Michael Lauber stören fehlende Obduktionen, Festnahmen und Kommunikation, wie er im SRF-Interview sagt. Die Walliser Behörde habe «der Reputation der gesamten Justiz» geschadet.02.06.2026, 16.59 Uhr3 LeseminutenMichael Laubers Fundamentalkritik ist Rückenwind für ein Ausstandgesuch vor dem Bundesgericht.Peter Klaunzer / KeystoneKaum ein Staatsanwalt wurde in den vergangenen Jahren so kritisiert wie Michael Lauber, der Bundesanwalt, der im Jahr 2020 im Zuge der Fifa-Affäre zurücktrat. Lauber hatte während Ermittlungen gegen den Weltfussballverband drei Mal dessen Präsidenten Gianni Infantino getroffen, ohne diese Treffen zu protokollieren, und hinterher wollte er sich nicht mehr an den Inhalt bzw. die Existenz eines der Treffen erinnern. Das Bundesverwaltungsgericht konstatierte Amtspflichtverletzungen, ein Strafverfahren wurde später jedoch eingestellt, weil die Vorwürfe sich nicht erhärtet hätten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun kritisiert Lauber selbst eine Staatsanwaltschaft, nämlich die des Kantons Wallis, für aus seiner Sicht fehlende Obduktionen, Festnahmen und Kommunikation. So habe die Staatsanwaltschaft zu Beginn der Ermittlungen zur Brandkatastrophe von Crans-Montana «viel zu technisch» und generell zu wenig kommuniziert, sagte Lauber am Dienstag im SRF-Interview.Walliser Behörde schade der gesamten Justiz«Es fehlte an Empathie und einer klaren Orientierungshilfe, um zu erklären, was die Rolle der Staatsanwaltschaft ist und was man erwarten kann.» Dadurch sei der Eindruck entstanden, das Schweizer Justizsystem sei langsam und handle nicht zugunsten der Opfer, sagte Lauber weiter. «Das schadet der Reputation der gesamten Justiz.»Zudem hätte die Staatsanwaltschaft «alle Opfer obduzieren müssen». Tatsächlich tat sie das nur bei zweien der 41. Lauber weist daraufhin, dass die genaue Todesursache bei einem Brand nicht unbedingt eindeutig sei, und dass die Angehörigen ein Anrecht hätten, diese zu erfahren.Im Fall Crans-Montana kommen insbesondere Verbrennen, Ersticken oder Erdrücktwerden infrage. Die Feststellung der genauen Todesursachen erscheint auch nötig, um die konkreten Mängel in Sachen Brandschutz und Fluchtwege in der Bar «Le Constellation» zu klären – und damit die strafrechtlichen Verantwortlichkeiten.Unerwähnt liess Lauber im Interview, dass die Walliser Staatsanwaltschaft laut den Ermittlungsakten auch keine einfache rechtsmedizinische Untersuchung der Leichen durchführen liess. Solche «Legalinspektionen» aber schreibt die Schweizer Strafprozessordnung bei unnatürlichen Todesfällen vor.Staatsanwaltschaft habe erst auf Druck gehandeltWeiter kritisiert Lauber gegenüber SRF, dass die Staatsanwaltschaft die beiden Hauptbeschuldigten, die Bar-Betreiber Jacques und Jessica Moretti, nicht unmittelbar nach der Brandkatastrophe festnehmen liess. Dies wäre nötig gewesen, «um Beweismittel zu sichern und Verdunkelung zu verhindern. Stattdessen wurde erst auf öffentlichen Druck reagiert.»Jacques Moretti wurde am 9. Januar in Untersuchungshaft genommen, allerdings nur wegen Fluchtgefahr; nach Zahlung einer Kaution kam er Ende Januar frei. Seine Ehefrau blieb auf freiem Fuss, um sich um die beiden Kleinkinder des Paares kümmern zu können, und musste ebenfalls eine Kaution zahlen.Laubers Fundamentalkritik an der Walliser Staatsanwaltschaft ist Rückenwind für die Kritiker der Behörde. So ist der Vater eines Todesopfers von Crans-Montana im Mai vor das Bundesgericht gezogen, um den Ausstand aller Ermittlerinnen zu erreichen. Das oberste Schweizer Gericht dürfte somit den Komplex Crans-Montana in den kommenden Monaten erstmals behandeln.Lauber wurde selbst Beschädigung der Justiz vorgeworfenZugleich entbehrt Laubers Vorwurf, die Walliser Staatsanwaltschaft habe dem Ruf der Schweizer Justiz insgesamt geschadet, nicht einer gewissen Ironie: Als Lauber sich nämlich im Zuge der Fifa-Affäre mehr als ein Jahr lang an sein Amt klammerte, warf ihm der Strafrechtler Mark Pieth vor, er untergrabe die «Glaubwürdigkeit der Schweizer Strafverfolgung».Mit Glauben jedenfalls hat Michael Lauber mittlerweile täglich zu tun, auch mit Sünden und Vergebung: Seit Ende 2024 ist er Sprecher der christkatholischen Kirche der Schweiz.Passend zum Artikel