Die Ukraine setzt jetzt auf RoboterBodenroboter galten lange Zeit als teure Spielerei. Mittlerweile nutzt die Ukraine Tausende von ihnen, um Soldaten aus der Todeszone an der Front zu holen. Das ist die nächste Stufe der Automatisierung des Krieges.02.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDieses Video hat ein Hersteller ukrainischer Bodendrohnen verbreitet. Es zeigt den Angriff eines kleinen, mit Sprengstoff beladenen Roboters auf mutmasslich russische Soldaten in einem Erdloch.UGV LaboratoryOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Roboter auf Ketten, nicht grösser als ein Bobby-Car, nähert sich einem Dorf in Trümmern, ein Panzer steht am Wegesrand. Der Roboter fährt auf eines der zerstörten Grundstücke, stoppt, dreht sich im Kreis, als suchte er etwas. Dann fährt er weiter, zwei Hunde jagen hinterher. Schliesslich stoppt er vor einem Loch im Boden und lässt sich hineinfallen. Es gibt eine Explosion, Rauch dringt aus dem Loch.Dann endet das Video. Im Abspann erscheint das Symbol des Produzenten: UGV Laboratory. Das ist ein ukrainisches Unternehmen, das unter anderem autonome Ketten- und Radfahrzeuge für den militärischen Einsatz herstellt, sogenannte Unmanned Ground Vehicles (UGV).Das Video zeigt, was solche Bodendrohnen inzwischen können. Das Gerät manövriert unfallfrei durch ein von Trümmern übersätes Terrain, lokalisiert ein kleines Loch im Boden und explodiert in selbstmörderischer Manier im Inneren eines mutmasslichen Unterstands der russischen Armee. In dem über Telegram verbreiteten Video ist kein einziger ukrainischer Soldat zu sehen.Seit Jahren fluten die Kriegsparteien das Netz mit Filmen über den Einsatz von Flugdrohnen. Diese Geräte sind zur Hauptwaffe des Kampfes an der ukrainischen Front geworden. Doch nun erlebt eine weitere Art unbemannter, teilweise autonomer Geräte ihren Aufstieg.Die Logistik des Krieges verändert sichBodenroboter galten lange als teure Experimentaltechnik für Militärmessen und Forschungsprojekte. Inzwischen versucht vor allem die Ukraine, Tausende solcher Systeme an die Front zu bringen.Dabei sind die meisten dieser Roboter keine Kampfmaschinen, sondern eher Lastenträger. Das Video der Kamikazedrohne am Boden ist eine Ausnahme. Die Revolution am Boden findet weniger beim Angriff als in der Logistik statt. Bodendrohnen sind die neuen Maultiere des Krieges.Im Stellungskrieg der Ukraine gegen Russland ist heute nicht mehr die unmittelbare Front der gefährlichste Ort. Dauerhafte Aufklärung durch Drohnen, Artillerie und Wärmebildsensoren macht nahezu jede Truppenbewegung sichtbar. Der gefährlichste Ort ist vielmehr der Weg zwischen rückwärtiger Stellung und Frontlinie. Dort werden einfache Versorgungsfahrten zum Himmelfahrtskommando.Bislang erledigten meist Soldaten diese Aufgaben, oft mit gepanzerten Fahrzeugen, Autos, Quads oder zu Fuss. Verwundete wurden überwiegend von Soldaten aus der Feuerzone in Transportfahrzeuge geschafft. Munition, Wasser und Verpflegung mussten unter Beschuss oder ständiger Drohnengefahr in Stellungen getragen werden. Diese Art der Frontlogistik ist inzwischen zu einer der verlustreichsten Tätigkeiten überhaupt geworden.Amerikanische Truppen simulieren im März auf dem Militärübungsplatz Grafenwöhr mit einem unbemannten Fahrzeug vom Typ Azak S26 den Abtransport eines Verwundeten.Sean Gallup / GettySie schaffen Verwundete oder Gefallene von der Front wegHier setzen die Bodenroboter an. Sie bringen zur Front, was gebraucht wird. Sie schaffen Gefallene oder Verwundete in den rückwärtigen Raum, wohin die Flugdrohnen nicht mehr ohne weiteres kommen. Sie legen dafür auch kilometerlange Strecken zurück.Die ukrainischen Streitkräfte verfolgen inzwischen das Ziel, weite Teile der Frontlogistik von Robotern erledigen zu lassen. In diesem Halbjahr sollten bis zu 25 000 Bodenroboter angeschafft werden, heisst es. Eine so umfangreiche Einführung eines neuen Bodensystems wie diese dürfte es in einem laufenden Krieg selten gegeben haben.Die meisten UGV sehen unspektakulär aus. Es handelt sich um kleinere und grössere Fahrzeuge auf Ketten, mitunter gepanzert, ausser zur Versorgung der Fronttruppen dienen sie vor allem als Aufklärungsroboter oder mobiles Relais. Die Transport- und Unterstützungsroboter mögen banal wirken. Aber im Krieg in der Ukraine mit seinen erstarrten Fronten sind sie für die Soldaten von existenzieller Bedeutung.Gerade die Bergung der Verwundeten und Gefallenen von der Front zeigt das. Anfang des Jahres wurde ein Fall bekannt, bei dem ein verletzter ukrainischer Soldat mit einem unbemannten Fahrzeug aus der Gefechtszone transportiert wurde, das von einer russischen Drohne getroffen wurde. Der Soldat überlebte, weil das Fahrzeug gepanzert war.Dieses Bild entstand bei einer Militärübung in der Ostseestadt Rostock. Es zeigt einen Roboter (Robot-Dog), der eine Drohne inspiziert.Annegret Hilse / ReutersEin anderes Beispiel belegt, dass auch mit Roboterfahrzeugen nicht alle Risiken zu reduzieren sind. Ein Video auf Telegram zeigt, wie ein ukrainischer Soldat seinen verletzten Kameraden auf ein unbemanntes Fahrzeug lädt, als eine russische Drohne einschlägt. Die beiden Soldaten sterben.Die Entwicklung von Bodendrohnen in der Ukraine ist nicht mit reinem technologischem Enthusiasmus zu erklären. Es ist vor allem der militärische Zwang, der die Ukrainer antreibt. Die Ukraine leidet unter Personalmangel. Im Gegensatz zu Russland hat sie als demokratisches Land zudem einen Anreiz, die Sterblichkeit ihrer Soldaten so gering wie möglich zu halten. Roboter helfen, Soldaten aus besonders gefährlichen Routineaufgaben herauszulösen und ihre Kampfkraft sinnvoller zu nutzen.Maschinen kämpfen gegen MaschinenDas alles folgt einer Logik, die es schon immer gab. Neue Technologien finden ihren Weg an die Front: Pfeil und Bogen, Schilde und Rüstungen, Kanonen und Panzer. Sie haben den Krieg verändert. Heute übernehmen Maschinen zunehmend Tätigkeiten im tödlichsten Abschnitt der Front. Auch das verändert den Krieg.Bei den Flugdrohnen ist zu sehen, wie weit das gehen kann. Schon heute bestimmen sie das Geschehen an der ukrainischen Front. Je mehr KI-gesteuerte Drohnen in das Geschehen eingreifen, desto häufiger kämpfen nur noch Maschinen gegeneinander.Wie die Flugdrohnen passen die Ukrainer innerhalb kurzer Zeit auch die Bodendrohnen den Bedingungen auf dem Gefechtsfeld an. Rückmeldungen von der Front fliessen in kurzer Zeit in die Systeme ein. Entwicklungszyklen, die in westlichen Beschaffungsprogrammen oft Jahre dauern würden, schrumpfen auf Wochen oder Monate.ARX Robotics, ein Hersteller von Bodendrohnen aus der Nähe von München, beschrieb diesen Unterschied vor kurzem in einer Pressemitteilung. Die in der Ukraine eingesetzte Version seines Bodenroboters Gereon, heisst es, würde in Deutschland keinen TÜV-Stempel erhalten, weil es zu lange dauere, die vielen Zulassungsregelungen zu erfüllen. Für die Ukraine seien Sicherheitsmechanismen, die westliche Beschaffungsvorschriften verlangten, entfernt worden, um die Systeme billiger und robuster zu machen.Anders ausgedrückt: Pragmatismus und Geschwindigkeit schlagen westliche Überregulierung.Vorführung eines Bodenroboters vom Typ Gereon RCS im Januar in Erding in Bayern.Johannes Simon / GettyWestliche Armeen experimentieren seit JahrzehntenBodenroboter im Militär sind nichts Neues. Seit Jahrzehnten testen westliche Armeen unbemannte Systeme am Boden. Vieles wirkte lange Zeit wie experimentelle Forschungsrobotik ohne Chance auf eine Realisierung im Militär. Das lag auch daran, dass viele Roboter an Schlamm und Hindernissen im Gelände scheiterten und ihre Reichweite zu gering war.Der Krieg hat diese Probleme nicht verschwinden lassen. Westliche Streitkräfte dachten lange in Kategorien perfektionierter Plattformen. Doch die Ukraine akzeptiert heute bewusst billigere und unvollkommene Systeme, solange sie militärisch nützlich sind.Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen militärischer Robotik und zivilem autonomem Fahren. Moderne Bodendrohnen nutzen ähnliche Technologien wie selbstfahrende Autos: Kameras, Sensoren zur Abstandsmessung, künstliche Intelligenz, Hinderniserkennung oder Navigation. Die Militärrobotik profitiert massiv von der Industrie des autonomen Fahrens, auch wenn die vollautonome Navigation im unwegsamen Gelände unter Jamming-Bedingungen (GPS-Ausfall) an der Front oft noch scheitert.Ein estnisches Unternehmen führt in EuropaAuffällig ist, dass die Dynamik bei unbemannten Bodensystemen weniger von traditionellen Rüstungskonzernen ausgeht als von kleinen Firmen. Das deutsche ARX Robotics verkörpert eine Startup-Logik: kleinere Plattformen, schnelle Software-Anpassung und enge Rückkopplung mit den ukrainischen Fronttruppen.Auch das estnische Unternehmen Milrem Robotics ist für Europa wichtig. Milrem hat eine Art robotischen Allzweckpanzer entwickelt, der nicht nur in der Ukraine, sondern in vielen europäischen Armeen eingesetzt wird. Milrem steht für die erste Generation europäischer Bodenroboter. Das Unternehmen produziert modulare Systeme für Logistik, Verwundetentransport oder Minenräumung.Vor allem die Entwicklung von Milrem entspringt den Zwängen der Sicherheitslage. Die baltischen Staaten nahmen die russische Bedrohung deutlich früher ernst als viele westeuropäische Staaten. Sie investierten massiv in Digitalisierung und autonome Systeme. Deutschland betrachtete die Bodenroboter lange Zeit eher als Zukunftstechnologie.Andere westliche Armeen sind da weiter. Sie experimentieren seit Jahren mit Bodenrobotern. Dazu zählt die US-Armee ebenso wie die britischen und die französischen Streitkräfte. Viele der Programme befinden sich noch im Versuchsstadium. Die Ukraine ist das erste Land, das solche Systeme massenhaft unter realen Gefechtsbedingungen einsetzt.Ein ukrainischer Soldat bestückt ein unbemanntes Fahrzeug mit Minen, die es gegen die russische Armee auf Feldern und Marschwegen verlegen soll.Sofiia Gatilova / ReutersEher ferngesteuerte Fahrzeuge als autonome RoboterAuch Russland setzt Bodenroboter ein. Die Armee experimentierte bereits vor dem Überfall auf die Ukraine mit bewaffneten unbemannten Systemen. Heute kommen vor allem kleinere Systeme für den Transport, die Räumung von Minen und als rollende Sprengsätze zum Einsatz.Doch die technischen Schwierigkeiten sind überall gleich. Bodenroboter scheitern noch immer an Schlamm, Funkverbindungen brechen ab, Batterien begrenzen die Reichweite. Viele Systeme sind bis jetzt eher ferngesteuerte Fahrzeuge als autonome Roboter.Doch der Krieg in der Ukraine zeigt, dass militärische Innovation selten dort entsteht, wo Armeen über unbegrenzte Ressourcen verfügen. Sie entsteht vielmehr dort, wo Verluste die Truppen massiv dezimieren und der Fortbestand des Landes in Gefahr ist.Passend zum Artikel