Trump verhindert Israels Grossangriff auf Beirut – was steckt dahinter?In einem hitzigen Telefonat hat der US-Präsident Benjamin Netanyahu offenbar von geplanten Attacken auf das nördliche Nachbarland abgehalten. In Libanon scheint sich Israel in eine strategische Sackgasse manövriert zu haben.02.06.2026, 11.17 Uhr4 LeseminutenPanik in Beirut: Familien fliehen aus der südlichen Vorstadt Dahiye, nachdem Benjamin Netanyahu mit Bombardierungen gedroht hat.Mohamed Azakir / ReutersDie Menschen in Beirut hatten sich schon auf das Schlimmste vorbereitet: Tausende Autos verliessen am Montag den Süden der libanesischen Hauptstadt und schoben sich langsam über die Stadtautobahn in Richtung Norden. Zuvor hatte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu damit gedroht, die südliche Vorstadt Dahiye zu bombardieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Abend kam dann aber die vorläufige Entwarnung: Donald Trump schrieb in seinem Netzwerk Truth Social, er habe ein «sehr produktives» Telefonat mit Netanyahu sowie «über hochrangige Vertreter ein sehr gutes Gespräch mit dem Hizbullah» geführt. Die Schiitenmiliz habe zugestimmt, «dass alle Feindseligkeiten eingestellt werden – dass Israel sie nicht angreifen wird und sie Israel nicht angreifen werden».Trump nennt Netanyahu offenbar «verrückt»Netanyahu kündigte kurz darauf an, dass Israel weiterhin Ziele in Beirut bombardieren werde, falls der Hizbullah seine Angriffe auf israelische Bürger und Städte nicht einstellen werde. Auch kämpfe Israel weiterhin in Südlibanon – trotz Trumps Ankündigung einer Waffenruhe.Diese partielle Feuerpause bestätigte Libanons Präsident Joseph Aoun. «Nach der vorgeschlagenen Vereinbarung werden die israelischen Angriffe auf die südlichen Vororte Beiruts eingestellt, während der Hizbullah im Gegenzug auf Angriffe gegen Israel verzichtet», teilte Aouns Büro auf X mit. Später solle die Waffenruhe auf das gesamte libanesische Staatsgebiet ausgeweitet werden.Nach Trumps Ankündigung wurden weitere israelische Luftangriffe in Südlibanon gemeldet. Israels Armee fing laut eigenen Angaben Geschosse in Richtung Nordisrael ab. Doch die grosse Eskalation, die sich in den vergangenen Tagen abgezeichnet hatte, scheint vorerst abgewendet zu sein.Ein zerstörtes Gebäude in der Stadt Tyros. Israel setzt seine Angriffe in Südlibanon fort – auch nach Trumps Ankündigung.APDas Hin und Her um die israelischen Angriffe in Libanon zeigt: Hinter den Kulissen scheint sich eine grosse Kluft zwischen Benjamin Netanyahu und Donald Trump aufzutun. In dem «sehr produktiven Gespräch» soll Trump den israelischen Ministerpräsidenten laut einem Bericht des Nachrichtenportals «Axios» angeschrien haben: «Du bist total verrückt.»Hintergrund für Trumps Wutanfall sind wohl die Verhandlungen mit Iran, die auch wegen Israels Angriffen in Libanon feststecken. Am Montag hatte Irans Aussenminister Abbas Araghchi betont, das Waffenstillstandsabkommen mit den USA umfasse auch Libanon. «Ein Verstoss an einer Front gilt als Verstoss gegen den Waffenstillstand an allen Fronten.»Israels grosser Vormarsch ist ausgebremstNoch vor wenigen Tagen sah es so aus, als gehe der Kampf zwischen Israel und dem Hizbullah in eine neue, zerstörerische Runde. Wegen der konstanten Drohnenangriffe des Hizbullah hatte Benjamin Netanyahu seine Truppen angewiesen, weiteres Gebiet in Südlibanon einzunehmen.Jetzt besetzen israelische Soldaten die jahrhundertealte Kreuzfahrerfestung Beaufort, die etwa 60 Kilometer von Beirut entfernt liegt. Netanyahu hatte dies als «entscheidenden Wendepunkt» bezeichnet: «Wir haben die Barriere der Angst durchbrochen. Wir ergreifen die Initiative und sind an allen Fronten aktiv: in Syrien, im Gazastreifen und in Libanon.»Israels Flagge weht über der mittelalterlichen Festung Beaufort in Südlibanon: Welchen Zweck hat der israelische Vormarsch?ReutersNun zeigt sich, dass es vor allem Trump ist, der die Initiative ergreift – und Netanyahu offenbar nach Belieben ausbremsen kann. Israels «Wendepunkt» in Libanon dürfte vorerst auf sich warten lassen. Denn schon vor dem hitzigen Telefonat mit Trump hatten Sicherheitsexperten den Nutzen von Netanyahus Vormarsch im nördlichen Nachbarland infrage gestellt.«Ich kann keine wirkliche Strategie hinter dem israelischen Vorgehen erkennen», sagt Nicholas Blanford vom Nahost-Programm des Atlantic Council im Gespräch. «Die Israeli waren schon einmal in genau dieser Situation: Sie wissen, dass sich nichts fundamental verändern wird, wenn sie Südlibanon dauerhaft besetzen.» Schon zwischen 1982 und 2000 kontrollierten israelische Truppen eine sogenannte Sicherheitszone in Südlibanon. Zermürbt von den Guerilla-Angriffen des Hizbullah, zog der jüdische Staat zu Beginn des neuen Jahrtausends unilateral ab.«Israel steckt schon längst wieder tief im libanesischen Sumpf», sagt Danny Citrinowicz von der israelischen Denkfabrik Institute for National Security Studies im Gespräch. «Für das Problem mit dem Hizbullah gibt es keine militärische Lösung.» Israel sollte Zugeständnisse an Libanons Hizbullah-feindliche Regierung machen, die diese intern als Erfolge verkaufen kann, meint Citrinowicz. «Wir müssen ihnen auch Zuckerbrot geben, nicht nur die Peitsche.»Israels Vormarsch spielt dem Hizbullah politisch in die Hände. Die Schiitenmiliz kann in Libanon jetzt wieder wie zu ihren Anfangszeiten proklamieren, Widerstand gegen die israelische Aggression zu leisten. In Wirklichkeit hatte der Hizbullah allerdings genau diese Eskalation provoziert: Am 2. März hatte die Schiitenmiliz aus Solidarität mit Iran Raketen auf Nordisrael abgefeuert.Noch bedeutet die Deeskalation kein vollständiges Ende der israelischen Offensive: ein Militärkonvoi in der Nähe der nordisraelischen Grenzstadt Metula.Amir Cohen / ReutersWie geht es weiter mit den Iran-Verhandlungen?In Iran erinnert man sich an die Schützenhilfe der libanesischen Verbündeten – und versucht daher mit aller Kraft, den Krieg in Libanon an das Waffenstillstandsabkommen mit den USA zu binden. Am Montag berichtete die iranische Nachrichtenagentur Tasnim, Teheran habe aufgehört, indirekt mit den USA zu verhandeln.«Diese Drohungen Irans hängen definitiv mit Libanon zusammen», sagt Citrinowicz. «Ein Waffenstillstand in Libanon ist eine Bedingung, auf die die Iraner bestehen werden.» Laut dem israelischen Sicherheitsexperten bleibt der Hizbullah der wichtigste Bestandteil von Irans «Achse des Widerstands». Sein regionales Netzwerk von Milizen wolle Teheran auch nach Kriegsende weiter unterhalten, meint Citrinowicz. «Der Hizbullah bleibt Irans vorgeschobene Operationsbasis im Nahen Osten.»Doch trotz Trumps Intervention bei Netanyahu bezüglich Libanon bleiben die Verhandlungen mit Iran festgefahren. Am Wochenende hatte Trump laut Berichten seine Bedingungen für ein vorläufiges Abkommen verschärft, das eine Verlängerung der Waffenruhe um 60 Tage vorsieht. Doch wie auch der Waffenstillstand in Libanon längst eine hohle Phrase geworden ist, wird auch die Feuerpause zwischen Iran und den USA immer brüchiger. Vor wenigen Tagen hatten die USA laut eigenen Angaben iranische Radaranlagen bombardiert. Zuvor soll Iran amerikanische Truppen in Kuwait angegriffen haben.Für den Nahen Osten wäre ein Libanon-Modell in der gesamten Region das schlimmstmögliche Szenario. Ein Konflikt, der immer weiterschwelt und nie wirklich gelöst wird, dürfte die wirtschaftliche Entwicklung der Region auf Jahre hemmen.Passend zum Artikel
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In einem hitzigen Telefonat hat der US-Präsident Benjamin Netanyahu offenbar von geplanten Attacken auf das nördliche Nachbarland abgehalten. In Libanon scheint sich Israel in eine strategische Sackgasse manövriert zu haben.











