Mit dreizehn nackt vor der Kamera: Nastassja Kinski wehrt sich gegen Szene in Wim-Wenders-FilmDarf man das? Die Schauspielerin Nastassja Kinski will eine Nacktszene aus dem Film «Falsche Bewegung» von 1975 nachträglich löschen lassen. Der Regisseur sieht die Kunstfreiheit bedroht.02.06.2026, 16.00 Uhr4 LeseminutenWim Wenders bei der Eröffnung seiner Ausstellung im März 2026. Das Bild rechts zeigt Nastassja Kinski als Jane im Film «Paris, Texas» von 1984.Peter Hartenfelser / ImagoIm Jahr 1975 muss sich die deutsche Schauspielerin Nastassja Kinski bei Dreharbeiten halbnackt ausziehen. Ein erwachsener Mann, nur mit Unterhose bekleidet, ohrfeigt sie und streichelt sie dann. Es ist eine zweiminütige Szene im Film «Falsche Bewegung» des Regisseurs Wim Wenders. Kinski ist damals dreizehn Jahre alt. Vierzig Jahre später fordert sie, dass die Szene gelöscht wird.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Szene sei ihr unangenehm, die Erfahrung belaste sie bis heute. «Obwohl ich mit dreizehn noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war», wird die heute fünfundsechzigjährige Schauspielerin in der «Süddeutschen Zeitung» zitiert. «Es war nun mal der erste Film, er war mein erster Regisseur, und er hat mich nicht beschützt.» Kinski und ihr Anwalt Christian Schertz verlangen bereits seit 2016 eine Entschädigung und dass Wim Wenders die Szene ändert oder entfernt. Nun hat sie sich in der «Süddeutschen Zeitung» zum ersten Mal ausführlich dazu geäussert.Darf man das? Einen Film fünfzig Jahre nach dessen Erscheinen noch einmal umschneiden, weil sich eine Darstellerin durch eine Szene verletzt fühlt? Kinskis Forderung hat eine Debatte in der deutschen Filmbranche entfacht.Wenders sieht Kunstfreiheit bedrohtWim Wenders hatte dazu bislang eine klare Position: Man müsse den Film unter dem damaligen Zeitgeist betrachten, sagte er im Jahr 2024, als Kinskis Begehren erstmals öffentlich wurde. Ein nachträglicher Eingriff in das Werk würde seiner Auffassung nach einen Präzedenzfall schaffen, der die Kunstfreiheit bedrohte.Bei der Gala zum Deutschen Filmpreis am 29. Mai, an der Wenders für seine Verdienste in der Filmindustrie geehrt wurde, nahm der Achtzigjährige nun nochmals Stellung. Er würde diese Szene heute nicht mehr so machen, sagte Wenders. Es gebe andere Sensibilitäten, man lebe in einer völlig anderen Welt als vor fünfzig Jahren. Heute wisse er «mehr, viel mehr». Und trotzdem: «Dem jungen Mann von damals kann ich keinen Vorwurf machen.» Letztlich müsse sich die Deutsche Filmakademie mit dieser grundsätzlichen moralischen Frage befassen. Er könne das Ganze nicht allein tragen.Wim WendersImagoKinskis Forderung findet in der Historie des Kinos durchaus Parallelen: So suchten die Schauspieler Olivia Hussey und Leonard Whiting, die 1968 in der berühmten «Romeo und Julia»-Adaption zu sehen waren, Ende 2022 den Weg vor Gericht. Sie warfen Paramount «sexuelle Ausbeutung» vor und verlangten Entschädigungen für Nacktszenen – scheiterten jedoch mit ihrem Vorhaben.Für eine vergleichbare Kontroverse sorgte der Filmklassiker «Die blaue Lagune» aus dem Jahr 1980. Brooke Shields’ Charakter Emmeline trat im Inseldrama über weite Strecken nackt auf. Shields war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst vierzehn Jahre alt. Sie hat sich später mehrfach kritisch zu den Dreharbeiten geäussert und betont, dass ein solcher Film heute «nicht mehr erlaubt wäre». Man habe versucht, ihr vermeintliches sexuelles Erwachen gewinnbringend zu inszenieren. Zu jenem Zeitpunkt habe sie jedoch keinerlei Verbindung zu ihrer eigenen Sexualität verspürt.Veränderter Umgang mit NacktszenenDer Umgang mit Nacktszenen in der Filmbranche hat sich seit den 1970er Jahren fundamental gewandelt. Damals erlebte das Kino im Zuge der sexuellen Revolution eine regelrechte «Sexwelle». Nacktheit und sexuelle Handlungen wurden deutlich expliziter und zu einem festen Bestandteil vieler Produktionen. Genres wie der Erotikfilm und sogenannte Sexploitation-Filme waren weit verbreitet.Allerdings geschah dies oft auf Kosten der Schauspieler. Die Inszenierung intimer Momente überliessen die Produzenten häufig den zum Teil minderjährigen Darstellern selbst. Seit #MeToo sind sogenannte Intimitätskoordinatoren im Business etabliert. Sie choreografieren intime Szenen wie Küsse, Nacktheit oder simulierte sexuelle Handlungen und stellen sicher, dass die persönlichen Grenzen der Darstellerinnen und Darsteller nicht überschritten werden.Nastassja Kinski als Dreizehnjährige im Wenders-Film «Falsche Bewegung».PDIn anderem Fall erfolgreichNeben den Szenen im Wim-Wenders-Film hat Kinski noch weitere Nacktaufnahmen beanstandet – mit Erfolg. 1977 wurde sie im Alter von fünfzehn Jahren für die «Tatort»-Folge «Reifezeugnis» unter der Regie von Wolfgang Petersen nackt gefilmt. Inzwischen konnte sie mit dem verantwortlichen Sender eine Übereinkunft erzielen. Laut Berichten ist eine Ausstrahlung der Episode momentan nicht geplant.Der Kinski-Wenders-Streit dürfte noch einige Zeit für Debatten sorgen. So sagte etwa die Filmwissenschafterin Annette Brauerhoch im Deutschlandfunk, der Auftritt von Wenders in Berlin sei «ausgesprochen unangemessen» gewesen: Er habe sich «infantil und unreif geäussert». Die Verantwortung, die eigentlich bei ihm läge, habe er mit dem Appell an das Publikum und die Akademie auf Tausende verteilt. Der Schauspieler Julius Feldmeier, der unter anderem im «Tatort» auftrat, verfasste einen offenen Brief an Wenders, in dem er ihn dazu auffordert, die Szene herauszuschneiden.Kinski und Wenders bei einem Event im Jahr 1993.Cinema Legacy Collection / ImagoPassend zum Artikel
Nastassja Kinski will Nacktszene mit dreizehn streichen – Wim Wenders wehrt sich
Darf man das? Die Schauspielerin Nastassja Kinski will eine Nacktszene aus dem Film «Falsche Bewegung» von 1975 nachträglich löschen lassen. Der Regisseur sieht die Kunstfreiheit bedroht.










