrom angesichts der Modelle der Tabouret-Fenster erleiden.Typisch Tabouret, fast expressionistischClaire Tabourets Stil ist unverkennbar. Man kann ihn mögen – oder auch nicht. Dass die französische Künstlerin die Aufgabe auf die leichte Schulter genommen hätte, kann niemand behaupten. Tabouret hat die sechs Pfingstszenen auf transparentem Plexiglas gemalt und dabei freien Pinselstrich und Schablonentechnik kombiniert. Für jedes Tableau sind 50 Miniszenen entstanden, die zu einem Fenster mit Rosette zusammengesetzt werden. Angefertigt werden die sechs Fenster von einem Traditionsunternehmen in Reims, Simon-Marq, das 1640 gegründet wurde.Die sieben Meter hohen Modelle wirken, zugegeben, auf den ersten Blick befremdlich. Obwohl Maria nicht, wie so oft, in sich zusammengesunken dargestellt wird, und stattdessen die Arme wie eine glückliche Influencerin gen Himmel reißt, hat sie doch etwas von der Melancholie von Tabourets Frauen- und Selbstporträts. Auch die Farbwahl wirkt typisch Tabouret, fast expressionistisch, obwohl die Künstlerin betont, dass sie sich zurückgehalten habe, sonst hätte ein Fenster durchaus „komplett rosa“ werden können.Mit vielfarbigen Schablonen hat sie die geometrischen Muster von Viollet-le-Ducs Fenstern eingebaut. Sie markieren einerseits den Innenraum der Pfingstszene („alle zusammen am selben Ort“), andererseits fungieren sie als Reminiszenz an die farblosen Vorgänger. „Ich wollte mich an die Grisaillen erinnern, weniger sie reproduzieren“, sagt Tabouret im Interview mit dem Magazin „Connaissance des Arts“, „ich wollte Erinnerungsspuren schaffen, vergleichbar mit den tanzenden Flecken auf unseren Lidern, wenn man die Augen schließt“.Es ist für Laien nicht einfach, sich die Modelle als transparente Fenster vorzustellen. Sie werden zusammen mit dem einzigen bunten, figürlichen Fenster („L'arbre de Jessé“ von Edouard Didron aus dem Jahr 1864), das nicht ausgetauscht wird, ein neues Ensemble bilden. Jedem der sechs neuen Fenster waren im Grand Palais die Ursprungsskizze und eine Vitrine mit Entwürfen, Inspirationen und Schablonen zugeordnet. „Die Kulissen meiner Arbeit zu zeigen, soll den Leuten das Gefühl vermitteln, dass wir gemeinsam an diesem Projekt arbeiten“, gab Tabouret zu Protokoll.Lesen Sie auchNach zehn Jahren in den USA ist Tabouret kürzlich mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern nach Frankreich zurückgekehrt. Als Tochter einer Britin aus eher wohlhabendem Haus und eines Franzosen mit kommunistischer und antiklerikaler Familientradition ist Tabouret die Rolle der Vermittlerin gewohnt. Dass sie jetzt mit ihrer Arbeit im Zentrum einer Kontroverse steht, begreift sie als ihr Schicksal. „Sie versuche, Menschen zusammenzubringen“, sagt Tabouret in einem Porträt für das Magazin M von „Le Monde“: „Deshalb bin ich Künstlerin, weil ich die Zweifel, die menschliche Mehrdeutigkeit und das Nichtwissen annehmen kann.“Sie gibt zu, selbst überrascht gewesen zu sein, als sie mit dem Projekt betraut wurde. Die Entscheidung wirkte untypisch für Frankreich, weil das Land ein „sehr besonderes Verhältnis zu seinem Kulturerbe“ habe. Aus der Ferne kam ihr die alte Heimat so verkrustet vor wie eh und je. Ihre Entscheidung, vor zehn Jahren in die USA zu gehen, habe nämlich auch damit zusammengehangen, dass sie die „Gefahr des Stillstands“ gespürt habe. „Ich will dazu beitragen, dem Kulturerbe Leben einzuhauchen“, sagt Tabouret. Vielleicht wird, wenn die Glasfenster einmal eingesetzt sind, manch Kritiker vor Ort und Stelle bekehrt werden.