„Denksporthalle“ steht groß an der Fassade der Urania in Berlin. Die augenzwinkernde Selbstbeschreibung passt auch deshalb gut, weil drinnen Direktorin Johanna Sprondel jeden Tag aufs Neue eine Denksportaufgabe zu lösen versucht: Warum gefährdet das Land Berlin die Sanierung und Umgestaltung einer ihrer traditionsreichsten Bildungsinstitutionen sowie die Chance der Hauptstadt auf ein weiteres von Architekt Daniel Libeskind geprägtes Gebäude?Die Vergabeverfahren sind abgeschlossen, die Gewerke stehen bereit, um mit der dringend nötigen Erneuerung des in die Jahre gekommenen Gebäudekomplexes in Berlins westlichem Zentrum zu beginnen. Auch nach außen will die Urania zeigen, dass das nächste Kapitel ihrer 138-jährigen Geschichte aufgeschlagen wird, die im Geist von Humboldts beliebten Kosmos-Vorlesungen mit der Idee begann, Wissenschaft breit zu vermitteln. Auf dem Computer in ihrem Büro klickt Johanna Sprondel ein Bild an: Das verspiegelte Glas, das dem Kubus von 1962 später vorgesetzt wurde, ist weg, eierschalenfarbene Keramikkacheln bilden jetzt die Fassade. Der angrenzende Altbau von 1912, bislang vom dominanten Nachbarn in eine fast übersehbare Nebenrolle verwiesen, steht selbstbewusst daneben. Alles wirkt hell, klar und selbstverständlich, als ob eine Ordnung zum Vorschein gebracht würde, die der Komplex die ganze Zeit in sich trug.Die Zeit wird knappOb dieser Entwurf von Daniel Libeskind Wirklichkeit wird, ist fraglich. Denn der eine Partner der geplanten Kofinanzierung liefert nicht. 32,75 Millionen Euro hat der Haushaltsausschuss des Bundes längst freigegeben. Das Geld kann nur abgerufen werden, wenn Berlin bereit ist, die gleiche Summe zu zahlen. Es steht zudem weiterhin nur zur Verfügung, wenn bis Jahresende die sogenannte Planungsleistung mit einer Grobkostenschätzung eingereicht ist. Davor steht eine gründliche Begutachtung der Bausubstanz. Diese Vorleistungen von etwa zwei Millionen Euro, sagt Johanna Sprondel, könne die Urania nur erbringen, wenn sicher ist, dass sie zurückerstattet werden – Berlin also zahlt.An Absichtsbekundungen mangelt es nicht. Unter Johanna Sprondels Vorgänger verkündete die Urania 2021, man erhalte die Mittel aus dem Innovationsförderfonds der Hauptstadt. Auch im Berliner Koalitionsvertrag von CDU und SPD steht, die Urania werde bei ihrem Bauvorhaben „begleitet und unterstützt“. Doch eine konkrete Finanzierungszusage steht immer noch aus, den Innovationsförderfonds gibt es nicht mehr - und die Zeit wird knapp.Eine Badewanne, ein Aufzug ohne TÜVWarum, das zeigt ein Rundgang mit Johanna Sprondel. Ihr Büro liegt im einst als Jüdisches Logenhaus errichteten älteren der zwei Gebäudeteile, auf dem Weg zu den größeren und kleineren Veranstaltungssälen - den größten hat Willy Brandt eröffnet - geht es durch verwirrend viele Gänge, Räume, Treppenhäuser. Eines führt in ein Dachgeschoss, das aussieht, als sei es seit Jahren nicht betreten worden, Dämmmaterial liegt herum, zerbröckelte Ziegel. Vor einem Aufzug klebt ein rotes Band: Der TÜV ist abgelaufen. Ein schmaler Hof wird von einer betagten Lüftungsanlage verdunkelt. Die Heizung erwärmt entweder die gesamten 9000 Quadratmeter oder gar nichts. Mal steht man vor der Badewanne einer früheren Hausmeisterwohnung, mal vor gekachelten Wänden, die hat ein Fitnessstudio hinterlassen, das hier ebenfalls untergebracht war.Veraltete Infrastruktur und die halbherzige, unübersichtliche Verknüpfung des alten und neuen Hauses summieren sich zu einem ineffektiven, energieintensiven Betrieb, den sich der Verein Urania Berlin e.V. laut Johanna Sprondel nicht mehr lange leisten kann - nicht nur, weil er sich noch davon erholt, dass die Senatsverwaltung 2025 plötzlich einen Großteil des Jahreszuschusses von 950.000 Euro strich.Verspiegelt: Die Urania, wie sie aktuell aussiehtPicture Alliance„Ohne Sanierung ist die Urania in ihrer Existenz gefährdet“, sagt Sprondel, die 2023 die Geschäftsführung übernahm und auch Vorstandsvorsitzende des Vereins ist. Die Eintrittspreise von acht und ermäßigt fünf Euro möchte sie nicht erhöhen, die sind für sie mit ein Grund, warum die Urania so gut besucht ist, und Bedingung für die konzeptuelle Schärfung, die sie seit ihrer Amtsübernahme erfolgreich betreibt. Die Institution für Wissensvermittlung hat sich längst zu einem Forum für Debatte und Austausch erweitert - man muss Berlin unterstellen, nicht zu erkennen, dass so ein Ort wichtiger ist denn je. Die promovierte Philosophin Sprondel setzt die Idee einer Demokratieförderung durch Meinungsbildung konsequent um. In den vergangenen Tagen wurde über Meinungsfreiheit diskutiert und die Wirkung von Musik aufs Gehirn erklärt, Joschka Fischer sprach über geopolitische Herausforderungen, und Schulklassen hörten Auszüge aus Viktor Klemperers Tagebüchern.Die Zahl der Besucher ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, inzwischen sind es im Schnitt über 200 pro Veranstaltung, der Anteil junger Gäste hat sich seit 2022 versiebenfacht, und die Vermietung für mit Bedacht ausgewählte Veranstaltungen stärkt die Außenwirkung, wie etwa der erneute Auftritt der scharfzüngigen New Yorkerin Fran Lebowitz im Oktober. Der Staub der eher biederen Volksbildungseinrichtung, der der Urania lange anhaftete, ist endgültig abgeschüttelt. Fehlt nur noch die bauliche Erneuerung.Das Architekturbüro rw+, das die Vergabe der Objektplanung für sich entschied, zog Daniel Libeskind hinzu, mit dem es eine langjährige Zusammenarbeit verbindet. Es geht nicht nur darum, Klarheit in die Nutzung und Besucherführung der zwei Gebäude zu bringen, die in Zukunft autonom bespielbar sein sollen, sondern auch um die Erinnerung an jüdisches Berliner Leben. Das Logenhaus wurde 1937 enteignet, eine Außenstelle der Reichsfilmkammer zog ein, später vorübergehend das Amerikahaus. 1962 wurde der Bau Teil der Urania, die im autofreundlich wiedererstandenen westlichen Zentrum der geteilten Stadt unterkam und an einer überdimensionierten Straße liegt, die als Autobahnzubringer geplant wurde.„Die Frage der Repräsentanz, wie man mit der jüdischen Geschichte des Altbaus und auch der Institution umgeht, hat Daniel Libeskind gleich interessiert“, sagt Matthias Reese von rw+. Mit den Zeugnissen jüdischen Lebens vor Ort und in der Urania setze sich Libeskind intensiv auseinander, sie sollen sich im fertigen Entwurf niederschlagen. Im Vorentwurf wirkt die Keramikfassade fest und brüchig zugleich, wie zerlegt und wieder zusammengesetzt. Eine große Skulptur vor dem Eingang, der jetzt schwer zu finden ist, symbolisiert „Aleph“, den ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets.Die für die Urania zuständige Senatsverwaltung für Bildung erklärt auf Anfrage, man befinde sich im Austausch mit der Senatsverwaltung für Finanzen, um „eine entsprechende Finanzierungslösung“ für das Projekt zu entwickeln. Die Senatsverwaltung für Finanzen bestätigt Gespräche und Abstimmungen, auch mit den Fraktionen der schwarz-roten Koalition. Mehr Informationen gibt es nicht. Dem laufenden Prozess wolle man nicht vorgreifen.
Fehlende Finanzierungszusage: Die Zukunft der Urania ist ungewiss
Für die Sanierung und Neugestaltung der Berliner Urania wurde eine Kofinanzierung von Bund und Land vereinbart. Doch die Hauptstadt liefert nicht – und die Zukunft der traditionsreichen Bildungsstätte steht infrage.








